Claras Allerleiweltsgedanken

Wenn das Vergessen stärker wird als das Erinnern

24 Kommentare

Heute breche ich mal mit meiner Tradition, an einem 13. immer nur von guten Sachen zu erzählen.

Seit meiner Schulzeit – konkret seit der 1. Klasse – habe ich eine Freundin. Im Juni 2010 beantwortete ich mal ein Stöckchen und schrieb folgendes über sie (es ging um Sachen, die wir das erste Mal gemacht haben)

Zum ersten Mal einen Spickzettel geschrieben (1952)

  • Clara ist in der ersten Klasse; das erste Diktat, bestehend aus 5 Wörtern, wird vorbereitet (und, das …)
  • Freundin Bärbel und sie beschließen, einen Spickzettel zu schreiben, obwohl sie alle Wörter auswendig und richtig schreiben können
  • Claras Zettel bleibt unbenutzt unter der Bank, Barbara wird erwischt und verpetzt ihre Mittäterin

Fazit: Spickerkarriere vorzeitig wegen Nichteignung abgebrochen

Unser Kontakt ist nicht sehr eng, aber er ist auch nicht abgebrochen, als sie in der 5. Klasse mit ihrer Mutter „in den Westen abhaut“ und später lange Jahre in Nigeria wohnt, weil sie einen nigerianischen Arzt geheiratet hat. Irgendwie haben wir uns immer wieder gefunden – und nach der Wende natürlich um so besser. Ich fuhr ja drei Jahre lang fast jedes Wochenende nach Hamburg – und dort hat sie eine wunderschöne Wohnung. Oft besuchte ich sie mit ihren beiden hübschen Söhnen. Den jüngeren von beiden habe ich euch damals in dem Artikel mit den Hörnern vorgestellt. Bis vor kurzem lebte auch ihre Mutter noch, die sich gut an unsere Freundschaft in Kindertagen erinnern konnte.

Schon seit längerer Zeit hatten wir, ihre Freundinnen, festgestellt, dass die Demenz immer stärker bei ihr wird.

Unser letztes Telefonat verlief in etwa so: (sie hatte mir auf dem AB zum Geburtstag gratuliert)

C: Barbara, willst du mich schon wieder ein Jahr älter machen? Ich habe doch jetzt gar nicht Geburtstag.

B: Doch, ich habe doch deinen Namen in der Küche auf einem Kalender gelesen. (Da sie immer anonyme Kosebezeichnungen wie Spätzchen oder so verwendet, fragte ich sie, welcher Name denn dort gestanden hat. Und ich musste leider feststellen, dass es nicht meiner war und sie meinen auch nicht wusste – und dann ging das Gespräch weiter)
Du mus
st mich unbedingt mal in Hamburg besuchen kommen, denn du kennst ja meine schöne Wohnung noch gar nicht.

C: Barbara, du wohnst doch schon lange Jahre dort und ich war doch schon so oft bei dir.

B: Da kann ich mich gar nicht erinnern. Bist du mit einem Partner bei mir gewesen oder allein?

*********

Und so ähnlich ging es weiter. Es ist erschütternd, was diese Krankheit aus einem Menschen machen kann. Es ist, als wenn die Erinnerungen wie diese Drachen in die Luft steigen.

1302 Alster Skulptur Drachenkinder

 

 

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Autor: Clara HH

Auf meinem PR = purple Roller fahre ich durch die Bloggerwelt und mache PR = Public Relation. In meinem Gepäck habe ich fast täglich eine "Überraschung" für meine LeserInnen. Obwohl Oma aus Leidenschaft, gibt es kaum omahaftes hier - und Hausfrauentipps und -tricks müsst ihr wo anders lesen.

