Claras Allerleiweltsgedanken


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Der Abschluss einer gemeinsamen Geschichte …

die aus irgendeinem unerfindlichen Grund die „Doppelkopfgeschichte“ genannt wurde und  Opfer auf allen Seiten gefordert hat, ist  jetzt zu Ende.

Die Geschichte selbst könnt ihr gleich darunter lesen. Mit ihrem Ausgang bin ich nicht 100%ig zufrieden, will aber jetzt auch nichts künstlich in die Länge ziehen.

Wer sehen will, wie farben- und abwechslungsreich Doppelkopf im echten Leben ist, der schaut in das Fotoblog.

Ich muss mich jetzt erst einmal bei einem anständigen Kaffee nach den vielen Hins und auch den Hers ausruhen.


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Geschichten-Doppelkopf (Schluss)

Herr Teddy hat die ganze Sache „traumhaft“ beendet und seine Traumversion geschrieben. Ich sehe da ein paar Unstimmigkeiten, aber wir wollen ja keinen Literaturnobelpreis damit gewinnen.

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Die Mitschreiber sind:

Herr Teddy (lila) Clara Himmelhoch (Seelenbalsam)
Anna-Lena (grün)

Die bisherigen Fotos hat Clara eigenmächtig der Geschichte hinzugesellt, da das Archiv zufällig passende Aufnahmen lieferte.

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Die beteiligten Personen:

Jochen: Vater von Felix und Ex-Partner von Sylvia
Felix: Sohn von Jochen und Sylvia
Sylvia: Mutter von Felix und Ex-Partnerin von Jochen
Felicitas, genannt Feli: Mutter von Jochen und Großmutter von Felix
Celina: Schwangere Freundin von Jochen

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Jochen trat kräftig in die Pedale. Etwas wütend war er schon auf sie, nachdem sie ihm ihren gemeinsamen Sohn nur widerwillig und mit der Drohung ausgehändigt hatte, dass es das letzte Mal wäre. Kaum vorzustellen, dass sie sich mal geliebt hatten, wenn man betrachtete, wie sie jetzt miteinander umgingen. Und dass sie ihm das Umgangsrecht mit seinem Sohn entziehen wollte, machte ihn besonders wütend.

Felix saß hinter ihm auf dem bequemen Kindersitz und schaute sich aufmerksam die Gegend an. Man konnte hier in der Märkischen Heide weit über das Land sehen, über Wiesen, Felder und schmale Wassergräben. In der Ferne waren vereinzelte Häuser und Wälder zu sehen. Oben am Himmel kreisten zahlreich kleine und größere Vögel, für die sich der Vierjährige besonders interessierte. Ein großer Greifvogel erregte besonders seine Aufmerksamkeit.

Der Adler mit den zwei Köpfen

„Papa, was ist das dort für ein Vogel?“

Jochen schaute kurz in die Richtung, in die Felix wies.
„Ein Doppelkopfadler!“

Jochen hatte wenig Lust, sich diesen mühsam erkämpften Ausflug mit Felix durch trübe Gedanken an Sylvia, seine Verflossene, vermiesen zu lassen. Deswegen war er richtig froh, als sein Sohn von hinten protestierte:
Aber ein Adler kann doch gar keine Karten halten mit seinen Krallen! Und … äh … hat der wirklich zwei Köpfe?

Felix hatte oft mitbekommen, wie seine Eltern mit Freunden Dopppelkopf spielten.  Die Karten für dieses Spiel sahen  so anders aus als die für Maumau oder Uno, das sie sonst zusammen spielten. Papa erklärte ihm die Karten  und murmelte dabei immer was von „Doppelkopf“. – Nicht nur deswegen hatte Felix sich den Namen so gut gemerkt. Nein, an diesen Abenden gab es oft Streit, den er bis ins Kinderzimmer hören konnte. Dabei bekam  er Angst.

