Claras Allerleiweltsgedanken

Out of topic – Klassentreffen

27 Kommentare

Ich dachte, ich hätte alles längst vergessen, vergeben, verarbeitet – doch seitdem die Einladung hier an der Pinnwand hängt, kamen alle Erinnerungen zurück.

Um dieses Mädchen zu dieser Zeit handelt es sich

Ich sehe mich – schon im Gymnasium und schon nach Mauerbau –  in Gedanken vor diesem „Tribunal“ stehen, in dem u. a. V. E. und W. G.  über mich richten sollen. Sie gehören einem Gremium an, dass moralisches, besonders aber politisches Fehlverhalten von Mitschülern be- und verurteilt.
Von mir wird verlangt, Farbe zu bekennen – und diese Farbe konnte nur rot und sozialistisch sein – ich dagegen weigere mich und lasse mich eher aus der FDJ streichen = rausschmeißen und riskiere einen Rauswurf aus der Schule. Und diese beiden dunkelroten Socken sitzen da und versauen höhnisch Lebenswege, Zukunft, Pläne, indem man die sogenannte  „Kaderakte“ mit unschönen Schmutzflecken versah.

Niemals wäre ich so unklug zu behaupten, dass die beiden später Mitarbeiter der Staatssicherheit geworden sind. Ich weiß auch nicht, ob man schon unter 18 Jahren IM = Inoffizieller Mitarbeiter sein konnte. Auf jeden Fall weiß ist, dass die beiden freiwillig und unbedenklich Informationen weiter gegeben haben, die nicht in die Ohren der Stasi gehörten.

Sie, meine ehemals beste Freundin, scheut sich nicht, Interna zu denunzieren, die in jugendlichen Nächten diskutiert wurden. Vielleicht hätte sie es geschafft, mich von ihrem Weg der Lebensgestaltung zu überzeugen, wenn … ja wenn sie mir nicht als erstes eine sehr, sehr gute Freundin ausgespannt hätte und dann zweitens nicht das oben zitierte Tribunal angeführt hätte.

Vielleicht habe ich mich ja geirrt???  – dachte ich bis zum Klassentreffen vor ein paar Jahren. Ich brachte es nicht übers Herz, zu V.E.  zu gehen und sie gut, böse, ironisch, wütend oder überhaupt irgendwie zu begrüßen, mein Hals war zu – also ignorierte ich sie. Doch sie, die inzwischen eine Wende von der dunkelroten und atheistischen Socke zur frommen Kirchenperson hinter sich hat, begrüßte alle außer mich. Ich sah das als ein indirektes Schuldeingeständnis, kann mich aber auch irren. – Dieses Mal werde ich ihr meine Blogvisitenkarte in die Hand drücken und mit  freundlichstem Lächeln sagen: Ich habe dir heute einen Post gewidmet. (Das ist Vorsatz, ob ich es fertigbringe, kann ich erst nach dem WE sagen) Für ihn habe ich natürlich gleiches vor. – Irgendwann muss ich ja mal meine Vergangenheit bewältigen.

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Im Januar 2010, als ich anfing zu bloggen, habe ich mich viel mit meiner DDR-Vergangenheit beschäftigt. Wer Lust hat, kann hier die Beurteilung lesen, die in meiner Kaderakte ruhte – und mir wurde klar, warum ich keinen Studienplatz bekam:
/abiturbeurteilung-aus-der-ddr/

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Diesen Post hatte ich schon fertig, bevor sich hier in Bloggershausen wieder einmal die Wogen überschlugen. Doch jetzt ziehe ich meine Erkenntnis daraus:

„Eine große Entwicklung zum Positiven haben wir in den letzten 50 Jahren nicht unbedingt durchgemacht“.

Autor: Clara Himmelhoch

Auf meinem PR = purple Roller fahre ich durch die Bloggerwelt und mache PR = Public Relation. In meinem Gepäck habe ich fast täglich eine "Überraschung" für meine LeserInnen. Obwohl Oma aus Leidenschaft, gibt es kaum omahaftes hier - und Hausfrauentipps und -tricks müsst ihr wo anders lesen.

27 Kommentare zu “Out of topic – Klassentreffen

  1. Wer solche Zeiten und ihre „Organisationen“ nicht selbst erlebt hat, kann – wie ich – wohl nicht nachvollziehen, was in Dir damals bis heute vorging. Ich stelle es mir entsetzlich belastend vor, verletzend, verunsichernd, schmerzlich. Und sicher ist es ein sehr schwerer Schritt um, wie Du schreibst, dieses durchziehen zu können.
    Alles Liebe und Gute!

