Claras Allerleiweltsgedanken

2031 – Geblähte Nasenlöcher

15 Kommentare

Benno machte gute Fortschritte bei allen Dingen, die ein Mensch, speziell ein kleiner Mensch, so erlernen muss. Er krabbelte in der Geschwindigkeit eines Formel-1-Rennwagens durch die Wohnung, befreundete sich mit allem auf der Straße, was ebenfalls auf vier Beinen durch die Welt ging und erheiterte mit seinen Späßen alle, ausnahmslos alle. Egal, was er gerade wieder angestellt hatte, egal, was er vom Tisch gezogen hatte – keiner konnte ihm richtig böse sein, denn er hatte es ja nur aus Wissbegier, Wissensdurst oder wegen anderer positiver Eigenschaften gemacht.

Nur eine Sache gab es, mit der hatten alle Erwachsene ihre Schwierigkeiten. Felicitas, die das natürlich auch registrierte, lief dann laut schreiend durch die Wohnung „Benno stinkt, Benno hat Kacka gemacht!“. Es war so schlimm, dass sich dem Vater schon unten an der Haustür die Nasenflügel blähten, wenn Benno die Buchsen voll hatte. Anna versuchte alles, um ihn so zeitig wie möglich auf den Topf zu setzen. Doch war er sonst ein williges Kind – in diesem Moment fing er an zu schreien, als wenn der Leibhaftige hinter ihm her wäre – also verbreitete Benno weiterhin seine Stinkereien in der Wohnung. So konnte man mit Fug und Recht behaupten: „Hier in diesem Haus ist Stunk oder Gestank!“ Und der sollte auch noch einige Zeit bleiben.

 

2033 – Abgase

Abgase in der Wohnung, ja im ganzen Haus, denn inzwischen konnte Benno schon recht gut die Treppen hoch und runter krabbeln bzw. steigen. Inzwischen müsste er schon längst sauber sein. Er sprach ganz exzellent – aber auf dem Gebiet der „Rohstoffentsorgung“ hinkte er anderen Kindern um Lichtjahre hinterher. Offenbar hatte Benno  Schmerzen dabei, wenn er in die Windeln „stank“, denn er jaulte immer ganz fürchterlich dabei. Das einzig Gute daran war, dass ihn Anna dann gleich mit einer sauberen Windel versorgen konnte.

 

Wegen all dieses Kummers war die Einschulung von Felicitas ein wenig untergegangen, was sie auf der einen Seite ganz gemein fand, auf der anderen Seite aber auch verstehen konnte, denn auch sie machte sich schon Sorgen um ihren Bruder. In dieser Situation erwiesen sich Felix und Constantin als wahre Onkel, die für ihr Patenkind nicht nur Geld und gute Worte übrig hatten. Sie buchten ein Wochenende in einem Bungalow in einem Kinderparadies = Spaßpark und alle drei amüsierten sich königlich in diesen zwei Tagen. Felicitas kam strahlend und glücklich wieder in ihr Zuhause, wo es natürlich stank. So viel Lüften konnte man gar nicht, um diesen Geruch rauszubekommen.

Seine Eltern wurden immer unruhiger und gingen von einem Arzt zum anderen mit ihm – alle stellten es als Lappalie hin. Der Laborbefund zeigte zwar irgendeine Stoffwechselstörung an, aber kein Arzt hielt sie für bedenklich, kein Röntgenbefund zeigte eine Deformität an. Also ergaben sie sich in ihr Schicksal und warteten ab. Bis es eines Tages fast zu spät gewesen wäre.

Sogar Constantin, sonst immer ein hervorragender Arzt und Chirurg, irrte sich dieses Mal in seiner Diagnose. Doch Chirurgen sind ja auch hauptsächlich für die „Reparaturleistung“ zuständig, nicht vorrangig für die Diagnose. – Hätte er Benno „geöffnet“ vor sich auf dem Tisch gehabt, wäre ihm dieser Diagnosefehler nicht unterlaufen.

Sein abartiges Stuhlgangsverhalten war auch der Grund, warum ihn keine Kindertagesstätte annahm – also musste Anna von zu Haus aus arbeiten. (Heutzutage würde ja jeder an Corona denken, aber das war 2014 noch lange nicht im Anmarsch)

2035 – Incognito

Gleich übergehend von der Silvesterfeier wurde in Annos 35. Geburtstag hinein gefeiert. Die „halben“ und die runden – wenigstens die wurden immer mit Freunden und Familie gefeiert. Seine Eltern sah Anno ja häufig, da sie sich oft um die Kinder kümmerten, doch der Kontakt zu Annas Eltern war inzwischen nicht mehr so eng wie anfangs – vielleicht, weil sie in einer anderen Stadt wohnten, vielleicht, weil sie ein wenig dachten, sie seien etwas Besseres als Annos Eltern. Das hatte zwischendurch schon zu Auseinandersetzungen zwischen Anno und seiner Frau geführt, die dann aber immer wieder mit Versöhnung endeten. Sie liebten sich wirklich sehr – immer noch – auch wenn sie jetzt schon so lange zusammen waren.

