Claras Allerleiweltsgedanken

Clara bekommt Telefon (1985)

28 Kommentare

Bei einer Scheidung in der DDR ging es nicht nur darum, die persönlichen Erinnerungen aufzuteilen nach dem Motto, wer bekommt welche Fotoalben, Schallplatten oder Bücher. „Bücher“, „Schallplatten“ – das hört sich für Leute, die nicht in einer solchen (teilweise bewusst herbeigeführten) Mangelwirtschaft groß geworden sind, so an, als wenn man sie doch einfach bei Amazon oder im Laden nachkaufen könnte. – Mit Nichten (auch nicht mit Neffen) – dafür musste man Beziehungen haben, damit man diese Bückware bekam, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Fleck stundenlang in der Schlange stehen. Na ja, vorbei, dafür hatten wir damals immer das nötige Geld für die wenigen guten, aber preiswerten Bücher.

Also wurden diese Exemplare, an denen von beiden Seiten Herzblut hing, ausgelost – bei uns zumindest.
Doch dann ging es ja auch noch darum, die größeren Sachen zu teilen wie Wohnung, Garten oder Auto. Bei der Wohnung hilft das Gericht, bei den anderen die finanzielle Situation

Doch wer hilft bei der Teilung der Telefonnummer? Es brächte ja nichts, wenn jeder 4 Ziffern der Nummer bekommt!

Die Wartezeit auf einen neuen Telefonanschluss lag in manchen Gegenden der DDR im zweistelligen Jahresbereich, wenn der Antrag nicht durch ärztliche Atteste, betriebliche Dringlichkeitsbescheinigungen oder sonstige erlogene Schreiben unterstützt werden konnte.

Aus dem „Kampf“ um die Telefonnummer ist Clara als Verliererin hervorgegangen.

Da war guter Rat teuer, wo doch das Telefon den Stellenwert für sie hatte, wie es heute vielleicht das Internet haben mag – schlichtweg Möglichkeit zur Kommunikation.Die familiären Telefonrechnungen wurden immer nur von ihr in die Höhe getrieben.

Nicht, dass jetzt jemand den Ratschlag erteilt, als Interimslösung auf ein Handy auszuweichen!

Keiner soll sagen, es gab in der DDR kein Handy – nur jeder kann sagen, die Hand- und Hosentaschen für dieses Handy waren zu klein.

Anträge schreiben ist  wohl typisch deutsch, nicht nur typisch DDR-deutsch, denn es heißt:

Von der Wiege bis zur Bahre – Formulare, Formulare!

Kaum in die neue Wohnung gezogen, war der Telefonantrag auch schon abgegeben. In Berlin hatte sich der Markt etwas entspannt – die Wartezeiten lagen bei ca. 3 Jahren, abhängig von der Wohngegend.

Üblich waren sogenannte Doppelanschlüsse, bei denen gleichzeitig immer nur ein Partner telefonieren konnte. Kaum jemand kannte seinen Partner – wahrscheinlich sollte Lynchjustiz vermieden werden bei solchen Leuten wie Clara, die stundenlang die Leitung blockierte.

Es gab folgenden Trick: Wenn besetzt, Hörer daneben legen, und dann war es wie bei den heutigen Bandansagen:

Die nächste freie Leitung ist für Sie reserviert!

Das Ende der Wartezeit ist schneller erreicht als gedacht, die Techniker der Deutschen Post kommen zur Montage in die Wohnung. Verwunderlich ist die ausgesprochene Unfreundlichkeit der Männer, trotz Kaffee. Unbedarft, wie Clara des öfteren ist, fragt sie nach dem Grund der Unfreundlichkeit. Sie erfährt, dass sie für eine Stasimitarbeiterin gehalten wird, da sie einen der begehrten Einzelanschlüsse verlegt bekam.

Wahrer Grund für den Einzelanschluss:

Doppelanschlüsse konnten nur im gleichen Haus verlegt werden, und Clara war offensichtlich der 23., 25. oder 27. Teilnehmer in diesem Haus.

Mein eventueller Partner hat sich viel Wartezeit erspart!

Und hier gibts zum heutigen Datum noch ein Bild.

Autor: Clara Himmelhoch

Auf meinem PR = purple Roller fahre ich durch die Bloggerwelt und mache PR = Public Relation. In meinem Gepäck habe ich fast täglich eine "Überraschung" für meine LeserInnen. Obwohl Oma aus Leidenschaft, gibt es kaum omahaftes hier - und Hausfrauentipps und -tricks müsst ihr wo anders lesen.

28 Kommentare zu “Clara bekommt Telefon (1985)

  1. Du sprichst ein wahres Wort gelassen aus, liebe Daggi. Du hast dir wohl auch schon viel Lebens- und Blogerfahrung um die Nase wehen lassen?!?

