Claras Allerleiweltsgedanken


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2005  – Trotz Überfluss-Bedenken wird Anno ein Schulkind

Allmählich hörte Anno in seiner Umgebung immer häufiger ein Wort, das hieß „Schule“. Er erkundigte sich bei Kindern, die auf seiner Straße wohnen, was die ihm darüber erzählen. Was er so hörte, gefiel ihm gar nicht. In der Schule gab es nur Überfluss:

Überfluss an Stillsitzen, aber auch Überfluss an Lärm und Krach. Außerdem Überfluss an Wissen, an Ordnung, an Disziplin und Pünktlichkeit. Nichts davon sagte ihm so richtig zu – doch anders herum wollte er auch kein kleiner Blödi bleiben – also beschloss er nach reiflicher Überlegung, das Experiment zu wagen. Seine Freundin Anna hatte jetzt fast ein Jahr Schule hinter sich und sie war begeistert – eben typisch Mädchen!

Anno wurde ein Schulkind.

Als Anno von der Einschulungsfeier nach Haus kam, fragte er seine Eltern, warum die anderen Kinder alle Geschwister hatten, er aber nicht. Zuerst druckste die Mutter etwas rum, doch dann erzählte sie ihm folgendes: „Anno, wir wollten auch gern noch ein Kind haben, aber das hat leider nicht geklappt, ich habe das Baby verloren.“ – Viel ungeschickter hätte sie sich nicht ausdrücken können, denn für Anno hieß es immer: „Pass doch besser auf deine Sachen auf!“, wenn er etwas verbummelt oder verschusselt hatte. Wie —- und seine Mutter hatte sogar ein Baby verloren? Wie verschusselt muss man denn dazu sein??? – Seine Mutter muss seine Gedanken gelesen haben und erklärte ihm alles ganz genau. Erwachsene haben es auch nicht immer leicht mit ihren Erklärungen. Sie erwähnte das Wort „Fehlgeburt“ und Anno hörte in seinem neuen Schuleifer sofort „Fehlergeburt“ raus. „War ich auch eine Fehlergeburt?“, fragte er ganz kleinlaut. Beide nahmen ihn spontan in den Arm und erklärten es nochmals mit anderen Worten.

Eine Eingebung des Himmels muss ihr wohl verboten haben, den medizinischen Ausdruck „Abort“ zu benutzen – denn ihr sprachgescheiter Junge hätte daraus sofort Toilette gemacht und wieder was Furchtbares gedacht – wo doch alles damals schon furchtbar genug war.

In diesem Zusammenhang kam die Mutter auch auf die beiden Ferkel zu sprechen. Ihr hatte der Arzt damals absolute Ruhe verordnet, damit es zu keiner Fehlgeburt kommt – und da waren ihr die beiden munteren Tierchen zu viel. Sie erzählten ihm, dass sie die Tiere weggeben mussten – also auch wieder nur die halbe Wahrheit. Sie wollten Anno schonen vor der ganzen Wahrheit, dass sie beim Fleischer gelandet sind. Den Eltern ist zugute zu halten, dass sie die Tiere lebend weggeben wollten – doch da sie schon so groß waren, wollte sie ihnen niemand abnehmen. – Wenn ihr mich als unparteiische Erzählerin fragt, ich weiß nicht genau, ob es immer gut ist, die Kinder schonen zu wollen und sie stattdessen zu belügen. Das kann ganz schön nach hinten losgehen. – Ein richtiges Dorfkind muss früh in seinem Leben damit klar kommen, dass Ferkel und Kälber und auch kleine Lämmer und Ziegen irgendwann nicht mehr da sind, ganz zu schweigen von den Gänse- und Kaninchenbraten zu Festtagen. Nur Stadtkindern erzählt man oft nicht die Wahrheit, da kommt die Milch eben aus Tüten. – Aber Anno war kein Dorfkind.

Auf jeden Fall wusste Anno jetzt, warum er keine Geschwister hatte und auch keine mehr bekommen würde, denn seine Mama musste operiert werden, damit sie keine neuen Babys mehr bekommen kann.

2007 – Eisbärige Exkursionen

Zum Glück bedeutet ja Schule nicht nur Lernen und Büffeln und Streben und Stillsitzen – also die vorher bemerkten Überfluss-Tatsachen, sondern es gibt auch Ferien. Ferien in ganz kleinem Maßstab sind Wandertage, auf denen sich die Lehrer und einige andere Erwachsene mit der unruhigen Klasse außer Haus begeben, um etwas Schönes zu erleben.

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