Claras Allerleiweltsgedanken

2008 – Dickhäuter-Popos

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(Dieser Post schließt inhaltlich unmittelbar an den letzten Artikel an. Eventuell haben einige den zweiten Teil der Geschichte „2007 – Eisbärige Exkursionen“ versehentlich überlesen. Dort ging es um den Wandertag der halben Klasse zu den Berliner Eishockey-Eisbären. – Und jetzt kommt der Teil, in dem es zu den Eisbären im Zoo geht.)

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Am nächsten Wochenende war es so weit. – Und was er und die anderen im Zoo alles zu sehen bekam. Der Spaß war groß und Anno rannte wie ein wildgewordener Handfeger zwischen den Käfigen oder Freianlagen hin und her. Anna ließ sich anstecken – und so hatte die Mutter zwei Flöhe zu hüten, die sich mal hier versteckten, mal dort mit ihren Nasen an den Scheiben klebten.

Zum Glück hatte Anno zu seinem vor kurzen gewesenen 7. Geburtstag ein ganz einfaches Handy geschenkt bekommen. Natürlich gab es sofort Diskussionen, warum er nicht wie die anderen ein Smartphone bekäme, doch die Eltern hatten aus dem überteuerten Sportwagengeschenk zu seinem dritten Geburtstag Lehren gezogen – jetzt bekam er keine übertriebenen Geschenke mehr. – Dennoch hatte die Mutter die Sicherheit, dass sie ihren Sohn jederzeit erreichen kann. Dass er in das Eisbärengehege fällt und samt Handy gefrühstückt wird, das glaubt sie dann doch nicht.

Plötzlich stand Anno, der gerade mal 1,10 m unter die Messlatte brachte, vor einem riesigen faltigen Hinterteil. Er beschloss, es in Zukunft bei Ärger wie diese Dickhäuter  zu machen: Sich umzudrehen und sich seinen Teil zu denken nach dem Motto: LmdaA!

Zum Glück sind so gerade 7jährige noch nicht immer konsequent, so dass er dieses defätistische Lebensmotto ab und zu zum Glück vergaß.

Besonders gern vergisst er solche Stimmungen, wenn es Popcorn und Süßigkeiten satt gibt – und natürlich Kakao zum Aufwärmen, denn Anfang Februar ist im Normalfall Winter.

 

 

2010 – Gefahr

Anno war vom Naturell her ein Kämpfer, der die Gefahr suchte, was so ein 10jähriger zumindest unter Gefahr verstand. Er ging keiner Prügelei aus dem Weg, auch wenn er körperlich recht klein gewachsen war. Gerade deswegen hatte ihm sein Vater zum Schulanfang einen im Zimmer hängenden „Boxpartner“ geschenkt – und Anno hatte das Training ernst genommen. Eine Zeit lang war er sogar richtig zum Boxen gegangen, aber so professionell machte es ihm keinen Spaß.

Es war noch am Anfang seines Trainings mit dem Boxsack. Da vergaß Anno  einmal, als er mit dem Größten und Faulsten und Dümmsten, aber auch Stärksten und Sportlichsten aus der Parallelklasse kämpfte, dass er zu den Kleinsten und Schwächsten gehörte – zum Glück aber auch zu den Schlausten. Nach diesem Kampf kam er grün und blau geprügelt nach Haus.

Trotzdem suchte er nicht die Hilfe und Unterstützung seiner Eltern, besonders sein impulsiver Papa hätte in dieser Situation sicher mehr Schaden als Nutzen gebracht. Anno spürte instinktiv, dass eine Sache oft noch schlimmer wird, wenn sich die Großen und Mächtigen, in seinem Fall die Eltern, einmischen.

