Claras Allerleiweltsgedanken


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2049 – Stärkung

Obwohl es schönere Feste als Beerdigungen gibt, war es dennoch wunderschön, mal wieder alle Verwandten und Freunde zusammen zu haben. Das wäre sonst bei der Goldenen Hochzeit in diesem Jahr passiert – aber dazu hat es Johannis durch seinen Tod nicht kommen lassen. Er liebte diese großen Feiern nicht so richtig – die waren ihm immer zu laut.  Dennoch fanden es alle schön, dass Johannis den 70. Geburtstag seiner Frau noch miterleben durfte, der wegen seiner Erkrankung ein wenig untergegangen war.

Bei einem guten Bier wurden auch gute Gespräche geführt und am Ende fühlten sich alle durch den guten Zusammenhalt gestärkt.

Der Schmerz verblasste und zurück blieben die guten Erinnerungen, was sie so als Familie erlebt und durchgestanden hatten.

Die Enkelkinder finanzierten mit dem großväterlichen Erbteil ihre Berufsausbildung. Felicitas gönnte sich ein Auslandssemester in England und Benno kaufte sich einen kompletten Satz an sehr guten Werkzeugen. Jeder Steinmetz arbeitete am besten mit seinem eigenen speziellen Werkzeug.

 

2050 – Aufstieg

Inzwischen waren mehr als 8 Jahre vergangen, in denen Anno das physikalische Labor nach bestem Wissen und Können geleitet hat und auch vorzeigbare Erfolge aufzuweisen hatte.

Seinen 50 Geburtstag am Anfang des Jahres hatte die Belegschaft mit großem Enthusiasmus vorbereitet und dann auch gefeiert. Er hätte nie geglaubt, dass er wohl offensichtlich doch sehr beliebt ist als Chef, obwohl er weder beide Augen zudrückte noch irgendwelche Schludereien durchgehen ließ. Die Leute spürten, dass er von ihnen nicht mehr als von sich selbst verlangte – und das wirkte sich ungeheuer positiv aus auf das Arbeitsklima.

Dennoch meinte er, dass er jetzt der Wissenschaft genug Lebenszeit geopfert hatte – irgendwie langweilte ihn momentan die Physik – er liebäugelte mit einem anderen Betätigungsfeld, das auch mit P anfängt.

Er träumte von einem Aufstieg der absolut anderen Art.

Jetzt glaube aber bitte keiner, dass er einen Freizeitpark führen und zum Parkboss aufsteigen möchte.

Na, mal sehen, was noch so kommt.

 

2052 – Politische Spielwiese

Als denkender und interessierter Mensch verfolgte er die Innen-, Außen- und Stadtpolitik seines Landes, seiner Stadt und seines Stadtteils mit großem Interesse. Dennoch hatte er sich nie dazu durchringen können, einer Partei auf dieser politischen Spielwiese beizutreten.

Dennoch reizte ihn dieses Aufgabengebiet unheimlich. Durch seine kontaktfreudige Art kam er schnell mit Leuten ins Gespräch, er wusste, wo die meisten ihre berechtigten Kritikpunkte anbrachten. Er kniete sich immer mehr in die Lokalpolitik hinein, verbrachte einen großen Teil seiner Freizeit im Büro der Stadtverwaltung. Die Kinder waren ja inzwischen so erwachsen, dass sie sich nur noch selten sahen. Benno, obwohl noch ziemlich jung, betrieb er eine sehr erfolgreiche Bildhauerwerkstatt. Er hatte es vorgezogen, nach Brandenburg aufs Land zu ziehen, da er dort günstig Haus, Hof und Fläche erwerben konnte. Bezahlt wurde das auch noch zum Teil vom Großvater, der voller Stolz von oben auf ihn herabsah. – Jetzt hatte Benno auch das nötige handwerkliche Können, um für seinen Opa den Stein für’s Grab zu bearbeiten. Ich würde ihn euch ja zeigen, aber er steht unter Urheberrechtsschutz und will hier nicht gezeigt werden.

