Claras Allerleiweltsgedanken

2043 Schmiedekunst

5 Kommentare

Es kristallisierte sich immer mehr heraus, dass Felicitas und Benno total unterschiedliche Berufswege einschlagen werden. – Feli war die naturwissenschaftlich interessierte Tochter ihres Vaters, allerdings überwog bei ihr mehr die Liebe zur Mathematik. – Benno war der reine Praktiker, mehr noch, er war der künstlerische Praktiker.

Wie Constantin vorausgeahnt hatte, ebbte Bennos Liebe zur Sprayerei bald ab. Es stank ihn mächtig an, dass es unter den Sprayern keine richtige Sprayer-Ehre gab, weil zu wenig Flächen zum Sprayen zur Verfügung standen. Jeder Sprayer setzte das Entstehungsdatum auf sein Werk. Normal war, dass es nach 6 Monaten übersprayt werden durfte. Die tatsächlichen Halbwertzeiten lagen jedoch bei höchstens 3 Monaten, meist noch kürzer. Darüber war Benno nicht nur wütend, sondern auch traurig, denn er hing an seinen Kunstwerken, die er im Laufe der Zeit immer mehr vervollkommnet hatte.

Er trug sich mit dem Gedanken, einen Beruf einzuschlagen, in dem er bleibende Werke schaffen kann, die nicht mit einem Druck auf einen Sprühknopf weggesprüht und weggesprayt werden können. Er wollte sich mal ein wenig auf dem Gebiet der bildenden Kunst umsehen.

In seiner Straße war ein schöner Zaun mit einem schmiedeeisernen Löwenkopf.

Immer wieder stand Benno davor und bewunderte die Feinheiten des Kopfes. Ihm war klar, dass es eine Gussarbeit ist und kein handgefertigtes Unikat. Dennoch wollte er wissen, wie solche Sachen hergestellt werden. Er wollte in seinen Ferien 4 Wochen bei solch einem Handwerksmeister hineinschnuppern.

Das mit der Probearbeit wollte nicht so recht klappen – allen Meistern erschien der Aufwand zunächst zu groß. Dann ging Benno in die Offensive. Er zeigte ein paar seiner Farbkunstwerke und versicherte zusätzlich, dass er kein Geld für diese vier Arbeitswochen haben möchte. Sein Vater hatte ihm zugesichert, dass er die „Entlohnung“ übernimmt – er wollte einfach, dass sich sein Sohn künstlerisch entwickeln kann.

Es klappte dann doch bei einem sehr guten Kunstschmied. Benno lernte unheimlich viel – aber er lernte vor allem, dass er doch kein Kunstschmied werden will.

Ein Jahr hatte er mindestens noch Zeit, um sich seinen Berufswunsch zu überlegen.

 

2045 Die Engelsfiguren der Schlossbrücke

Die Familien Domini – sowohl die alte als auch die junge – wohnten ja weit draußen am Stadtrand von Berlin – da war ein Ausflug in die Innenstadt schon fast eine Tagesreise, zumal, wenn man sie ohne Auto unternahm.

Benno war inzwischen ein junger hübscher Mann von 16 Jahren – groß und kräftig. Langsam drängte die Berufswahl und er wusste immer noch nicht, wofür er sich entscheiden soll.

Mit ein wenig Frust im Bauch setzte er sich in Bus, Straßenbahn und S-Bahn, um ins Zentrum zu fahren. Ziel- und planlos stieg er am Hackeschen Markt aus, da ihn der Berliner Dom von der S-Bahn aus zu einem Besuch verlockte. Große, imposante Kirchen hatten schon immer eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf ihn ausgeübt.

Und plötzlich steht er auf der Schlossbrücke und sieht die vielen Engelsfiguren.

Ganz andächtig geht er von einer zur anderen. Sonst überhaupt nicht melancholisch oder so angehaucht, würde er jetzt von „Ergriffenheit“ sprechen, wenn das nicht für einen 16jährigen ein vollkommen uncooles Wort gewesen wäre.

Diese Vollkommenheit, diese Perfektion der Darstellung – er weiß es genau in diesem Moment: Er will Steinmetz werden. Beruhigt, gelöst und befreit setzt er sich noch in ein Straßencafé, trinkt eine Cola und ruft seinen Papa an. Der kippt fast aus den Latschen, als sein Sohn ihm am Sonntagnachmittag vollkommen überraschend erklärt: „Papa, ich will Bildhauer werden, und zwar will ich mit Stein arbeiten, nicht mit Holz.“

 

2047 Steine auf der Brust

Bennos Opa, der Johannis Domini, freut sich ganz besonders über diesen Berufswunsch seines Enkels. Er hatte Zeit seines Lebens einen besonderen „Draht“ zu Steinen. Ein paar ziemlich große Exemplare lagen auch auf seinem Grundstück.

