Claras Allerleiweltsgedanken


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2060 – Verlust

Eine Geschichte, die schon 60 Jahre dauert, ist ganz schön lang – und auch ganz schön schwer zu erfinden, ohne dass alle Personen, Daten und Ereignisse durcheinander purzeln – zumindest für solche ungeübte „Autorin“ wie mich.

Claudia geht jetzt auf ihren 82. Geburtstag zu. Sie ist nicht unbedingt der Typ, der viel klagt – doch jetzt merkt sie, dass es ihr gar nicht gut geht. Sie spricht mit ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter und will sie bitten, einen Platz im Pflegeheim für sie zu besorgen – sie schafft den Einkauf und das Kochen nicht mehr, obwohl man inzwischen einen Haushalt fast vollständig elektronisch steuern und erledigen kann, auch aus der Ferne. Sie klagt sehr häufig über starke Unterbauchschmerzen.

Zuerst besorgt ihr Constantin einen Platz auf seiner Station. Er ist seit langem Chefarzt der Chirurgie in einem konfessionellen Krankenhaus. Noch vor 50 Jahren wäre das kaum denkbar gewesen, dass es einen schwulen Chefarzt gibt, und das in einem katholischen Krankenhaus. Damals gab es zwar viele homosexuelle Politiker, aber die katholische Kirche tat sich schwer damit, diese Gruppe als gleichberechtigte Katholiken anzuerkennen.

Dass sie Constantin genommen hatten, war auch in anderer Hinsicht erstaunlich: Er war nämlich nicht katholisch, doch sein Ruf war so phänomenal, dass sich das katholische Krankenhaus gern mit solch einer Koryphäe schmücken wollte.

Zwei Tage nach der Einlieferung war die Operation angesetzt – das Ultraschallbild und andere Untersuchungen hatten einen Tumor im Darm lokalisiert. Constantin stand unmittelbar davor, in Rente zu gehen, doch er ließ es sich nicht nehmen, diese Op selbst zu machen. Claudia genierte sich ein wenig, denn schließlich war er fast so etwas wie ihr „Schwiegersohn“. Sie war nicht mehr so schön schlank wie früher und an anderen Stellen hatte das Alter auch schon mächtig zugeschlagen – aber Constantin war nicht bereit, den „Fall“ an einen seiner Oberärzte abzugeben. Ihm schwante die Schwere der Erkrankung und er wollte sich deswegen selbst ein Bild machen, welche Lebenserwartung Claudia noch haben wird. Sie entband ihn der Familie gegenüber von seiner Schweigepflicht und ließ sich in den Vorbereitungsraum fahren. – Eine Spritze und sie schlief ein und überließ ihr Schicksal den Göttern, vorläufig noch denen in Weiß.

Schon während der Operation erkannte er, dass die Lebensuhr von Claudia mehr oder weniger abgelaufen war, es konnte sich nur noch um Wochen handeln. Der große Tumor aus dem Darm wurde entfernt und Constantin legte sein ganzes Können in die Waagschale, um einen künstlichen Darmausgang, einen anus praeter, zu verhindern. Alle anderen inneren Organe, in die der Tumor schon gestreut hatte, ließ er in Ruhe.

Claudia wachte auf und ihre erste Frage war: „Na, wie viele Wochen habe ich noch zu leben?“ Dadurch machte sie es ihm sehr leicht, ihr die Wahrheit zu sagen. Constantin fragte sie: „Willst DU es den anderen sagen oder soll ich das übernehmen?“ Nach kurzem Überlegen meinte sie: „Mach du das besser, dann sind die mit ihren Tränen schon durch, wenn wir dann miteinander sprechen.“

Typisch Claudia, konnte er nur denken, denn Sentimentalität war nie ihr Ding. – Es blieben ihr noch genau 13 Wochen = 3 Monate = ¼ Jahr, um all ihre Dinge zu regeln, die man so zu regeln hatte. Um den üblichen Kram wie Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung hatte sie sich zeitig genug gekümmert.

Da Anna nicht mehr arbeitete, war es für alle sonnenklar, dass Claudia für ihre letzte Zeit zu Anno und Anna ins Haus zieht. Sie bekam ein Zimmer im Erdgeschoss, da ihr das Treppensteigen sehr schwer fiel. Ihr ging es nach kurzer Zeit zunehmend schlechter und sie lag fast nur noch. Felicitas und Maximilian mit der kleinen Cora kamen so oft wie möglich nach Berlin zu Besuch. Sie konnten ja wunderbar in Claudias leerstehender Eigentumswohnung wohnen. Cora sprach schon sehr schön, so dass Claudia noch viel Freude an ihrem ersten Urenkelkind hatte.

Da Claudia das Gefühl hatte, dass sie nun die kirchliche Hochzeit der beiden nicht mehr erleben wird, schenkte sie ihnen das Geld für den angeblichen Doppelnamen des Kindes, also noch 700,00 € für „Corinna“.

Und dann war es eines Tages so weit: Anno hatte keine Mutter mehr, Felicitas und Benno keine Oma und Cora keine Uroma mehr. Sie fühlten sich sehr alleingelassen und hatten mit ihren Verlust-Tränen zu kämpfen.

Für sie alle war Claudia sehr oft die Ansprechpartnerin gewesen, da sie zu fast allen Sachen etwas Sinnvolles sagen konnte, keinem ihre Ratschläge über den Schädel haute und immer hilfsbereit parat stand, wenn sie gebraucht wurde.

Die Grabstelle auf dem Stahnsdorfer Friedhof wartete jetzt schon 12 Jahre auf Claudia. Damals war sie noch der Auffassung, dass sie eine Erdbestattung will, doch das änderte sie kurz vor ihrem Tod – sie gab allen bekannt, dass sie als Urne bestattet werden möchte. Auch die Inschrift auf dem Grabstein begrenzte sie auf „Claudia Domini, 1978 – 2060“. Geburtsname und genaue Tagesangaben hielt sie für überflüssigen Schnickschnack. Sie hoffte, dass sich ihre Familie auch so die Daten merkt – und wenn nicht, dann ist es auch kein Beinbruch.