Felicitas war aus Dresden nicht wegzubekommen, sie wollte nicht mehr nach Berlin zurück. Außerdem hatte sie sich entschlossen, an das Studium noch eine Promotion anzuhängen – sie liebte zwar ihre Eltern sehr, aber sie liebte eben so ihre Unabhängigkeit und ihre Freiheit.

Felix und Constantin, die inzwischen auch in die Jahre gekommenen Herren mit grauen Schläfen, waren sehr reiselustig. Da es mit der Adoption eines Kindes nicht geklappt hatte, waren sie wohlhabend und unternehmungslustig. Mindestens einmal im Vierteljahr beauftragten sie Felicitas, sich um Opern- und Theaterkarten für 4 Personen zu besorgen, natürlich beste Plätze. Das war dann allerdings auch der einzige Anteil, den Felicitas leisten musste, alles andere übernahmen die beiden „Onkels“. Sie wohnten oben am Weißen Hirsch in einem Hotel mit Blick auf Dresden – traumhaft schön. Für Felicitas und ihren Freund Max hatten sie als Überraschung ebenfalls ein Zimmer gebucht – und so konnten sie unbesorgt bis in den späten Abend hinein Erinnerungen pflegen und dabei den Elbauenwein genießen. – Der Name Max gab Felix gleich Grund für eine leichte Neckerei seines Patenkindes. Erinnert ihr euch noch, dass sie am liebsten Feli genannt wurde, weil sie für das Aussprechen von Felicitas immer keine Zeit hatte. Also fragte Felix mit einem leichten Grinsen auf den Lippen den jungen Mann: „Heißen Sie wirklich nur Max?“ Natürlich hatte er die Antwort vorausgeahnt: „Nein, ich heiße natürlich Maximilian, aber bei Feli hätte ich mit diesem Namen keine Chance gehabt. Und außerdem, Sie können ruhig du zu mir sagen.“

In dem anschließenden allgemeinen Gelächter stießen die beiden „seriösen“ Herren mit dem jungen Mann auf Brüderschaft an und es wurde ein ganz gemütliches Wochenende. Feli, die ja inzwischen auch schon 26 war, beschloss, jetzt auch namensmäßig erwachsen zu werden uns sich ab jetzt wirklich Felicitas zu nennen. Ganz generös sagte sie zu ihrem Freund: „Nicht wahr, Maximilian, Doktor der Naturwissenschaften in spe, darauf trinken wir jetzt einen und stoßen mit unseren beiden Zeugen darauf an!“ – Maximilian war froh, dass er seinen „-imilian-Teil des Namens zurückbekommen hatte, denn ihm gefiel dieser kaiserliche Name.

Als die beiden Männer Dresden in- und auswendig kannten, ging es in die Umgebung nach Meißen, Moritzburg, Bautzen und Görlitz. Für Felicitas waren das immer unvergessliche Tage, weil sie kunstgeschichtlich von den beiden so unendlich viel lernen konnte, ohne dass es belehrend wirkte.

An Wochenenden, an denen ihr Freund verhindert war, brachten Felix und Conny den „bärigen Benno“ aus Berlin-Brandenburg mit. Diese Bezeichnung traf jetzt tatsächlich auf ihn zu, denn sein Beruf und der viele Sport hatten aus ihm ein Muskelpaket gemacht.

Die Innenausstattung der Semperoper, aber auch Schloss und Hofkirche ließen sein Bildhauerherz mehr als einmal heftiger schlagen. Er wusste, dass er zu ähnlichem fähig war, zumal er inzwischen nicht mehr allein arbeitete, sondern in einer sogenannten Künstlerkommune tätig war.


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2043 Schmiedekunst

Es kristallisierte sich immer mehr heraus, dass Felicitas und Benno total unterschiedliche Berufswege einschlagen werden. – Feli war die naturwissenschaftlich interessierte Tochter ihres Vaters, allerdings überwog bei ihr mehr die Liebe zur Mathematik. – Benno war der reine Praktiker, mehr noch, er war der künstlerische Praktiker.