Dafür „bewunderte“ ihn Kay, sein ärgster Feind und Widersacher. Kay hatte schon mit einer Strafversetzung in eine andere Schule gerechnet, weil er Anno tatsächlich schlimm zusammengeschlagen hatte. Als nichts kam, erkundigte er sich vorsichtig bei Anno und erfuhr dessen Meinung. Sie wurden fortan zwar nicht gerade die engsten Freunde, aber sie akzeptierten sich gegenseitig – … – bis zu einer Gelegenheit, wo sie sogar zusammenarbeiteten.

Es gab einen Jungen in der Klasse – der war der absolute AUßENSEITER! Nichts wollte er mitmachen, immer tat ihm etwas weh, oft hatte er Tränenspuren im Gesicht, vom Turnunterricht hatte ihn seine Mutter freigestellt. Kay wollte schon hänseln und sticheln – hörte aber sofort auf, als ihn Anno nur scharf ansah. Gemeinsam wollten Kay und Anno der Sache auf den Grund gehen. Anno wartete nach dem Unterricht auf Felix – so hieß der Junge. Annos Blick in das Namensbuch zu Haus hatte ihm gesagt, dass Felix irgendwas mit Glück bedeutet. Und so quatschte er ihn auch an. Kay hielt sich irgendwo versteckt und sollte nur auftauchen, falls Anno seine Hilfe braucht – denn er wusste, ALLE Schüler hatten vor Kay Angst.

Anno brauchte nicht lange von Glück im Leben und so’n Zeugs zu reden, da flossen bei Felix schon wieder die Tränen. Fast mütterlich wollte er ihm vor Mitleid über den Kopf streichen, da schrie Felix auf – und jetzt flossen die Tränen richtig. Das erste Mal in seinem Leben war er bereit, einem anderen von dem zu erzählen, was er so oft zu Hause erlebte. Er hatte sich noch nie getraut, zu einer Lehrerin etwas zu sagen, auch wenn die noch so sehr bohrte und ahnte – er erklärte seine Verletzungen immer mit einem Alltagsunfall.

Als ihm Anno ganz fest in die Hand versprach (und genau dieses Versprechen sollte es später so schwer machen, Hilfe für Felix zu organisieren), mit niemandem darüber zu reden, strömten die Sätze nur so aus Felix heraus. Erst zeigte er Anno die gerade verschorfte Platzwunde auf dem Kopf. Sie hätte eigentlich genäht werden müssen, aber die Prügeleltern gingen nicht mit Felix zum Arzt – zu groß erschien ihnen die Gefahr, bestraft zu werden.

Schon nach den ersten beiden Sätzen schrie Anno „Stopp“ und sagte: „Wenn ich nichts davon meinen Eltern erzählen darf, dann rede nicht weiter, dann will ich nichts wissen, denn für mich allein ist das alles zu viel und zu schwer“. Felix stutzte kurz und gab dann seine Einwilligung. Viel zu lange hatte er schon alles in seinem kleinen, gequälten Körper vergraben und versteckt – jetzt wollte er darüber reden. Nicht nur sein Vater verdrosch ihn in regelmäßigen Abständen nach Strich und Faden, mal, wenn er zu viel getrunken hatte – mal, wenn er zu wenig getrunken hatte, weil das Geld nicht für mehr gereicht hatte. – Als Anno ganz erschrocken nach der Mutter fragte und warum die ihm nicht hilft, fiel er fast vom Glauben ab, dass es solche Mütter gibt. Entweder lief sie sofort aus dem Haus, wenn sich der Vater prügelfertig machte oder sie hielt Felix fest, damit er nicht weglaufen konnte. Ab und an griff auch sie schon mal zum Kleiderbügel, um ihre „Erziehungsmethoden“ durchzusetzen.