24 Kommentare zu “Wenn das Vergessen stärker wird als das Erinnern

  1. Meine Schwiegermutter ist keine sechzig geworden. Die Demenz hat sie uns genommen. Eine scheiß Krankheit die sich über Jahre hinzieht :/
    LG Mona

    • Hallo Mona, wer so einen hübschen Gravatar hat, wird ganz besonders herzlich auf meinem Blog begrüßt.
      Das ist aber verdammt zeitig für diese Krankheit, wenn sie noch nicht einmal 60 geworden ist. – Das letzte Jahr vor dem Tod habe ich ein wenig bei der Mutter meiner Freundin gesehen – sie hatte nichts mehr mit der Frau zu tun, wie ich sie in Erinnerung hatte.
      Liebe Grüße von mir

      • Manchmal macht die Krankheit eine Ausnahme und beginnt schon sehr früh. Das Ganze ist jetzt schon acht Jahre her und hat sich über sechs Jahre hingezogen. Wir hatten Zeit und konnten Abschied nehmen. Wie Du schon sagst, die Person ist nicht mehr die, die man mal kannte und am Ende ist die Erlösung für beide Seiten das Beste.
        LG Mona

        • Bei meiner Freundin, von der ich hier schreibe, bin ich gespannt, wie lange ihr Freund bei ihr bleibt und sich um sie kümmert.
          Bei der Mutter meiner Freundin war es eben die Tochter und der Schwiegersohn, die sie zu sich ins Haus genommen haben. Aber als es schlimmer wurde, mussten sie einen Heimplatz für sie suchen, es ging nicht mehr.

  2. Hallo Clara
    Was für eine traurige Geschichte !
    Furchtbar ! Diese Krankheit schmerzt zwar an keinem Köroerteil , aber in der Seele .
    Ich habe früher , mit meiner alten Hündin oft ein Altenheim besucht , dort auch einige Bewohner mit Alzheimer .
    Ich fand das furchtbar traurig , obwohl ich diese Menschen nicht näher kannte .
    Wie schlimm muss das er für Verwandte und Angehörige sein ?
    L.g
    ANja

    • Bei meiner Mutter im Heim kam auch immer eine Frau mit einem ganz tollen Hund – aber meine Mutter wollte nicht, dass er sie besucht.
      Es gibt wohl – außer den schnell vorübergehenden Krankheiten wie Erkältungen oder auch Brüche – keine vernünftige Krankheit, die sind alle irgendwie blöd. Viele führen schnell und direkt zum Tod, andere machen das auf Umwegen und es dauert länger. Was der bessere Weg ist? Ich weiß es nicht und bisher musste ich mich auch in Bezug auf meine Person nicht damit befassen. – Ich fände das nicht schlecht, wenn das noch ein paar Jahre so bleibt.
      Grüße Donna schön von mir und kraule sie einmal im Nackenfell – Lenny mag das immer, obwohl man bei ihm ja nicht so richtig Fell sagen kann, so kurz wie es ist.

  3. Ich wünsche diese Erkrankung niemandem und auch, dass man selbst nicht viel spürt ist kein Trost.
    Es ist doch schön, wenn man seine Erinnerungen hat. Und wenn es auch nur eine verkorkste Spickzettelei ist.,
    Ich finde es schön, dass ihr zwei Kinder euch nie aus den Augen verloren habt.
    Gruß von der Gudrun

    • Gudrun, das Schlimme ist ja, dass man sich weder sein Schicksal noch seine Krankheiten aussuchen kann. Und dann finde ich es noch einigermaßen gerecht, wenn das Schicksal nicht ALLES auf einmal auf EINE Person schüttet: Z. B. Armut, Krankheit, Obdachlosigkeit, keine Freunde und so weiter und so fort. – Wenn das Wetter besser ist bzw. die Tage länger werden, muss ich mal wieder in den Norden fahren.
      Heute kann ich dir nur verregnete Grüße schicken

  4. Mehrere Jahre habe ich das ja aus nächster Nähe erlebt. G.s.D. war mein Mann wenigstens ein friedlicher Patient. Lag aber vermutlich auch daran, dass ich ihn völlig „normal“ behandelt habe. D.h. ich habe ihn nie korrigiert. Wenn der dann z.B. zum xten Male fragte, ob seine Tocher noch lebe, dann habe ich ihm halt zum xten Male mit „Ja“ geantwortet. Nachts habe ich ihn daran erinnert, dass es vielleicht im Bett wärmer wäre als im Bad, was er dann auch akzeptierte 🙂 Es stimmt schon, es ist für die Pflegenden oft viel schwieriger als für die Patienten. Ich hoffe sehr, dass ich einmal niemandem damit zur Last falle.