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    • Vallartina, vom Prinzip her war es verbuddelt und vergessen – es kam nur durch die Einladung zum Klassentreffen hoch – und durch das eigenartige Benehmen vor 5 Jahren. Aer damals wusste ich die genaueren Zusammenhänge noch nicht, da ich meine Beurteilung erst durch das Filmprojekt erfahren hatte – und das war 2008.
      Doch jetzt ist es abgeschlossen für mich.
      Danke für dein Mitfühlen!

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  2. Das Mädchen schaut so springlebendig strahlend. Eine Kämpferin. Stehaufmädchen für alle Zeiten und trotzalledem….

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    • Ich habe bei dem Treffen mein Bild über eine Mitschülerin korrigieren können, mit deren Familie in der Kindheit meine Mutter eng befreundet war und wir jeden Sonntag und jede Feier zusammen waren. – Die hatte sich so positiv verändert, dass allein das schon die Reise zum Klassentreffen wert war.
      „Stehaufmädchen“ finde ich klasse – und so grüße ich dich jetzt auch!

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  3. Für einen Samsag hatte ich so ein Beitrag nicht erwartet. Ich habe zuerst das schöne Foto betrachtet und dann gelesen…. von Dir erfahre ich immer wieder etwas Neues. Du warst bereits in der Jugend diese kouragierte und direkte Frau die Du heute bist. Ich finde es gut dass Du deine Vergangenheit bereinigen willst. Ich würde auch zum Klassentreffen gehen und die besagte Dame ansprechen. Dein Vorhaben ist der gute Weg zur Gelassenheit, da manchmal Toleranz besser als Gerechtigkeit ist.
    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende.

    Reine

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    • Danke, liebe Reine. Ich hatte mich ja absichtlich in Görlitz nicht angemeldet, sondern erschien als Überraschungsgast. Ich wollte nicht, dass SIE meinetwegen nicht erscheint, doch sie kam aus einem anderen Grund nicht, es war ein Trauerfall im Freundeskreis. – Du hast vollkommen Recht, undiplomatisch und direkt war ich offenbar schon immer – hat mir nicht unbedingt immer genutzt.
      Lass es dir gut gehen und lieben Gruß von mir

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  4. Liebe Clara, ich kann mir gut vorstellen, dass du mit mehr als mulmigen Gefühlen da hin fahren wirst. Mutig ist es allemal. Du bist immer eine starke Frau gewesen und auch diese Situation wirst du meistern. Keiner wird Unsicherheiten an dir merken. Wie es in dir aussieht, ist eine ganz andere Geschichte. Die Idee mit der Blogvisitenkarte finde ich gut.
    Irgendwie ist es schon richtig, wenn man sich mit den unangenehmen Dingen in seinem Leben beschäftigt. Man muss das auch mal aufgearbeitet haben, damit man seine eigene Ruhe wiederfindet. Ich drück dir die Daumen, dass es nicht allzu schmerzhaft wird.
    Weißt du, was mich am meisten aufregt? Dass die Wendehälse mit einer Rundumdrehung oft besser da stehen in der Gegenwart als die, denen sie damals zugesetzt hatten.
    Meine guten Wünsche sind mit dir, liebe Clara.

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    • Na klar, Gudrun, die Seil- und Bekanntschaften reichten doch auch in die neue, gewendete Zeit hinein. Und da man sogar Offiziere der NVA übernommen hat, konnten die doch nachher nicht schlecht gestellt sein.
      Doch in der Jetztzeit gibt es ja auch so vieles, worüber der Ärger riesig ist.
      Danke für die guten Wünsche, offenbar haben sie geholfen, denn ich war ziemlich ruhig – aber SIE war ja auch nicht da.

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  5. Am Mund kann man dich als erstes erkennen, auch an den klaren hellen Augen. Ein schönes Foto, ein trauriger Hintergrund. Ich wüsste nicht, ob ich dahin fahren würde oder nicht. Wenn, dann gäbe e sicher Zoff. Ich bin gespannt, wie du es machen wirst (wenn du es uns verrätst). Möglicherweise muss das sein, um mit ‚der Sache‘ abzuschlließen. (Das wäre übrigens Stoff für einen Roman).
    Nur mal nebenbei bemerkt: die Bigotten sind oft die Schlimmsten 😉

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    • Ingrid, ich glaube nicht, dass es für einen Roman reichen würde – das haben schon andere gemacht und das wurde dann verfilmt („Das Leben der Anderen“ zum Beispiel)
      Aber als Geschichten und als Ausdruck in Blogbüchern – da finde ich es ganz schön. – Zoff hat es nicht gegeben, nur habe ich einem evtl. Besuch vorgebeugt, da der damalige Hauptakteur ganz in meiner Nähe wohnt.
      Mal sehen, ob ich auf meine Bekanntgabe des Links zu diesem Post eine Reaktion bekomme.