Anno bekam ein schlechtes Gewissen, weil er ja wusste, dass Kay hinter den Sträuchern alles oder zumindest fast alles gehört haben musste. Er beichtete es Felix mit dem Ergebnis, dass dieser sofort Angst bekam. Anno konnte ihn beruhigen und Kay durfte endlich aus seinem Versteck kommen. Sein Angebot, Felix Vater auch mal zu verprügeln oder ihn am Abend abzufangen und von seinen großen Kumpeln verprügeln zu lassen, lehnte der friedfertige Felix ab. – Erst einmal musste Kay auch schwören, dass er nichts ausplappert. Und dann beschlossen die drei, eine „Dreierbande“ zu gründen. Sie wollten nicht andere ärgern oder verschrecken, sondern die Augen offen halten, ob jemand wirklich Hilfe nötig hatte. Über einen Namen wollten sie noch nachdenken.

Felix war bereit, den beiden anderen seinen Körper mit den vielen Wundstellen und Narben zu zeigen. Da hatte sogar der Haudegen Kay Tränen in den Augen, denn er wusste, wie weh so etwas tat. Über diese Rührung in Kays Augen waren die anderen beiden mehr als erstaunt.

Als Anno den Vorschlag machte, die Dreierbande auf eine Viererbande aufzustocken, waren die „Männer“ natürlich dagegen –was hatte ein Mädchen im Leben eines 10jährigen verloren??? Nichts, überhaupt nichts, na gut – fast nichts. Da sie aber Anna alle kannten und auch gut fanden, stimmten sie einer „Satzungsänderung“ zu. Sie sollte nicht in das Felixgeheimnis eingeweiht werden, aber sie durfte dazu gehören. Die kleinen „Deppen“ hatten gar nicht bemerkt, dass Anna als typisches „Weib“ viel mehr ahnte als die Jungen je glaubten

Erst einmal sollte alles so bleiben, wie es ist, damit die Eltern von Felix keinen Verdacht schöpfen und noch schlimmer prügeln. Bisher hatten sie es immer vermieden, das Gesicht zu treffen, damit niemand Verdacht schöpfen konnte. – Als er darüber nachdachte, kam Anno eine Idee, aber darüber erzähle ich später.

Autor: Clara Himmelhoch

Auf meinem PR = purple Roller fahre ich durch die Bloggerwelt und mache PR = Public Relation. In meinem Gepäck habe ich fast täglich eine "Überraschung" für meine LeserInnen. Obwohl Oma aus Leidenschaft, gibt es kaum omahaftes hier - und Hausfrauentipps und -tricks müsst ihr wo anders lesen.

6 Kommentare zu “2008 – Dickhäuter-Popos

  1. Wundervolles Panzernashorn. München hat welche, welcher Zoo? – Was das Lebensmotto angeht, so ist es bei sparsamem Einsatz gar nicht so schlecht, wobei der Götz von Berlichingen ja stets falsch („Sage er seinem Herrn…“) und noch dazu nur in dieser abgemilderten Version zitiert wird.

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    • Hallo, dieses Panzernashorn ist aus dem Berliner Zoo, nicht aus dem Tierpark in Berlin.

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      • Ja, das ist Berlin (und mein Grund, da auch mal hinzuwollen – neben dem Ischtartor). Gleich zweimal, mir egal, ob sie’s Zoo oder Tierpark nennen! Da muß ich noch rein. Mit fotographischer Ausrüstung.

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        • Im Tierpark im ehemaligen Ostberlin musst du lange Laufwege in Kauf nehmen. Im Zoo ist alles dicht beieinander. Ich weiß gar nicht, wie es im Moment mit Museen aussieht, ob die schon wieder geöffnet haben. Aber du wirst ja nicht gleich nächste Woche nach Berlin fahren wollen

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          • Nein, ich muß noch Überzeugungsarbeit leisten. Potentielle Begleiter sprangen ab, als ich begeistert und mit leuchtenden Augen erklärte, dass mich das Nachtleben und der glaskuppelige, wieder ausgepackte Reichstag zwar mal sonstwas… aber ich dies und das und jenes natürlich auch besichtigen will!

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          • Wenn sich dieses Berliner Leben wieder normalisiert hat, lohnt sich ein Besuch bestimmt.

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