Claras Allerleiweltsgedanken


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Mit Marktlücken Geld verdienen

Clara kommt spät am Abend ziemlich geschafft von der Arbeit. Theres und Clemens kommen ihr zur Tür entgegengelaufen. Kaum sitzt sie, stürmen beide auf sie ein, um vom Tag zu erzählen. Als es allerhöchste Zeit fürs Bett ist, betteln sie – zum wiederholten Mal zu einer vollkommen ungeeigneten Tageszeit : „Mutti, erklärst du mir die Nähmaschine?“, fragt Clemens. Mit seinen 11 Jahren scheint er sich tatsächlich für dieses Ding zu interessieren.  Kurz darauf die Tochter bittend: „Wenn Clemens im Bett ist, zeigst du mir dann, wie das Stricken funktioniert, Mutti?“

Nix da, heute ist es dazu wirklich schon zu spät! Das können wir am Wochenende machen, da bleibt sicher Zeit dafür!“, erklärt Clara kategorisch.

Theres hat am Tag darauf ein Knäuel Wolle in der Hand, das sie im Schrank gefunden hat,  und erkundigt sich, ob sie das haben dürfte. Da Clara weder Stricken noch Häkeln,  auch nicht Sticken und Knüpfen als Hobby  hat, spricht nichts dagegen.

Als dann auch Clemens vorsichtig anfragt, ob er den blauen Stoff haben dürfte, der bei der Balkonkissennähaktion übrig geblieben ist, hätte sie zumindest leicht stutzig werden müssen.

Was ging wohl in den süßesten aller süßen Kinderköpfe so vor??? „Dir werden wir es zeigen, wenn du nie Zeit hast, immer so viel arbeiten musstwir brauchen dich und deine dämlichen Erklärungen gar nicht“, das dachte vielleicht der oder die eine. „Das kann doch wohl nicht so schwer sein, eine Gebrauchsanleitung zu verstehen! – Im Bastelbuch ist doch abgebildet, wie man die Nadeln halten muss und den Faden…“, das mag vielleicht das andere Kind leicht trotzig gedacht haben.

Noch vor dem spannenden „in-die-Geheimnisse-des-Strickens-und-Nähens-Einweisungs-Tag“ kommt Clara nach Haus. Ganz einträchtig sitzen die beiden Geschwister beieinander – Theres strickt, Clemens näht. Clara traut ihren Augen nicht, aber an den Stricknadeln hängt wirklich schon ein ganzes Stück Gestricktes. „Hat es dir die Mutter von Anja gezeigt?“, fragt sie mit einem ganz leichten Anflug von Zerknirschung in der Stimme. Da Clara so oft lange arbeiten muss, ist Theres oft bei ihrer Freundin und das erscheint ihr eine logische Erklärung zu sein.

Theres reicht ihr das Buch, das neben ihr liegt. Genau so gut hätte sie auch auf eine Mondraketenzeichnung weisen können: Schlingen, Schlaufen, Nadeln. „Was, danach hast du Stricken gelernt?“ Die Skepsis in ihrer Stimme ist nicht zu überhören. „Na, das war doch nun wirklich nicht schwer!“, meint Theres.

Dann wendet sich Clara dem Lütten zu, der an der Nähmaschine sitzt und näht, richtigen Zickzack-Stich. Nicht gerade Fußballfan, erinnert sich Clara dennoch schwach, diese weiß-schwarzen Rhomben auf blauem Grund schon einmal gesehen zu haben. Doch sie muss nicht lange grübeln, Clemens klärt sie auf: „Mutti guck mal, 3 HSV-Aufnäher habe ich schon fertig. Und bei der Menge des Stoffes kriege ich bestimmt noch zehn weitere fertig!“ Und, und, und…
Clara holt erst einmal tief Luft, erkundigt sich kurz nach technischen Fragen der Nähmaschinenbedienung. Sie kann keine Falschbedienung erkennen. Dann möchte sie wissen, wie viele seiner T-Shirts er denn mit solch einem Aufnäher versehen will. Dunkel schwant ihr, dass der Sohn damit nicht den ersten Preis im Politwettbewerb der Klasse gewinnen wird, denn Hamburg liegt ja im grauen Niemandsland, was es auf der Landkarte gar nicht gibt.

Irrtum, Söhnchen wird in der Masse untertauchen, er erledigt quasi eine Auftrags-Näharbeit. Alle Jungen seiner Klasse wollen das Abzeichen vom HSV tragen und sind auch noch bereit, dafür 5,00 Mark zu löhnen.

Clara will damit nicht sagen, dass der Sohn aus Sch… Geld machen kann, aber zumindest aus blauem Stoff.

Das Bild zur Geschichte gibt es, wie immer, hier: