Claras Allerleiweltsgedanken

Geständnis

18 Kommentare

Geheiratet haben wir am Ostermontag. Diese Geschichte passierte an einem Pfingstmontag. Ihr seht, Gutes und weniger Gutes ist an den Montagsfeiertagen oft dicht beieinander.

Jetzt, da ich annehmen darf, höchstens für die drittschlechteste Mutter Berlins gehalten zu werden, will ich die alptraumverursachende

Theres-Clemens-Gänsehaut-Geschichte

dokumentieren.

Es begab sich an einem Abend Mitte der 70er Jahre, dass die Bewohner einer 6. Etage – insbesondere die weiblichen – auf der schon erwähnten Fischerinsel in helle Aufregung gerieten.

Das genaue Alter der Protagonisten will ich verschweigen, um nicht eine nachträgliche Klage wegen Verletzung der Aufsichtspflicht zu riskieren. Andererseits: Die Sache ist nach 35 Jahren verjährt.

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Eines Abends folgten wir der Einladung zu einer Geburtstagsfeier, die mit Tanz auf einem Schiff veranstaltet werden sollte. Die Kinder freuten sich darüber, allein bleiben zu dürfen, denn da wurde der Beginn der Nachtruhe nicht so streng elterlich reglementiert. Der „seelische Reifegrad“ der Kinder, zumindest der des älteren, schien diese Entscheidung zu rechtfertigen.

Getroffene Vorsichtsmaßnahmen:

  • Streichhölzer zugriffssicher verwahrt
  • Gasherd gegen Elektroherd getauscht (Maßnahme, die der Vermieter für alle Hausbewohner ungefragt erledigte)
  • Fenster mit einem nach unserer Meinung sicheren Verschlussmechanismus versehen

Für alle anderen, plötzlich auftretenden Imponderabilien (ist das nicht ein Traumwort, diese Unwägbarkeiten des Lebens?) war die Nachbarin instruiert. Die Wohnung blieb unverschlossen, so dass die Kinder jederzeit auf den Flur konnten, wo noch 11 andere Familien wohnten.

Der heutzutage übliche Babysittermodus war total unbekannt und wurde von niemandem, großes Ehrenwort, von niemandem, den wir mit Kindern kannten, angewendet. Das Ängstlichkeitslevel der Mütter / Eltern war weitaus niedriger als heute.

Jetzt kann ich nur berichten, was sich abgespielt haben könnte, denn das Stückwerk, was ich im Nachhinein von Nachbarn und Kindern erfuhr, hat nie ein komplettes Puzzle ergeben.

Kinderzimmerdialog

„Theres, guck doch mal, ich kann ganz doll alles sehen, was da unten los ist“, ruft Clemens seiner großen Schwester zu.
„Das dürfen wir aber nicht, komm sofort  wieder runter, Clemens“, versucht die schon sehr vernüftige Theres ihren Bruder vom Schreibtisch zu locken, der so verführerisch unterm Fenster steht, dass man von dort einen fantastischen Überblick über das Geschehen auf Parkplatz und Straße hat. Clemens ist jedoch nicht bereit, seinen so selten genehmigten Ausguck widerspruchslos aufzugeben. Durch sein intensives Schwärmen schafft er es , seine Schwester ebenfalls auf den Tisch zu locken. Im alten Testament ist die Verführung weiblich, im neuen Hochhausleben dagegen männlich.

Was sehen Kinder normaler Weise, wenn sie vor den hohen Fensterbrüstungen stehen: Himmel, Wolken, Äste, Dächer!

Und jetzt: Autos, Motorräder, Menschen, Leben!

Als Theres ebenfalls Aussichtsposten bezogen hatte, freut sie sich und im kindlichen Übermut lösen sie die angeblich sichere Fenstersperre, öffnen das Fenster und spielen: „Zeigt her eure Füße, zeigt her eure Schuh …“ Offensichtlich haben sie dabei jedesmal ihre Beine zum Fenster rausgestreckt, damit auch wirklich jedermann ihre Schuhe begutachten kann.

Plötzlich meint Theres: „Guck mal, da drüben winkt uns jemand!“ (das: „ganz aufgeregt“ setze ich jetzt einfach mal in Gedanken hinzu). Freundlich winken beide Kinder zurück.

