Claras Allerleiweltsgedanken

Ein paar Sätze (Familien-)Geschichte

23 Kommentare

Noch immer bin ich in Marienfelde. Die Wohnungsbaugesellschaft hat das Wohngebiet in „Mariengrün“ umbenannt – und der Name ist nicht nur Schall und Rauch. Kunst – wie diese drei Kugeln, die auch im Fotoblog zu sehen sind – und begrünte Flächen sind geschaffen worden. Bei den Kugeln ist so etwas wie eine kleine Bühne aufgebaut.

1102 Marienfelde Hochhaus Balkonausblick 91

Auf dieser Bühne sind Fotowände von Bewohnern dieses Kiezes. Ich hatte den Eindruck, sie meinten es mit ihrer Freude ehrlich.

1102 Marienfelde Hochhaus Bilderwand 92

Als ich meinen „Nachbarschaftshunger“ gestillt hatte, setzte ich mich in den Bus – und stieg genau dort um, wo meine Mutter 5 Jahre im Seniorenheim gelebt hat. Sie war nämlich die erste Marienfelderin in unserer Familie, nicht ich. Der kleinere blau-gelbe Bau ist das Heim, übrigens auch ein Plattenbau.

1102 Hildburghauser Altenheim 93

Irgendwie hatte ich noch keine Lust, nach Hause zu fahren. Ich wusste, dass das Notaufnahmelager Marienfelde ganz in der Nähe ist. Fast alle aus der DDR geflohenen Bürger kamen in dieses Lager, um untersucht, befragt und weitergeleitet zu werden. Fotografieren war nicht gestattet, doch schon bei Fb hatte ich meine Gedanken darüber ausgedrückt. Ich schrieb:

Gestern habe ich mir die Gedenkstätte „Aufnahmelager Marienfelde“ angesehen. Da kamen alle aus der DDR in den Westen geflohenen Menschen hin.
Das Aufnahme- und Überprüfungsprocedere war sicher auch nicht das reine Zuckerschlecken, auch die Unterbringung zu sechst in einem Zimmer – aber gegen das, was die jetzigen Flüchtlinge erleben müssen, war das reines „Zuckerschlecken.“
Ich komme selbst aus der DDR und kenne auch unendlich viele, die vor der Grenzöffnung gegangen sind. Bei den wenigsten spielten politische Verfolgung eine Rolle – bei fast allen waren es wirtschaftliche Gründe – sie wollten im reicheren Land selber reich werden.
Bei den Asylbewerbern, die jetzt überall um Aufnahme bitten, sind die sogenannten „Wirtschaftsflüchtlinge“ die allerkleinste Gruppe – die meisten wollen ihr nacktes Leben retten.

 

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Autor: Clara HH

Auf meinem PR = purple Roller fahre ich durch die Bloggerwelt und mache PR = Public Relation. In meinem Gepäck habe ich fast täglich eine "Überraschung" für meine LeserInnen. Obwohl Oma aus Leidenschaft, gibt es kaum omahaftes hier - und Hausfrauentipps und -tricks müsst ihr wo anders lesen.

23 Kommentare zu “Ein paar Sätze (Familien-)Geschichte

  1. Toller Bericht sehr authentisch. Was jetzt wirklich stimmt ob viele Asylanten Wirtschaftsflüchtlinge sind oder nicht, kann wohl nur schwerlich beantwortet werden.

    • Hallo Wolfgang, als Leute in der Hitlerzeit aus Deutschland flohen oder fliehen musste, wäre wohl keiner auf die Idee gekommen, sie als Wirtschaftsflüchtlinge zu kommen.
      Wenn heutzutage Leute aus Ländern fliehen, wo nach immerwährenden Bombardements kein Stein auf dem anderen geblieben ist, kann man dazu auch nicht „Wirtschaftsflüchtling“ sagen.
      Und wer – in meinen Augen – eine mehr als lebensgefährliche Flucht in Kauf nimmt, wird das wohl auch nicht einzig und allein deswegen tun, um einen besseren Lebensstandard zu erreichen, zumal die allerwenigsten die deutsche Sprache können und somit auch kaum arbeiten werden, zumindest nicht in der ersten Zeit.
      Zu dem Wort „Asylanten“ hatte ich mich gleich auf deinem Blog geäußert.