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  6. Hut ab, dass du dir das „antust“. Aber ich würde es auch wissen wollen, was in all der Zeit danach gerade aus den Menschen geworden ist, mit denen man doch einen wichtigen Teil seiner Lebenszeit verbracht hat.

    Gute Reise und schöne Erlebnisse
    wünsche ich dir,

    Anna-Lena

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    • So, jetzt habe ich gerade die Mails abgeschickt – ich habe eine kurze Bildergeschichte zu dem Treffen geschrieben und die beiden Posts bzw. die Blogadressen hingeschrieben. Mehr kann ich jetzt nicht mehr tun – und jetzt muss es irgendwann auch gut sein mit der unrühmlichen Vergangenheit. – Mal sehen, ob ich eine Reaktion gleich irgendwelcher Art bekomme.
      Danke für deine guten Wünsche sagt
      Clara

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  7. Ihr Lieben, die ihr mir das Kreuz gestärkt habt und meinem (Kampf-)Geist Mut zugesprochen habt – ich danke euch dafür. Doch da ich mich in ein paar Minuten zur S-Bahn begeben muss, um den gewünschten Zug zu bekommen, kann ich jetzt leider nicht einzeln antworten – das mache ich bestimmt, wenn ich ab Montag wieder da bin.
    Macht’s gut und habt eine schöne Zeit – hier ist das Wetter im Moment klasse – eben Reisewetter.
    Und tschüss sagt Clara

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  8. Hut ab! Aber auch hier im Westen war nicht alles Gold was glänzt. Ich habe 1971 in Bayern Abitur gemacht. Ein Klassentreffen gabe es erst viele Jahre später und da mußte ich feststellen, dass die meisten noch genauso bescheuert waren, wie am Ende unserer gemeinsamen Schulzeit. Da wir damals etliche Mitschüler hatten, die Medizin studieren wollten, gab es einen Kampf um jede Note, keiner hat dem anderen etwas gegönnt, also die perfekte Vorbereitung auf die Ellenbogengesellschaft. Bis auf wenige Ausnahmen habe ich nie das Bedürfnis gehabt, die alle noch einmal zu treffen.
    Vielleicht gibt es ja ehemalige Mitschüler, mit denen Du trotzdem einen schönen Tag verbringen kannst.
    Grüßle Bellana

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    • Bellana, gut, dass du den ersten Satz geschrieben hast – denn ich bin wirklich 100%ig der Meinung, dass ich in Bayern, wo ich ja geboren wurde, auch angeeckt wäre – oder ich wäre tatsächlich in dieses frommkatholische widerspruchslos hineingewachsen. Aber ich denke, es hätte auch im anderen Teil Deutschland genügend Kritikpunkte gegeben und ich hätte zu den Leuten gehört, die sich auf der Straße angekettet haben oder anders Protest gezeigt haben. Vielleicht wäre ich dann im Westen in die DKP eingetreten, weil ich die für die Gerechteren gehalten hätte. – Alles Spekulationen, alles vorbei – die Geschichte hat sich anders ergeben.
      Clara grüßt, ein wenig befreiter als vor 3 Tagen

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  9. Da kann ich mich nur Tina anschließen, liebe Clara. So ein Mensch ist für mich aus meinem Leben gestrichen, der existiert einfach nicht mehr. Dass sie sich nun der Kirche widmet – ich möchte fast sagen – das ist üblich. Solche Typen kenne ich auch. Aber du musst dich so verhalten, wie es für dich am Besten ist, damit du abschließen kannst. Es muss schrecklich gewesen sein, nicht mal den besten Freunden vertrauen zu können. Das kann man als Wessi wirklich kaum nachvollziehen.

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    • Ute, nach einigen Erkundungen in dieser Hinsicht habe ich beschlossen, jetzt doch meine Stasiakte aus der Görlitzer und Dresdener Zeit anzufordern mit konkreten Hinweisen – und dann habe ich mich mit meiner Vergangenheit ausgesöhnt.

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  10. Ich drücke Dir die Daumen, das Du schaffst, was Du Dir vorgenommen hast. Einfach ist das sicherlich nicht. Für uns „Wessis“ nur schwer nachvollziehbar, was da an Bespitzelungen abgegangen ist und vor allem mit welchen Folgen für die Betroffenen.