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    • Ach, hat dich die Frau Glasgeflüster nicht mitflüstern lassen? – Der Humor kurvt in Bloggersdorf oft schon auf den Felgen, weil die Reifen abgefahren sind. – Kochblogs sollte Frau eh unter sich kochen lassen!

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  2. So ähnliche Geschichte mit den Wartezeiten habe ich in meiner Rostocker Zeit auch gehört. Als ich dort war, dauerte es nur ein Jahr bis das Telefon da war 🙂 liebe Grüße und einen schönen Tag wünscht Leonie

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    • Leonie, mich hatte ja schon Iris (Schreibtischgedanken) gefragt, wann es denn nun genau kam – und ich weiß es nicht mehr, kann auch nirgends nachsehen. Ich habe dem Sohn aufs Band gesprochen – vielleicht weiß der es. Er war damals so 14-15 Jahre jung.
      Lasse es dir gut gehen!

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  3. Genial, liebe Clara! 😉

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  4. Das ist ja spannend … Wie schnell genau hast du denn dein Telefon bekommen? Hat es immer noch Monate oder vielleicht nur Wochen gedauert?
    Hab‘ einen schönen Tag – Iris

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    • Liebe Iris, so ganz genau weiß ich es gar nicht mehr. Umgezogen sind wir Ende des Jahres 1985. In meiner Erinnerung verstrich das Jahr 1986 noch telefonlos.
      Meine aufgehobenen Taschenkalender fangen erst 1993 an – so kann ich auch nirgend wo nachsehen. – Für meine Empfindung und DDR-Verhältnisse war es „wahnsinnig schnell“

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  5. Hat dies auf Clara Himmelhoch rebloggt und kommentierte:

    Advents- und Weihnachtszeit sollte auch Zeit der Kommunikation sein. Ist diese persönlich nicht möglich, sind Telefone wichtige Hilfsmittel. Doch vor Jahren mussten hohe Hürden gemeistert werden, um an solch einen Sprechknochen zu kommen. Mangel fördert Eigeninitiative und die hat mir oft geholfen.

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  6. Pingback: Meine Erfahrungen mit dem MfS (Stasi) als OPK « Love it, leave it or change it!

  7. Hallo, meine Tochter ist im fernen Heidelberg-Dorf erwartungsgemäß die einzige Ostlerin an ihrer Schule. Sie wird von Schülern und Kollegen oft wie eine „kämpferische Heldin“ angesehen, dass sie das alles überstanden hat. – Dabei, wir kannten es ja nicht anders.
    Die letzten Tage schaffst du jetzt auch noch! Und dann ….
    Lieben Gruß von Clara

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  8. Eine Bemerkung noch zum Schluss.
    Dreist, wenn man ein privates Telefon zu Haus hatte: Nach dem Westen oder ins „kapitalistische“ Ausland durfte man trotzdem nur übers Amt mit Warte- und Abhörzeiten telefonieren. So eine Gesprächsanmeldung konnte bis zu 24 Stunden dauern und die Verbindung wurde z.T. mitten in der Nacht hergestellt.
    Wollte man seine Verwandten nicht zur unchristlichen Zeit aus dem Schlaf reißen, dann konnte man für das Vielfache des Preises ein „Eilgespräch“ oder für den 10fachen Preis ein „Blitzgespräch“ beim Amt bestellen – bei letzterem mussten sich die Abhörorgane etwas sputen.

    Das hat alles Geld gespart, da kaum einer die Geduld aufbrachte, sich verbinden zu lassen.

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  9. Hallo Bina, ich komme dann noch zu dir, aber glaube mir, ich hatte wirklich nicht das Gefühl, dass ich es damals schlecht hatte – eben nur anders!
    LG Clara

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  10. Doppelanschlüsse waren eine Möglichkeit, die wenigen vorhandenen Leitungen auf die weitaus größere Anzahl an Interessenten aufzuteilen… Eine weitere Lösung, praktiziert bei meiner Großmutter im Südosten der DDR, war ein „Halbtagstelefon“. Die Nummer wurde während der Bürozeiten von 08 – 17 Uhr durch einen Betrieb genutzt und Oma durfte nur von 17 – 08 Uhr bzw. am Wochenende telefonieren. Zum Glück funktionierten die Notrufnummern und die ankommenden Anrufe 24/7, d.h. wir konnten sie immer anrufen, nicht nur nach Feierabend.
    LG, CU

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    • Das finde ich eine ziemlich intelligente Art, Mangel zu verwalten.
      Soll die alte Dame doch zu Fuß in alle Geshäfte oder Verwaltungen laufen, wo sie sich sonst telefonisch erkundigt hätte. Oder haben die Dienststellen extra für solche Kunden nach 17.00 Uhr auch noch geöffnet?