    • Diesen Absatz habe ich aus folgendem Artikel kopiert: http://dasnuf.de/ein-paar-naive-fragen/
      „Ich sehe täglich Bilder von Flüchtenden und lese Artikel. Ich sehe Bilder der Städte aus denen sie fliehen, ich sehe Familien mit ihren Kindern, die Tausende von Kilometern zurück legen, die alles zurück lassen, die das eigene Leben und das ihrer Kinder riskieren, um von dort wegzukommen, wo sie aufgewachsen sind, wo sie gearbeitet haben, wo ihre Familie und Freunde gelebt haben. Unvorstellbar schlimm finde ich das. Ich kann mir nicht vorstellen wie schlecht es mir gehen müsste, wie viel Angst ich haben müsste, wie verzweifelt ich sein müsste, um so eine Entscheidung zu treffen.“

  2. Pingback: Neues aus der Kritzelwerkstatt | Collie Donna & die blinden Simulanten

  3. Sehr schön geschrieben !
    Ich war noch nie in Berlin , aber irgendwann werde ich diese Stadt auch noch kennenlernen .
    Die Grosseltern meines Mannes kommen aus Berlin und ein Teil seiner Verwandten lebt immer noch in der Nähe Berlins .
    L.g.Anja

    • Ich bin immer sehr erstaunt, wenn ich lese, dass jemand noch nie in Berlin war. Viele wurden ja während ihrer Schulzeit durch die geteilte oder die vereinigte Stadt geschleift.
      Anja + Donna + Begleiter — es wäre mir eine Ehre, euch bei einem Besuch meine 45jährige Berlinerfahrung zur Seite zu stellen und euch zu begleiten.
      Beste Grüße von mir

  4. Gut geschrieben, Clara, gut und interessant.
    Fein, dass du von Berlin erzählst, was man nicht immer gleich sieht und weiß. Ich werde dich als Vorbild nehmen und auch mal wieder durch meine Stadt schleichen. Vielleicht vertragen wir uns dann auch wieder.
    Gruß von der Gudrun

    • Danke, liebe Gudrun. Denke bitte nicht, dass ich immer „gut“ bin mit Berlin. Gerade eben habe ich einen Beschwerdebrief an die BVG, die Verkehrsgesellschaft, geschrieben. Die S-Bahn kommt pünktlich 23.59 an – der Bus soll 00.03 Uhr fahren – der Fahrer sieht die S-Bahn, sieht, dass Leute rennen und fährt 00.00 Uhr ohne an der Haltestelle zu warten durch. Ich hätte ko…. können, denn ein anderer fährt erst 15 Min später.
      Als ich mich bei der Post-Nachsendestelle beschwert habe, schickten sie mir 8 Briefmarken zu – mal sehen, wie die BVG reagiert. Wahrscheinlich gar nicht!
      Mit lieben Grüßen von mir

  5. Reportage gelungen! Wieder einmal. Das mit der Fotowand finde ich so klasse, könnte man ja stundenlang betrachten – jeder Mensch eine Geschichte, und so!

    • Egon Erwin Kish – er wurde ja mal als der rasende Reporter bezeichnet – diese Ehre wird mir nie zuteil werden, aus unterschiedlichsten Gründen. Aber ich freue mich dennoch, dass dir meine Reportage gefällt. Berlin ist eine sehr ambivalente Stadt. Wenn ich jetzt (Anfang Februar) immer noch an vielen Stellen Silvesterdreck sehe, könnte ich wütend werden – warum schimpfen alle nur auf die Stadtreinigung, warum greifen die Reinigungskräfte dieser Häuser nicht mal selbst zu Besen und Schaufel. Berlin ist wirklich eine dreckige Stadt – und in Berlin muss man gut für sich selber sorgen können, sonst geht man unter.
      So ist das eben in einem Moloch von Stadt. Ich mag es mir partout nicht vorstellen, wie es in Städten wie Paris, Tokio, Moskau oder sonstwo zugehen mag.

  6. Bin ich froh, dass ich so etwas alles nicht erleben musste…..
    Die Fotowände sind eine tolle Idee! Wenn man mal Leerlauf hat und dann so Erkundungstouren macht wie du – auch super!