Die andere Erinnerung war schöner. An diesen Abenden kam immer seine lustige Oma Felicitas, die alle nur Feli nannten. Sie machte viele Faxen und Spiele mit ihm und las ihm  tolle Geschichten vor. Oma Feli hatte immer Zeit und ein offenes Ohr für ihn.

Oma Feli konnte herrlich singen und reimen. Sie konnte sich sogar auf  den Kopf stellen und dabei mit dem Strohhalm Seifenblasen pusten. Felix  übte, so oft er nur konnte, aber was Oma Feli auf die Beine stellte, das schaffte er nicht. Doch das war nicht schlimm, er war ja noch klein. Und  zusehen und mitlachen war auch viel schöner, und dann von Oma Feli  geknuddelt zu werden, war am allerschönsten.

Einmal hat die Oma erzählt, dass sie eine Heldin ist, weil sie viel  früher gemacht hat, was heute undenkbar wäre. Zum Beispiel mit einer sogenannten „Seifenkiste“ den Berg runter zu rollen. Und als sie unten ankam, erzählte sie dann Felix, ist ihr aufgefallen, dass Bremsen eine erfolgreiche Erfindung gewesen wären  für ihr kleines, hölzernes Fahrzeug.

Felix weiß nicht, was eine Seifenkiste ist, und kann sich auch nichts darunter vorstellen, als Oma Feli versucht, sie zu malen. Eigentlich kennt er nur sein kleines rotes Bobbycar!

Den Gedanken an den Doppelkopfadler hatte Felix schnell wieder verworfen. Was kümmerte ihn ein Vogel hoch in der Luft, wenn es auf der Erde viel interessantere  Themen gab.

„Papa, bastelst du mir eine Seifenkiste?“, fragte Felix unvermittelt von hinten und – um seinen Worten Nachdruck zu verleihen – klopfte er seinem Vater mit der rechten Hand kräftig auf den Rücken.

Jochen grummelte leise vor sich hin. Was hatte seine Mutter bloß wieder angerichtet? Welchen Floh hatte sie Felix ins Ohr gesetzt, sie, die sich als Wildfang in der Kindheit und Jugend einen Knochen nach dem anderen gebrochen hatte?

„Mit deinem Bobbycar bist du viel schneller als es Oma je mit ihrer Seifenkiste war. Glaub mir, das ist  viel besser.“

Felix überlegte angestrengt, ob er sich mit dieser Erklärung seines Vaters zufrieden geben sollte und biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. Seine kleine Stirn legte sich in einen Anflug von Falten.

„Ich will aber eine Seifenkiste!“ quengelte er.

„Ja, ist ja gut“, stöhnte Jochen. „Wenn wir bei Oma sind, bauen wir eine Seifenkiste.“

„Versprochen?“

„Jaa.“

„Sind wir bald da?“

„Da vorn, das vereinzelte Gehöft ist es.“

Felix ließ nicht locker. Wenn er sich erst einmal in Fragelaune gebracht hatte, konnte es eine Viertel Ewigkeit so gehen. „Und bleiben wir dann länger oder nur ein Wochenende wie sonst auch?“

Jochen überlegte kurz, ob er es ihm jetzt schon sagen sollte, ließ es aber, obwohl er bei dieser Frage wieder an das letzte Gespräch mit Sylvia denken musste, als sie ihn so abgekanzelt hatte.

„Etwas länger bleiben wir schon. Wie lange genau, weiß ich noch nicht.“

Und bevor Felix eine weitere Frage stellen konnte, wies Jochen auf den kleinen, gepflegten Vierseithof und die ältere Frau, die davor stand. „Wir sind da. Und schau, die Oma wartet schon auf uns!“

Felix stürzte in die ausgebreiteten Arme der Oma. Statt „Hallo …“ sprudelte es aus ihm heraus:  „Hast du ‚Matteral’ zum Seifenkistenbauen?

Jochens Handy klingelte. Er wollte die unbekannte Nummer schon wegdrücken, als die Vorwahl ihm Sylvias Wohnort signalisierte. Er kannte dort keinen, denn Sylvia war nach der Trennung überstürzt nach Glückstadt gezogen. – Mit unguten Vorahnungen nahm er ab: „Hallo?