Auf einmal stellt Clemens fest, dass es jetzt richtig spannend wird. Mit Blaulicht und großem Tatü… fahren zwei große Feuerwehrwagen vor das Haus. Ursprünglich war er ja schon bereit, seinen Fensterplatz gegen seine Spielecke zu tauschen, weil es langsam langweilig geworden war – doch die beiden Feuerwehrautos versprachen neue Spannung.

Ich darf es mir jetzt nicht ausmalen, was so ein kleiner Kerl anstellen muss, um aus einem Fenster senkrecht nach unten gucken zu können – denn dort spielte ja jetzt die Musik.

Er sieht, wie mehrere Feuerwehrleue hektisch aus dem Auto springen. Einige rennen ins Haus hinein, andere breiten ein großes, dunkles Tuch aus, dass alle festhalten. Wäre ihm der Begriff „Trampolin“ schon bekannt gewesen, hätte er es womöglich ausprobieren wollen.

Spätestens jetzt haben die beiden diensthabenden Schutzengel wahrscheinlich ganz schnell Verstärkung angefordert, denn beide Kinder sahen gespannt, wohl doch ein wenig unruhig, den Männern entgegen, die plötzlich in der Wohnung standen. Es hatte kurz und  heftig an der Wohnungstür geknallt – ein Knall, wie ihn eben so ein abgesprengter Türzylinder von sich gibt – und da waren sie, die Feuerwehrleute, die hektisch in das Haus hineingerannt und sechs Treppen nach oben gestürmt waren. Im Hintergrund sind in der geöffneten Wohnungstür viele der Nachbarsleute zu erkennen. Ich vermute mal einfach so, dass einige Frauen feuchte Augen haben.

Wo sind denn eure Eltern?„, fragte einer. Wahrheitsgemäß, wie das Kind erzogen wurde, antwortet es: „Die sind tanzen.“

Ja aber, warum ist denn das Fenster offen?“, muss wohl einer recht fassungslos gefragt haben. Und auch da konnte ihn Theres „beruhigen“: „Das lassen unsere Eltern immer offen, damit wir frische Luft bekommen!“ Nur erzählte sie nicht, dass dieses Fenster im Normalfall mit einer Sicherung verschlossen war. (Den Mechanismus der Kippfenster wie heute gab es im Osten nicht.) – Also auf jeden Fall: Erstickt wären sie nicht!

Die Feuerwehr will die Kinder in Obhut nehmen, doch eine Nachbarin verhindert das und packt sie zu ihren beiden Kindern dazu.

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Als Clara und Hannes nach Haus kommen, das aufgebrochene Schloss und den Zettel der Feuerwehr vorfinden, sind die Alpträume der nächsten Wochen vorprogrammiert.

Die aufmerksamen, winkenden Nachbarn von Gegenüber, die den Feuerwehreinsatz initiiert hatten, wurden mit Blumen und Sekt „überschüttet“.

Autor: Clara Himmelhoch

Auf meinem PR = purple Roller fahre ich durch die Bloggerwelt und mache PR = Public Relation. In meinem Gepäck habe ich fast täglich eine "Überraschung" für meine LeserInnen. Obwohl Oma aus Leidenschaft, gibt es kaum omahaftes hier - und Hausfrauentipps und -tricks müsst ihr wo anders lesen.

18 Kommentare zu “Geständnis

  1. BOAH, ich lieg am Boden!! 😀 😀 😀
    HERRLICH!! 😀

    Habt ihr hernach Scherereien mit Behörden gehabt?
    Von wegen nicht qualifizierte Eltern oder so?

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  2. Pingback: Drei Sekunden nicht aufgepasst … « Claras Allerleiweltsgedanken

  3. Oh mir wurde ganz anders beim lesen.
    Aufregend..
    Aber wie muss es euch ergangen sein als
    ihr nach Hause kamt.
    Kinder haben ja keinen Begriff der Gefahr.

    Solche Nachbarn sind Gold wert.