    Lieben Gruß
    Barbara

    • Liebe Barbara, bis 89 war ja Ostberlin überschaubar. Da ich schon seit 1970 Berlinerin bin, kannte ich mich recht gut aus.
      Doch dann kam so ein Riesenteil dazu. – Ich glaube, wenn ich nicht ab und an mal diese Streifzüge machte, würde ich Berlin immer noch nicht kennen.
      Ganz liebe Grüße zu dir von Clara

  7. Ganz liebe Morgengrüße zu Dir und danke für die Einblicke in Dein „Rund-um-Clara“, Dein Umfeld. In meiner Stadt erkunde ich auch ab und zu Ecken, die ich noch nicht kenne, lasse mich dabei jedoch eher treiben, im Sinne von „Herumstromern“ wie ich es als Kind schon gern tat um meine Umgebung auszubaldowern und Spannendes zu entdecken. Ein Marienfelde gibt es hier bei uns auch. Es ist ein Ortsteil von Harsewinkel und gehört zum Kreis Gütersloh. Wenn man Marienfelde googelt, findet man allerdings nur Einträge zum Berliner Marienfelde. Unseres hier ist sehr viel kleiner, ein idyllisches Dörfchen, von Feldern umgeben, mitten auf dem platten Lande. 🙂
    Herzlichst, Deine Fee

    • Hallo, meine liebe Fee. Schön, dass du meinen „Stadterkundungswahn“ nachvollziehen kannst. Hier ist es tatsächlich so, dass ich manche Veränderungen noch nicht bemerkt hatte, auch wenn sie einschneidend sind. Frau kann eben nicht überall sein 🙂
      Wenn es wärmer ist und auch das Spazierengehen höher im Kurs steht, dann mache ich das auch anders – nicht so konzentriert wie diese beiden Male, wo es mir ja nur um die Existenz von richtigen Hochhäusern ging. Ich war wirklich erstaunt, wie viele es davon in den östlichen Randbezirken gibt. – Die Wohnung vor dieser, die eventuell auch in Frage gekommen wäre, war in Wittenau, einem angestammten Westberliner Bezirk – aber auch sie war Plattenbau. – Offensichtlich ist das in Großstädten die bezahlbarste Wohnungsbauweise – und da spielte Ost oder West nur eine untergeordnete Rolle.
      Warte nur ab, bald wird beim Googeln stehen: „Marienfelde, wo die neugierige Clara wohnt“ 🙂
      Da aber vor meinen Fenstern die große Niederlassung von General Electric ist, ist wohl Marienfelde bekannter als ich selbst ahnte.
      Lasse dich ganz, ganz lieb grüßen – und dein Bein auch!

  8. hmmm …. meine Eltern sind 1950 über die grüne grenze in den westen; zwei jahre haben sie auf der strasse gelebt weil man ihnen den “ grünen schein“ , der hätte ihnen eine sofortunterkunft gesichert, nicht gegeben hat. ich weiß von meiner mutter dass damals manch einer wieder “ nach drüben“ zurück geschickt wurde weil er keine ausreichenden gründe für seinen fortgang benennen konnte …. na ja , reich sind meine Eltern hier nicht geworden aber wir waren über zig jahre immer * die russen, die hergelaufenen * wie auch immer …… alles wiederholt sich ….. leider …

    • Danke, liebe Wolfcat , für deinen sehr persönlichen Kommentar. Ich glaube, so etwas ähnliches spielte 1945 bei meiner Mutter auch eine Rolle. Sie, mein halbwüchsiger Bruder und ihre Schwester hatte es ja mit vielen anderen Einwohnern von Görlitz nach Bayern verschlagen. Sie waren auch immer die „Zugereisten“ oder schlimmere Bezeichnungen. – Es gab wohl so viele Einzelschicksale wie es Leute gab, die versuchten, wo anders sesshaft zu werden. – Ich glaube, ich wäre nie der Auswanderertyp gewesen, vielleicht, weil ich mich mit Sprachen so schwer tat.
      Und jetzt brauche ich an einen solchen Schritt auch nicht mehr zu denken.

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