Claras Allerleiweltsgedanken

Nachruf-Gruß an meinen unbekannten Papa

17 Kommentare

Lieber Papa,

ich habe dich nie kennengelernt, denn an Zeiten vor meinem 1. Geburtstag kann ich mich nicht erinnern.

Als ich die Zeitung aufschlug und las, dass Deutschland am heutigen Tag vor 64 Jahren endgültig besiegt und der  Krieg beendet war, fielst du mir in diesem Zusammenhang ein. In der DDR hieß dieser Gedenktag übrigens „Tag der Befreiung„, von ganz Übereifrigen wurde noch hinzugesetzt: „… vom Hitlerfaschismus.“ In heutigen Kalendern ist er nicht mehr benannt.

Doch für mich war es immer der Tag, an dem ich zu deinem Grab pilgern musste. Es war ein echter „Kampftag“ für mich: Vormittags Absingen von Kampfliedern in der Schule, nachmittags die Wanderung zum Friedhof zu deinem Grab. – Tut mir leid, aber diese Besuche wurden mir von Jahr zu Jahr verhasster, da um dich so ein Wahnsinnskult gemacht wurde. Falls ich mein aufmüpfiges Wesen von dir geerbt haben sollte, dann weißt du ja, warum ich nach einigen Jahren heftigst und mit Erfolg protestierte:

Ich will nicht zu diesem fremden Mann auf den Friedhof!.

Ich kann dein unvorsichtiges Verhalten, dass zu deinem Unfall und sofortigem Tod geführt hat,  100% nachvollziehen, denn ich wäre ähnlich. Du hattest es eilig, auf der Straße fährt 1946 eh kein Auto – meinst du -, die Ausfahrt von deinem Arbeitsgelände ist abschüssig. Doch leider steht nicht – wie heute – unten ein großer Parabolspiegel, der dich die Straße einsehen lässt. Dann hättest du ihn sicher gesehen, den riesigen russischen LKW, dessen Fahrer keine Chance hatte, vor dir und deinem Fahrrad zu bremsen.

Zu deinem 60. Todestag habe ich dir an die Unfallstelle folgendes „Fähnchen“ gestellt, denn dein Grab existiert schon lange nicht mehr. Heute bekommst du es zur Erinnerung hier eingestellt – dann sehen es auch deine Enkel, vielleicht auch Urenkel, deine Nichte und andere, die dich genau so wenig kennen wie ich.

Da ich es nicht anders kannte, als ohne Vater zu sein, habe ich dich nur selten vermisst. Stimmt nicht, ich wollte doch öfter einen Vati oder Papa haben wie die meisten anderen in meiner Klasse. – Besonders blöd fand ich, dass du den Krieg relativ unbeschadet überstanden hast und dich aus russischer Gefangenheit mit einem schlitzohrigen Trick (Papa, ich bin doch deine wahrhaftige Tochter!) nach Hause entlassen ließest – und dann packst du dich nach alledem unters Auto!!!!

Übel genommen habe ich dir immer, dass ich deswegen bis zu meinem 14. Jahr kein Fahrrad bekam. Meine Mutter glaubte wirklich, dass das genützt hat. Dabei tauschte ich jede Süßigkeit gegen eine „Runde Radfahren ums Karree“. Kinder mit eigenem Fahrrad lernten bald, dass sie bei mir ihren Süßigkeitenbedarf decken konnten.

Was konnten wir alles nicht miteinander erleben:

  • Ich habe nichts Schlimmes durch dich erlebt, aber auch nichts Schönes
  • Du hast mich nie geschlagen, aber ich wurde auch nie von deiner Hand gestreichelt
  • Aus deinem Mund kamen nie schimpfende Worte, aber du konntest mich auch nicht loben
  • Ich musste mich nie gegen über-väterliche Autorität wehren, aber wir konnten auch in keinen sportlich-fairen Wettstreit treten
  • Ich wurde nie von dir mit lauter Stimme zur Ordnung gerufen, aber an meinem Bett sang mir auch keine väterliche Stimme ein Nachtlied.