      Von dieser fiesen Art des Telefonentzugs habe ich ja noch nie gehört. Hat es dann wenigstens auch nur den halben Preis gekostet?

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  11. Hallo liebe Clara,

    das klingt so unglaublich und krass irgendwie.

    LG Seelenbalsam

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  12. Vor einiger Zeit (nach unserem Thüringen-Urlaub) habe ich mir gewünscht, mehr über das alltägliche Leben in der DDR zu erfahren. Und hier ist es. Toll, wie du das beschreibst.
    Herzlichen Gruß,
    Ingrid

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    • Für mich war das in der damaligen Zeit die größte Selbstverständlichkeit – ich hätte nie und nimmer gedacht, daraus mal lustige Geschichten machen zu können, über die sich solche netten Leute wie ihr hier freut.
      Schönen Gruß für dich, liebe Ingrid, von Clara

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  13. Elke, falls die Erinnerungen nicht zu schmerzhaft waren – gern geschehen. Ich staune auch immer wieder selbst, wie viel mir doch noch aus diesen Zeiten einfällt.
    Einen ganz besonders herzlichen Gruß an eine ehemalige Leipzigerin von einer ehemaligen Görlitzerin – beides gehörte zu Sachsen!

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    • Ein gewisses Verbundenheitsgefühl bringt es schon – obwohl sich ja Görlitz nie, nie und nie zu den Sachsen zählte. Kaum möglich, lief es mit fliegenden Fahnen zu den Niederschlesiern über.
      Aber eine wunderschöne Stadt (von den Häusern her in der Altstadt) ist es schon

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  14. Um vieles musste man damals bei euch kämpfen, liebe Clara, das wusste ich bereits. Dass es aber auch beim Telefon Schwierigkeiten gab, war mir neu. Sehr interessant, deine Geschichte. Ich stelle mir gerade eine Stasi-Mitarbeiterin mit dem von dir abgebildeten Handy vor
    🙂 Deine Erzählungen aus der damaligen Zeit sind sehr wertvoll und für mich unbedarften Wessi auch lehrreich.
    LG Ute

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    • Da wären sie doch wenigstens nicht nur an ihren Ledermänteln, sondern noch an ihren auffälligen Handys zu orten gewesen, liebe Ute.
      Ach Ute, für dich doch immer gern lustiges Bildungs-Bloggen. Bald kommt wieder einer, typisch Clara – liegt schon in der Endfertigungshalle.
      LG für Dich von mir

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  15. wir sind immer zu den gelben zellen getapert. obwohl meine mutter selbst nach ’89 alle atteste hatte, bekam sie ihren anschluß erst 1995.

    was mir dazu auch noch einfällt: wir haben uns damals einfach verabredet. so ganz ohne zehn sms zu verschicken oder drei bis fünf anrufe zu tätigen, in denen wir die treffen noch mal umarrangieren. wer nicht da war, dem hinterließen wir einfach zettel an der tür.

    und in der improvisationskunst bin ich auch noch gut geschult ;-).

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    • Aber diese gelben Dinger waren so oft kaputt und die Hörer hingen lose ohne Verbindung. Sinnlose Zerstörung gab es also offentlich schon damals – aber die Idioten sterben ja auch nicht aus.
      Noch mehr – wir sind zu anderen sogar unangemeldet hingegangen – und es wurde uns freudig aufgemacht – wir haben immer irgendeinen Schluck bekommen.
      Manchmal kam mir die DDR wie „Bastelkurs für Fortgeschrittene“ vor.

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      • in der thüringischen provinz hielt sich der zellenvandalismus in grenzen. das mag in berlin anders gewesen sein – hartes pflaster, manche weiche birne ;-). ja, die spontanbesuche gab es deutlich öfters. geht heute alles kaum noch. als ich noch in berlin gewohnt habe, waren manche drei wochen „ausgebucht“. toll! immer beschäftigt sein oder so tun, ist auch kein schönes hobby :mrgreen:.

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  16. Zwei Dumme (Kluge), ein Gedanke – ich dachte auch so an Hantel stemmen o.ä. Süß das Dingelchen, nicht wahr? – Aber Gebühren sparst du nur für oben rum, für unten brauchst du noch den ersten Computer der DDR, der war groß wie ein Zimmer.
    Clara für Margot!!!!!!!!!!

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  17. Das ist eine interessante Geschichte, und wenn man es nicht immer mal wieder erzählt bekommen würde – man könnte es nicht glauben!!!

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