… … Ihre Frau ist soeben verletzt eingeliefert worden. Wir brauchen Ihre Einwilligung zur Operation. Könnten Sie bitte herkommen?!

Zuerst dachte Jochen „Sch…, warum ist bloß die Scheidung noch nicht durch!

Doch dann  wurden seine Gedanken versöhnlicher. Er gab selbstkritisch zu, dass er durch seine „schwangere Büroflamme Celina“ und vorherige „Nebenfrauen“ die Trennung verursacht hat.

Schnell erklärte er Felix und Felicitas das notwendigste und machte sich auf die Rückfahrt. Das „Omageheimnis“ mit dem neuen Opa sollte seine Mutter selbst lüften. Er hatte genug damit zu tun, Felix den künftigen Halbbruder „schmackhaf“t zu machen.

Beim Kopfkino während der Fahrt wechselten sich Selbstvorwürfe mit Gefühlen ab, die er längst verschüttet glaubte.

Als er das Krankenhaus betrat und ihm der Geruch nach Desinfektionsmitteln entgegen schlug, kam er langsam in der Wirklichkeit an. Er hatte gar nicht gefragt, um welche Operation es sich handelte. Wenn sie seine Einwilligung zur Operation haben wollten, bedeutete das, Sylvia sei nicht ansprechbar.

Sein Herz begann zu rasen, als er die Treppen in den dritten Stock hinauf hastete. Die freundliche Dame am Empfang hatte ihm mitgeteilt, dass Sylvia auf der Intensivstation läge.

„Gut, dass Sie so schnell gekommen sind“, begrüßte ihn die Dienst habende Schwester. „Der Oberarzt wartet schon auf Sie. Ihre Frau befindet sich in einem äußerst kritischen Zustand. Ohne Operation hat sie keine Überlebenschance und sie selbst ist nicht ansprechbar“.

Sie führte Jochen in ein elegant eingerichtetes Büro. Kurz danach erschien der Arzt, der ohne große Höflichkeitsfloskeln zur Sache kam.

„Ihre Frau hat eine Hirnblutung, das ist das eine Problem. Beim Röntgen haben wir außerdem ein Aortenaneurysma festgestellt, das dringend operiert werden muss.“ Jochen schluckte. Er musste schnellstens handeln, das wusste er. Vor seinem inneren Augen tauchte Felix auf und er wusste, was er zu tun hatte.

„Papa! Papa!“ Jochen wurde kräftig in die Seite gekniffen. Felix saß neben ihm im Gras und schaute ihn neugierig an. Was machten sie hier? Wo war Sylvia, wo das Krankenhaus? Hatte er alles nur geträumt? Nur langsam fiel ihm alles wieder ein. Dass er mit Felix eine Radtour gemacht hatte, dass sie unterwegs – hier, auf dieser Wiese – eine kleine Pause gemacht und Jochen überlegt hatte, wie er dem Kleinen schonend beibringen konnte, dass es wahrscheinlich der letzte Ausflug mit seinem Papa wäre und Felix auch seine geliebte Oma zum letzten Mal besuchen würde. Dann muss er wohl eingeschlafen sein.

Und dann hatte er diesen furchtbaren Traum. Jetzt quälte ihn das schlechte Gewissen. Noch war es nicht zu spät, alles zu verhindern. Ja, er hatte  eine Affäre mit Celina, aber sie war nicht schwanger wie in seinem Traum. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis alles genau so kommen würde wie in seinem Traum. Vielleicht konnte er das mit Sylvia wieder hinbekommen, wenn er sein Ego mal außen vor lassen würde.

„Fahren wir jetzt weiter zu Oma?“ fragte Felix und begann bereits seinen Fahrradhelm wieder aufzusetzen.

„Ja. Gleich. Ich muss nur noch kurz mit Mama telefonieren.“