Wenn du schon in Lebzeiten nichts für mich tun konntest – durch die Rente, die deine damals  so junge Frau jetzt bekommt, konntest du mir sehr helfen. Weil es ein „russischer“ LKW war, wurde es noch als Kriegsschaden betrachtet und die Unfallrente für deine Frau war höher als sonst üblich. – Für eine Hartz-IV-Empfängerin eine Sache, die nicht vom Tisch zu wischen ist.

So blöd es sich anhören mag, für deine Witwe war ein positiver Aspekt dabei: Sie konnte wieder zu den Sakramenten gehen.  Die katholische Kirche hatte sie exkommuniziert, weil sie einen geschiedenen Mann geheiratet hat. Damals war man offensichtlich noch sehr viel strenger als heute! Heute kann man viel mehr Unheil anrichten und wird weder exkommuniziert noch „disqualifiziert“.

Schade, dass wir uns nicht wirklich kennen – ich glaube, dass ich sehr viel von dir geerbt habe.

Autor: Clara Himmelhoch

Auf meinem PR = purple Roller fahre ich durch die Bloggerwelt und mache PR = Public Relation. In meinem Gepäck habe ich fast täglich eine "Überraschung" für meine LeserInnen. Obwohl Oma aus Leidenschaft, gibt es kaum omahaftes hier - und Hausfrauentipps und -tricks müsst ihr wo anders lesen.

17 Kommentare zu “Nachruf-Gruß an meinen unbekannten Papa

  1. Pingback: Eine sehr ungewöhnliche Methode, … « Claras Allerleiweltsgedanken

  2. Ich glaube, ich habe gar kein gemeinsames Foto – dafür einige von ihm oder meinen Eltern zusammen. – Tja, so ist das halt mit den Halbwaisenkindern!
    Clara grüßt dich

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  3. Liebe Clara,
    leider konnte ich deinen Nachruf erst heute lesen. Aber ich verstehe nun, was du meintest beim Betrachten meiner Bilder.
    Du hast das sehr schön geschrieben, viel mehr, als wohl manch eine/r über seinen Vater schreiben würde, wenn sie/er ihn ihr/sein Leben lang gekannt hätte…
    Ich schick mal liebe Grüße nach Berlin,
    Sunny

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    • Ich will ja nicht lästern – aber vielleicht hätte ich auch nichts geschrieben, hätte ich ihn gekannt. Im Grunde genommen sind es doch nur meine Sehnsüchte, Hoffnungen, Wünsche, die ich meine ganze Kinderzeit mit mir rumgechleppt habe.
      Danke Sunny für die lieben Grüße – ich denke, du kannst sie auch von mir gebrauchen und deswegen schicke ich Drückerlis zurück, meine Große!

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  4. Tja. Die Väter. Ob sie wollen oder nicht, sie hinterlassen meist einen bleibenden Eindruck.
    Ich bin sicher, ganz gleich auf welcher bunten Wiese er jetzt gerade wandelt, er grinst sich eins und ist stolz auf dich.

    Und wenn ihr euch irgendwann mal wiederseht, zieht er dir die Ohren lang. So ganz väterlich. Weil du so ein „Plaudermäulchen“ bist. 🙂 Und dann nimmt er dich stolz in den Arm.
    Auch – weil du ein „Plaudermäulchen“ bist. Sein Andenken ehrst.

    Bis dahin ist es allerdings noch ewig lange hin und ich hoffe sehr, dass du auch weiterhin so ein „Plaudermäulchen“ bist. Und uns so teilhaben lässt. An all diesen interessanten Einblicken und Geschehnissen.
    🙂

    Liebe Sonntagsgrüße.
    Heike.

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    • Hallihallo, ich habe versucht, mir einen Grundsatz zur Regel zu machen: Außer über aktuelle Krankheitsmeldungen oder sonstwas, aber sonst sind alle Geschehnisse, die ich von anderen erzähle, ca. 20 Jahre her. Anfangs, als noch niemand bei mir las, habe ich diesen Grundsatz nicht beachtet – diese Posts habe ich im nachhinein mit einem Passwort versehen.
      Und über mich kann ich plaudern, wie mir mein „Herzchen“ überläuft und mein „Mäulchen“ schnattern kann.
      Lieben Sonntagsgruß zurück von Clara