    Herzlichen Gruss
    Elke

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    • Hallo Londonerin, als ich den Bescheid von der Polizei an der Tür las, sind mir fast die Beine weggesackt und dann habe ich hemmungslos geheult.Mein Mann musste mich immer wieder trösten, denn die Kinder waren ja schlafend bei den Nachbarn und nicht runtergefallen.
      Mit Gruß von Clara

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  4. Spannung pur! Da können wir hier in Kleinbloggersdorf gar nicht anders, als dir zu vergeben. 😉
    Herzlichst! Margot

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  5. autsch, autsch autsch! und du bist wirklich sicher, dass das verjährt ist?

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  6. Boah, irre aufregend, da musste ich echt Gänsehaut spüren, aber deine Erzählung lies mich auch schmunzeln, weil du die Sicht der Kids so gut getroffen hast.

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  7. Ach du Sch….ande. Da bleibt einem ja die Luft weg. Was für eine Vorstellung!!! 6-ter Stock.

    Heute würde bei sowas ne Rechnung der Feuerwehr kommen und das Jugendamt gleich hinterher.

    Es ist wieder mal sehr spannend zu lesen, was du so alles erleben konntest/musstest/durftest. Und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Da bin ich sicher.

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  8. @ alle: Danke für eure Anteilnahme. Meine Kinder, die sich noch gut an die Aufregung erinnern können, verstehen diese auch heute noch nicht richtig, sie fanden es nicht so schlimm. – Ich bin wirklich noch Monate später im Schlaf hochgeschreckt und bin gucken gegangen, ob sie im Bett liegen. Später haben wir dann eine absolut perfekte Sicherung erdacht – aber eben erst danach.

    @ Ruth: Ruth, ohne Feuerwehr wäre es bestimmt langweilig geworden.

    @ Sunny: Wir haben auch ewig auf die große Rechnung der Feuerwehr gewartet – nichts kam: Im Osten wurden Kinder kostenlos geschützt, is doch mal was.

    @ Lebenzeichnendes: Willkommen hier in „Berliner Omas Geschichtenblog“ – denn das kann ich offensichtlich am besten. Bleib dran, es bleibt spannend!

    @ tonari: Du wirst es nicht glauben, aber als ich die auf dem Foto sah, habe ich wirklich einen SChreck bekommen. Dieser Schock sitzt wahrscheinlich lebenstief. – Unser Hochhaus wurde wohl 1977 gebaut. Aber die Fensterflügel waren einfach zu groß und schwer (Ein Fenster ging über die gesamte Zimmerbreite und hatte nur 2 Flügel), das wäre für eine Kippmechanik zu schwer gewesen. –

    Das Schutzengelkommando hat wirklich gute Arbeit geleistet. Jetzt gehe ich Kinder hüten zu meiner süßen Siebenjährigen, die macht Gott sei Dank solchen Blödsinn nicht. Ihr werdet sie in der übernächsten Geschichte begrüßen dürfen.

    Und tschüss bis zum späten Abend, da kann ich wieder lesen und schreiben!

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  9. Oh, Dich hat wohl mein Karneval-der-Kulturen-Foto inspieriert, bei dem die beiden Mädels ihre Füße zum Fenster heraus baumeln ließen?
    Gruselige Story, die Du uns da erzählst. Da muss der Schutzengel im Turbo ums Haus gekreist sein.
    Meine ostigen Fenster hatten übrigens schon eine Kippmechanik 😉

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  10. Woah, was für eine Geschichte! Gut, dass sie so ausgegangen ist. Per Zufall hier vorbeigekommen, musste ich mich mit schockiertem Gesicht und offenem Mund unbedingt versichern, dass auch alles gut gegangen ist…

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  11. Ojeojeoje… Wie gut, dass die Schutzengel so eifrig Dienst getan haben! Hatte das Ganze denn noch ein Nachspiel?
    GLG und gute Nacht,
    Sunny

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  12. Liebe Clara, da wird mir schon beim Lesen ganz anders. Was da hätte passieren können :-(.
    Solche Nachbarn, die aufpassen, kann man sich nur immer wieder wünschen.

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  13. Boah! Aufregend! Adrenalin pur.
    Zum Glück gab es Leutchen, die aufgepasst haben. Oder den Kindern wäre der Fensterplatz eh bald langweilig geworden. Aber das kann man jetzt nicht mehr sagen…

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