Die hatte mal ein Bildhauer für ihn bearbeitet. Und jetzt sollte es einen Bildhauer in der Familie geben, wie schön. – Vollkommen harmlos sagte er zu Benno, dass er sich später für sein Grab einen von Benno bearbeiteten Stein wünscht.

Lachend versprach ihm das Benno in die Hand – denn keiner in der Familie ahnte, wie es um Johannis wirklich bestellt war. Vor kurzem war er 75 geworden und sah an seinem Geburtstag aus wie das blühende Leben in etwas fortgeschrittenem Zustand, also schon leicht verwelkt. – Sein Arzt hatte ihm noch eine Lebenserwartung von plusminus einem Jahr zugestanden – eigentlich Zeit genug, um alles ins Reine zu bringen.

Doch wie Männer so sind, verheimlichte er seine Diagnose so lange, bis es nicht mehr ging, bis er fast zusammenklappte. Alle kümmerten sich rührend um ihn, immer war jemand bei ihm, auch Felix und Constantin kamen öfter vorbei. Seine geliebte Enkeltochter war zum Mathematikstudium in die sächsische Metropole Dresden gegangen – sie wollte raus aus Berlin. So oft sie sich beim Studium frei machen konnte, kam sie nach Haus, ging zu ihrem Opa, um ihm die Hand zu halten und die Stirn zu kühlen.

Als es wirklich nach einem bevorstehenden Tod aussah, packten sie ihn in einen Rollstuhl und fuhren auf den wunderschönen Friedhof in Stahnsdorf. Sie wohnten zwar am anderen Ende der Stadt, aber er hatte sich gewünscht, dort beigesetzt zu werden. Von Verbrennung hielt er nichts und auch seine Claudia wollte später im ganzen neben ihm liegen, nicht nur als Aschebehälter. Also fuhren sie hin, um eine Doppelgrabstelle auszusuchen. Zum Glück schien an diesem Tag die Sonne wunderbar – also konnte sich Johannis ein richtiges Sonnengrab aussuchen.

Johannis Domini hatte immer recht gut verdient und deswegen auch einiges gespart. Schon zu Lebzeiten meinte er, dass das Geld auf der Bank höchstens schlecht werden könnte. Also zahlte er seinen beiden Enkelkindern ihren Anteil aus. Anno, der Sohn, verzichtete auf jegliche finanziellen Zuwendungen und Claudia, seine Frau, konnte trotz dieser Gratifikationen an die Enkel bestens leben. Sie hatten noch zu Johannis Lebzeiten das Haus verkauft – der Kauf sollte aber erst nach seinem Tod rechtskräftig werden. Claudia konnte sich von dem Erlös eine wunderschöne kleine Eigentumswohnung kaufen und konnte somit ihre Arbeit und ihren Hausputzaufwand um mehr als 60 % verringern.

Autor: Clara Himmelhoch

Auf meinem PR = purple Roller fahre ich durch die Bloggerwelt und mache PR = Public Relation. In meinem Gepäck habe ich fast täglich eine "Überraschung" für meine LeserInnen. Obwohl Oma aus Leidenschaft, gibt es kaum omahaftes hier - und Hausfrauentipps und -tricks müsst ihr wo anders lesen.

5 Kommentare zu “2043 Schmiedekunst

  1. Liebe Clara, ein jeder Löwe ist seines Glückes Schmied… könnte man da sagen… 🙂

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  2. Es bleiben die Worte weg. Wer macht eine Studie dazu?
    Dabei hätte man doch Zeit…
    ?
    Liebe Grüße in mir schleierhaften Zeiten

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    • Verzeihung, liebe Sonja – im Zusammenhang mit den 3 Kapiteln meiner Erzählung verstehe ich nicht ganz, was du vielleicht meinst.
      Denkst du, dass es ungewöhnlich ist, dass du nach längerer Zeit nach Erscheinung dieses Textes hier noch nichts steht? – Ich verstehe es auch nicht ganz – habe aber mit anderen Sachen ausreichend am Computer zu tun. Also kann ich es „überleben“.
      Eine Studie werde ich nicht selbst machen oder gar in Auftrag geben.
      Lieben Gruß zu dir

      Gefällt 1 Person

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