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  5. skryptoria, du tauchst hier (wieder) auf wie Phönicia aus der Asche, schön wie die Morgenröte (nehme ich einfach mal an). – Die Unfallstelle muss ich nur ganz selten und wenn, dann ganz bewusst, passieren, weil sie in der Nähe meiner „Aufwachs-Stadt“ Görlitz ist, 10 km davon weg. Zu seinem 60. Todestag war ich mit meiner Mutter dort. – Das Traurige für mich war nur, dass er von meiner Mutter nie von seinem „Thron“ verstoßen oder gar durch einen anderen ersetzt wurde . Mit 30 !!! ist sie Witwe geworden und hat nie mehr wieder einen anderen Mann gehabt. – Ich schwöre, ich kann nur nach meinem Vater gehen, nicht nur in dieser einen Beziehung!

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    • Egal, wie viele Tage du wirklich „weg“ warst, du warst einfach nicht „hier“ und damit für mich „weg“. Ist diese Logik nachvollziehbar? Wahrscheinlich nicht! –
      Im ganzen, ganzen, langen Leben nur einen einzigen Mann? – Das ist für mich auch nicht nachvollziehbar, muss es ja aber auch nicht.

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  6. Dass ich ihm ähnlich bin, ist mehr eine Vermutung als eine Gewissheit. Meine Eltern waren in 2 1/2 Jahren Ehe genau 43 Tage zusammen, wie sich aus Tagebüchern rekonstruieren ließ. – Mein Halbbruder war 12 bei seinem Tod und ich bin der Auffassung, meine Mutter kannte ihren Mann auch nicht richtig. – Vielleicht treffe ich ihn „da oben“ doch mal, dann kann ich ihn ja fragen.
    Muttertag – wenn ich nur nicht so ungeduldig wäre!
    Liebe Grüße an dich und die Stadt, in der heute auch mein Sohn ist.

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  7. Rührend und ein bisschen traurig. Und obwohl du ihn so gut wie nicht kanntest, lebt er doch in deiner Erinnerung. Das würde ihn sicher freuen.

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    • Hallochen, ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass ich ihn gar nicht kannte, denn sein letzter Besuch in Bayern (wo ich geboren wurde) war Weihnachten 1945, da war ich 4 Monate alt. Und im Mai 46 ist er verunglückt. Ich habe mir nur immer vorgestellt, wie er gewesen sein könnte.
      LG von Clara

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  8. Liebe Clara,

    ich habe ja nicht oft Zeit hier all das, was mich sehr interessiert, zu lesen – leider! -, denn Du hast eine unglaubliche Art und Weise buchstäblich zu be-schreiben. Ich weiß, das habe ich Dir schon mal „gepostet“. 😉 Aber ich werde mich bestimmt in dieser Hin-sicht noch öfter wiederholen, wenn ich Deinen Blog besuche!

    Wie ich lese, bist Du Mutter. Dein Sohn kann stolz auf Dich sein. Das behaupte ich einfach mal so, ohne Dich persönlich zu kennen. Und Dein Vater blinzelt Dir bestimmt von „Irgendwoher“ zu und amüsiert sich köstlich über Deine Zeilen. Er wäre – oder vielleicht ist er es noch – bestimmt auch stolz. Und Du auch auch ihn? Wer weiß das schon. Wie Du schreibst – ALLES hat zwei Seiten – Licht und Schatten -, und das IST GUT so …

    Einen sonnigen Muttertag mit lieben Grüßen
    wünscht Dir Sabina

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    • Danke, liebe Sabina. Es freut mich sehr, wenn meine Posts Freude bringen. – Ich bin 2x Mutter, 2x Oma und 1x Tochter. Meine Mutter hole ich gleich aus dem Heim zum Spargelessen. Mein Sohn treibt sich an diesem WE in München rum u. meine Tochter wohnt ganz weit weg in Süddeutschland. Also ein ganz ruhiger „Muttertag“.
      Liebe Grüße an dich von Clara

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  9. Eine schöne Art sich „Nichtzuerinnern“…

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    • Ich weiß, wie ich ihn mir gewünscht hätte – bloß ob er so gewesen wäre, ist die Frage. Mit gerade mal 40 so abzutreten … Mein Sohn wird nächstes Jahr 40. – Ist schon irgendwie eigenartig.

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