Anna war gerade mit ihren home-office-Aufgaben beschäftigt und hatte sich kopfüber in eine schwierige Aufgabe gestürzt, als sie ein markerschütterndes Gebrüll hörte. Sie glaubte, Benno sei die Treppe runter gefallen. Felicitas war in der Schule, von ihr konnte also keinerlei Gefahr ausgehen. Anna rannte die Treppe zum Kinderzimmer nach oben. Benno lag auf der Erde, hatte erbrochen und aus seiner Windelhose floss Blut. Ohne auch nur einen Moment nachzudenken, packte sie den Jungen, trug ihn die Treppe runter, setzte ihn ins Auto und jagte mit total überhöhter Geschwindigkeit ins nahe gelegene Klinikum. Vielleicht wegen des Geruchs, vielleicht auch, weil die Schwester die Dringlichkeit der Sache erkannt hatte – Benno kam sofort dran … und Benno kam auch sofort auf den OP-Tisch.

Nach der OP sagte man ihnen, dass Benno eine angeborene Darmanomalie gehabt hatte – der Dickdarm war an mehreren Stellen unnatürlich verengt. Alles andere will ich jetzt nicht en detail erläutern, auf jeden Fall war die Operation sehr, sehr schwer und auch in letzter Minute passiert. Wäre der Dickdarm geplatzt, wäre das erste Grab in der Anno-Domini-Geschichte fällig gewesen. Zum Glück können wir solche Ereignisse noch ein wenig vor uns herschieben.

Der Kleine, der eigentlich schon im letzten Jahr hätte eingeschult werden müssen, brauchte jetzt absolute Ruhe, wenn nicht noch was schief gehen sollte. In die Schule konnte er natürlich als „Windelkind“ nicht gehen – doch der operierende Arzt versicherte ihnen, dass jetzt alles in Ordnung sei.

Benno durfte nur über Telefon mit seinen Eltern sprechen, und das auch nur ganz kurz. Damit er seine Mutter nicht erkannte, wenn sie ihn durch die Scheibe beobachten wollte, musste diese inkognito auftreten.

 

Die Gefahr, dass er spontan aus dem Bett springt und seine Mutter umarmen will, war einfach zu groß.

Aber nach einer Woche war die Gefahr vorbei, Benno fühlte sich rundum wohl, hatte keine Bauchschmerzen mehr und trug von nun an keine Windelhose mehr – alles funktionierte. Gleich nach seiner Entlassung wurde die Schulanmeldung nachgeholt. Mit großem Glück kam er für die letzten paar Monate auch noch in einer tollen Kita unter. Endlich konnte er mal unter Kindern sein, ohne dass alle im wahrsten Sinne des Wortes die Nase rümpften.

Autor: Clara Himmelhoch

Auf meinem PR = purple Roller fahre ich durch die Bloggerwelt und mache PR = Public Relation. In meinem Gepäck habe ich fast täglich eine "Überraschung" für meine LeserInnen. Obwohl Oma aus Leidenschaft, gibt es kaum omahaftes hier - und Hausfrauentipps und -tricks müsst ihr wo anders lesen.

15 Kommentare zu “2031 – Geblähte Nasenlöcher

  1. Liebe CC,
    Jussus, was für ein Megaschnorchel von unten aufgenommen. Doch auch ein ernsteres Kapitel Deiner Geschichte. Armer Benno und arme Familie…
    Nun bin ich gespannt wie es weiter geht.
    Hab mir meinen Daumenonkel gequetscht in Papas Autotür.
    Muss wieder kühlen.
    Liebe Grüße,
    Amélie