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    • Na, liebe Frau Momo, wenn ich ganz, ganz ehrlich bin, habe ich zusätzlich zu den Infos, die diese beiden geliefert haben, sicher auch noch einiges dazu getan, damit meine „Kaderakte“ nicht weiß wie ein Kindernachthemd blieb. – Doch anders herum weiß ich genau, dass ich auch – wären wir in der Nähe meines Geburtsortes in Bayern geblieben – ich dort sicher auch mit der erzkatholischen Umgebung oder gar mit dem BND in Konflikt gekommen wäre. – Jetzt aber nicht mehr nachzuvollziehen.
      Es ist, wie es ist – und ich muss jetzt schnell die Bilder auswerten und den Artikel für die Zeitung in Görlitz schreiben, wozu ich mich bereit erklärt habe.

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  11. Hm, ich weiß nicht mit welchem Gefühl im Bauch ich dort hin fahren würde!

    Ich wünsch dir auf jeden Fall, dass du das schaffst, was du dir vorgenommen hast!

    *drück dich*

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  12. Irgendwie weiß ich, dass du den Abend gut hinter dich bringen wirst…
    und was die Wogen betrifft – lass sie kochen. Irgendwann werden die Damen sich an ihrer eigenen Küche übelst verschlucken, während wir genüsslich bei einem köstlichen Profiterol und Cappuccino eine schöne Zeit verbringen!
    Ich drück dich meine Liebe! Ganz arg doll und lieb!

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    • bigi, nachdem ich erfragt hatte, was ich unter „Profiterol“ zu verstehen habe, würde ich sofort für dich und mich einige davon auf den Tisch zaubern wollen, um mit dir einen freundlichen Plausch zu halten.
      Das Treffen war nett, die Räumlichkeit interessant (ein historisierendes Lokal mit Kellergewölbe und damit „schön“ hallender Akustik bei ca. 35 aufgeregten Stimmen, das Essen sehr wohlschmeckend und das Kulturprogramm exzellent – eine Gruppe mit mittelalterlichen Gesängen und entsprechenden Instrumenten.
      Arg, doll und lieb back!!!!!

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  13. Welche Wogen jetzt schon wieder hochkochen, weiß ich nicht. Will ich wohl auch gar nicht wissen. Was ich aber sicher weiß ist, dass mir an Deiner Stelle von einem solchen, erneuten Treffen auch mulmig wäre. Ich glaube nicht, dass ich nach solchen Machenschaften jemals wieder jemanden von „denen“ sehen wollen würde. Vermutlich könnte ich es auch nicht, ohne dass mir die Galle übergehen würde.

    Zu verzeihen kann Ruhe bringen. Es nicht zu tun und stattdessen Abstand zu wahren und seine eigene Form der Ruhe zu finden, kann jedoch mitunter verhindern, mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt zu geraten. Vergangenheiten zu verarbeiten muss m. E. nicht immer bedeuten, sich mit den gefühlt Schuldigen an einen Tisch zu setzen. Ich würde es nicht tun. Wenn ich jemanden aufgrund seiner Machenschaften irgendwann tatsächlich aus meinem Leben gestrichen habe, dann konsequent und für alle Zeiten. Da gibt es kein Zurück. Allein schon zu meinem Schutz. Und letztendlich auch zu seinem. Bis es soweit ist, muss allerdings so einiges geschehen.

    Ich wünsche Dir zu Deinen Fragen gute Antworten und Entscheidungen; egal wie sie aussehen werden, liebe CC.

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    • Hallo Tina, für das Strafgesetzbuch und einen eventuellen Konflikt damit ist die Zeit doch schon zu lange vorbei. Und jetzt ist auch das Klassentreffen schon wieder zwei Tage Geschichte. „Sie“ war nicht da und „er“, der jetzt ganz in meiner Nähe wohnt, war sehr, sehr zurückhaltend. Da es im Raum die ganze Zeit sehr, sehr laut war, konnte ich leider auch keine Zweiergespräche führen – aber vielleicht war das auch gut so, was hätte es mir noch gebracht. – Da es keine allgemeine Vorstellungsrunde gab, weil die wohl aller 2 – 3 Jahre ein Treffen machen und eh fast immer die gleichen kommen, wissen die alles voneinander – bis auf die dunklen Geheimnisse aus der Vergangenheit *grins*. Von den Blogvisitenkarten habe ich einige verteilt und an die anderen werde ich den Link zu senden wissen.
      2,5 Tage Heimatluft waren mal wieder ganz schön, geschnuppert zu haben.
      Ich muss mal meinen Feed ansehen, was so von dir und anderen neues erschienen ist.
      Einen lieben Gruß schickt dir CC

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