    • Liebe Ute, das finde ich eine ganz, ganz tolle Leistung von dir, denn es muss unendlich schwer sein, mit allen Schwierigkeiten fertig zu werden.
      Ich dachte immer, dass geistig sehr rege Menschen seltener Alzheimer bekommen, aber das ist wohl ein Irrtum. Die Mutter meiner anderen Schulfreundin, die ich am liebsten als eigene Mutter gehabt hätte, weil sie so pfiffig war, ist so komplett und schwer von Alzheimer getroffen wurde, dass sie am Ende nichts und niemanden mehr erkannt hat. Und diese Frau war das wandelnde Lexikon, weil sie als Bibliothekarin immer so viel gelesen hat.

      • Liebe Clara, ich habs geschafft und kann mir nicht das geringste vorwerfen. Aber mitmachen möchte ich das wirklich nicht noch einmal.

        • Das glaube ich dir aufs Wort. Eine Bekannte hat ihren Ehemann unter schrecklichen Bedingungen durch Krebs verloren. Nach langen Jahren hatte sie wieder einen Freund – und der hat auch Krebs. Sie ist vollkommen verzweifelt.

  5. Das ist auch die schlimmste Angst, die ich habe, dass einem so etwas einmal passieren könnte. Zum Glück war ( ist ) in meiner Familie und in meinem Bekanntenkreis keiner dement.

    Dir ein tolles Wochenende
    lieben Gruß
    Barbara

    • Liebe Barbara, einiges, was ich über Alzheimer denke, habe ich bei Carlheinz geantwortet, ich will mich hier nicht wiederholen.
      Da meine Mutter erst einiges über 90 dement wurde, habe ich nicht so eine große Angst, denn so alt will ich ja gar nicht werden. Mal sehen, ob es klappt.
      Das Wetter ist hervorragend – nur in Berlin macht es immer weniger Spaß, mit dem Auto durch die Gegend zu fahren, weil alles immer stark verstopft ist. – Mal sehen, was mir einfällt.
      Mit sonnigen Grüßen von Clara

  6. Wenn die Demenz einen Mensch völlig verändert und man für ihn plötzlich dadurch auch völlig fremd wird, nicht erkannt wird, obwohl man sieht, dass sie/ sich verzweifelt bemüht, sich zu erinnern, oft dabei in Tränen ausbricht oder wütend wird… Das ist so schrecklich. Und da habe ich mir schon oft Gedanken darüber gemacht, wenn ich erste Anzeichen bei mir verspüren sollte…

    • Lieber Carlheinz, als meine Mutter noch recht gesund war und wegen einer „harmlosen“ Sache im Krankenhaus lag, war eine Patientin im Zimmer (weitaus jünger als sie), die fortgeschrittenen Alzheimer hatte. Der Ehemann hat sich so rührend um sie gekümmert. – Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Angehörigen unter dieser Krankheit mehr leiden als die Betroffenen – aber vielleicht täusche ich mich auch.
      Vor vielen Jahren war ich bei einem Neurologen, weil ich mein schlechtes Gedächtnis erschreckend fand. – Man machte mit mir einen Alzheimer-Test und ich fühlte mich regelrecht ver*ar…t. Ich musste von 20 rückwärts zählen, die richtigen Zahlen in der vorgesehenen Reihenfolge verbinden und zu den durcheinandergewürfelten Zahlen von 1 – 12 die Monate dazu sagen. Ich meinte zu der durchführenden Assistentin: Ich bin vergesslich, nicht debil. Sie meinte nur, wenn sie auch nur ansatzweise Alzheimer hätten, könnten sie diese Aufgaben nur mit großer Mühe – aber sie machen alles im Schweinsgalopp, da muss ihr schlechtes Gedächtnis an etwas anderem liegen.
      Und so ähnlich ist es jetzt immer noch. Ich vergesse viel mehr als andere, bin aber von der Gehirnleistung noch gut beieinander.