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    • He, du liebe Fee, wenn ich so eine Anatomie meiner Nase hätte, wären alle Operationen wahrscheinlich überflüssig gewesen, denn mit solchen Riesen(nasen)löchern MUSS man doch einfach Luft bekommen.
      Diesen Passus in der Geschichte „… keiner konnte ihm richtig böse sein, denn er hatte es ja nur aus Wissbegier, Wissensdurst oder wegen anderer positiver Eigenschaften gemacht.“ muss ich meinem kleinen Sohn auf den Leib geschrieben haben. Als er im Kindergarten und in den ersten beiden Jahren in der Schule war, haben mir sowohl die im Kindergarten als auch seine Klassenlehrerin gesagt, dass sie nie mit ihm böse sein können, weil …. und dann kamen die unterschiedlichsten Begründungen.
      Wenn ich eine starke Lunge hätte, würde ich von hier aus auf deinen Daumen pusten – das tut verdammt weh, wenn man das Zuknallen der Autotür mit dem Daumen abbremsen will. Ich hoffe, es ist nicht ganz so schlimm. Kühlpads wirst du ja haben – hätte ja sogar ICH, obwohl ich in solchen Sachen eher schlecht ausgestattet bin.
      Herzliche Abendgrüße schickt dir CC

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  2. Puh, zunächst einmal – was für ein Glück für Benno! Und dann die anderen Geschichten, die ich hier in den Kommentaren las.
    Man Clara, Du erlebst aber auch Sachen! Was für ein Glück, dass der Operateur das damals wieder in Ordnung bringen konnte und Du mit 13 noch eine Weile bleiben konntest.
    Das mit Deinem Lebensgefährten ist wirklich eine jener Geschichten, die einfach nicht hätten sein müssen und auch nicht dürfen.
    Herzliche Grüße, das Licht

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    • Das mit meiner Blinddarmsache war wohl kritischer als ich selbst dachte. Außerdem war meine Mutter gerade 3 Tage lang auf Dienstreise und meine Oma nahm das alles nicht so ernst. – Als ich dann ins Krankenhaus fuhr – mit der Straßenbahn – kam ich kaum die Treppe hoch. – Ach, ist ja schon fast 100 Jahre vorbei.
      Mit Heiko die Sache ist auch schon fast 25 Jahre vorüber – aber die ist mir doch noch sehr präsent. Das Leben hat eben Dinge für jeden parat, die nicht immer wünschenswert sind.
      Aber meine Geschichten im Buch – diese „Anno Domini“ ist ja nur eine von vielen, haben mehr mit meinem Leben und manchmal eben auch weniger mit ihm zu tun – manche sind reine Phantasie, andere eben „Dichtung und Wahrheit“.
      Aber ich werde nur diese eine hier erzählen.
      Mit Gruß von mir

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      • Danke für die ausführliche Antwort. Ich hätte ja auch schon eher geantwortet, doch dieser Reader will Dich wohl versteckt halten, wieso auch immer. Wenn ich bei Dir schreibe, taucht das nicht auf. Dadurch rutscht es einfach mal durch … 😦
        Ich wünsche Dir einen zauberhaften Abend.
        Herzliche Grüße, das Licht

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        • Hallo Cathrin, eigentlich müsstest du doch deine Antworten bei mir sehen, dann musst du allerdings direkt auf meinem Blog schreiben, nicht über diesen eingeblendeten Kasten auf der rechten Seite oben. Und da ich meine Kommentare nicht moderiere, sind sie doch sofort sichtbar.
          Auch für dich noch einen schönen restlichen Sonntag Abend

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  3. Hui, das ist ja gerade noch einmal gut gegangen! Wer denkt auch gleich an was Schlimmes, wenn alle Ärzte sagen, alles in Ordnung!

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    • Kommt leider immer wieder vor. Bin deswegen auch mal fast gestorben 😀

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      • Bei mir hat diesen grundsätzlichen Fehleinschätzungsfehler nicht ein Arzt, sondern meine sonst immer sehr gute Klassenlehrerin gemacht, die auch hätte mehr als schief gehen können.
        Meine Wahnsinnsbauchschmerzen mit 13 Jahren hielt sie für die erste Menstruation, dabei war es ein hochentzündeter Appendix, der laut Operateur kurz vor dem Platzen war. – Es war mir nicht bestimmt, mit 13 abzutreten!

        Gefällt 2 Personen

    • Für die „Geschichteneltern von Benno“ war sicherlich das Urteil vom Patenonkel Constantin ausschlaggebend – wenn der es nicht für bedenklich hielt, wird es schon wieder weggehen.
      Als ich das schrieb, hatte ich meinen an Darmkrebs gestorbenen Lebensgefährten vor Augen. Die Ärzte hier im Berliner Klinikum hatten ihm gesagt, er solle sich nicht so anstellen – und sie haben den tomatentroßen Tumor im Darm nicht erkannt.
      Erst in Hamburg wurde er gleich und sofort operiert – aber das hat ihm nur ein Vierteljahr Aufschub gebracht.
      Die „Götter in weiß“ sind eben leider doch keine Götter, sondern Menschen, die sich irren können.
      Lieben Gruß

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  4. Interessantes Nasenfoto. Sieht irgendwie nach ägyptischem Pharao aus 🙂

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