      • Seien wir dankbar, dass wir gesund sind. Auch ich hatte Begegnungen mit Alzheimer-Patienten und solche Begegnungen sind wichtig, weil man nur so zur Überzeugung kommt, im schlimmsten aller Fälle, wenn es einen selbst betrifft, irgendwie vorbereiten zu sein, um den Angehörigen und Freunde das zu ersparen…

      • Du kannst Dich sehr beglückwünschen – bezüglich des letzten Satzes gemeint! Und wie flott, rasch, wild Du manchmal sein kannst! Klasse Clara!

        • Frau soll sich ja nicht selber loben, vor allem nicht, wenn das solche lieben Leute wie du erledigen – aber mal muss ich das eben doch tun. Ich war vorgestern bei einem Superakustiker, weil ich ein ganz spezielles Innenohrgerät testen möchte, was direkt vor (oder hinter, wie man es nimmt) dem Trommelfell im Gehörgang sitzt. Er hat auch gemeint, wenn er immer solche Blitzmerkerpatienten hätte, dann würde ihm der Beruf 3x so viel Spaß machen. In 14 Tagen haben wir wieder ein „Date“ – der hat mir unheimlich gut gefallen, klar, deutlich, präzise – auch die Schwachstellen des Gerätes benannt. Die „Hauptschwachstelle“ ist der Preis. Du zahlst ein Monatsabo (ziemlich viel) und bekommst immer neue Geräte eingesetzt (nach ca. 2 – 4 Monaten), wenn in den alten die Stromversorgung nicht mehr funktioniert. Man hat sie Tag und Nacht drin.
          Ich bin dennoch gespannt – einen Monat werde ich sie mir „leisten“, vielleicht kommt irgendwoher ein Geld- oder Goldregen auf mich nieder.

  7. oh ja , liebe Clara , so ähnlich habe ich empfunden als mein Vater sich langsam aber stetig von sich selbst verabschiedete .Es war wirklich traurig zu sehen dass am Ende von einem taffen Mann nur noch eine leere Hülle blieb. Und doch , es ist leichter zu ertragen wenn man weiß dass es die Krankheit verursacht dass man sich so voneinander verabschiedet. Erschreckend fand ich es dass sich eine gute Bekannte mit der ich nach einem gemeinsamen Lehrgang lange in Kontakt stand , per Brief, per SMS , wie auch immer; irgendwann hatten wir dann längere Zeit weniger miteinander geschrieben und als ich ihr dann zum Jahreswechsel Grüße via Handy schickte kam als Antwort : “ wer bist du ?“ ….. das machte mich wirklich traurig und wütend zugleich .

    • Liebe Wolfcat, mit meiner Mutter habe ich ja kurz vor ihrem Tod auch ähnliches erlebt, da sie aber schon 98 war, hat es mich nicht mehr so fürchterlich hart getroffen. Sie hatte 1,5 Jahre vor ihrem Tod einen schlimmen Unfall und musste sofort operiert werden. Die Narkose hat wohl die schon beginnende Demenz sehr verstärkt. Sie wusste auch so unendlich vieles nicht mehr.
      Ich habe sehr oft das Gefühl, dass die betroffenen Patienten am Anfang sehr leiden, wo sie es noch bewusst miterleben, was für eine Veränderung mit ihnen vorgeht. Ist die Krankheit schon sehr stark fortgeschritten, merken sie es wohl nur noch wenig.
      Hier berührt und ängstigt es mich besonders, weil wir gleichaltrig sind. Es ist so, wie du es mit deiner Bekannten erlebt hast – man hat das Empfinden, es könnte jederzeit auch bei einem selbst beginnen.

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