Wie Constantin vorausgeahnt hatte, ebbte Bennos Liebe zur Sprayerei bald ab. Es stank ihn mächtig an, dass es unter den Sprayern keine richtige Sprayer-Ehre gab, weil zu wenig Flächen zum Sprayen zur Verfügung standen. Jeder Sprayer setzte das Entstehungsdatum auf sein Werk. Normal war, dass es nach 6 Monaten übersprayt werden durfte. Die tatsächlichen Halbwertzeiten lagen jedoch bei höchstens 3 Monaten, meist noch kürzer. Darüber war Benno nicht nur wütend, sondern auch traurig, denn er hing an seinen Kunstwerken, die er im Laufe der Zeit immer mehr vervollkommnet hatte.

Er trug sich mit dem Gedanken, einen Beruf einzuschlagen, in dem er bleibende Werke schaffen kann, die nicht mit einem Druck auf einen Sprühknopf weggesprüht und weggesprayt werden können. Er wollte sich mal ein wenig auf dem Gebiet der bildenden Kunst umsehen.

In seiner Straße war ein schöner Zaun mit einem schmiedeeisernen Löwenkopf.

Immer wieder stand Benno davor und bewunderte die Feinheiten des Kopfes. Ihm war klar, dass es eine Gussarbeit ist und kein handgefertigtes Unikat. Dennoch wollte er wissen, wie solche Sachen hergestellt werden. Er wollte in seinen Ferien 4 Wochen bei solch einem Handwerksmeister hineinschnuppern.

Das mit der Probearbeit wollte nicht so recht klappen – allen Meistern erschien der Aufwand zunächst zu groß. Dann ging Benno in die Offensive. Er zeigte ein paar seiner Farbkunstwerke und versicherte zusätzlich, dass er kein Geld für diese vier Arbeitswochen haben möchte. Sein Vater hatte ihm zugesichert, dass er die „Entlohnung“ übernimmt – er wollte einfach, dass sich sein Sohn künstlerisch entwickeln kann.

Es klappte dann doch bei einem sehr guten Kunstschmied. Benno lernte unheimlich viel – aber er lernte vor allem, dass er doch kein Kunstschmied werden will.

Ein Jahr hatte er mindestens noch Zeit, um sich seinen Berufswunsch zu überlegen.

 

2045 Die Engelsfiguren der Schlossbrücke

Die Familien Domini – sowohl die alte als auch die junge – wohnten ja weit draußen am Stadtrand von Berlin – da war ein Ausflug in die Innenstadt schon fast eine Tagesreise, zumal, wenn man sie ohne Auto unternahm.

Benno war inzwischen ein junger hübscher Mann von 16 Jahren – groß und kräftig. Langsam drängte die Berufswahl und er wusste immer noch nicht, wofür er sich entscheiden soll.

Mit ein wenig Frust im Bauch setzte er sich in Bus, Straßenbahn und S-Bahn, um ins Zentrum zu fahren. Ziel- und planlos stieg er am Hackeschen Markt aus, da ihn der Berliner Dom von der S-Bahn aus zu einem Besuch verlockte. Große, imposante Kirchen hatten schon immer eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf ihn ausgeübt.

Und plötzlich steht er auf der Schlossbrücke und sieht die vielen Engelsfiguren.

Ganz andächtig geht er von einer zur anderen. Sonst überhaupt nicht melancholisch oder so angehaucht, würde er jetzt von „Ergriffenheit“ sprechen, wenn das nicht für einen 16jährigen ein vollkommen uncooles Wort gewesen wäre.

Diese Vollkommenheit, diese Perfektion der Darstellung – er weiß es genau in diesem Moment: Er will Steinmetz werden. Beruhigt, gelöst und befreit setzt er sich noch in ein Straßencafé, trinkt eine Cola und ruft seinen Papa an. Der kippt fast aus den Latschen, als sein Sohn ihm am Sonntagnachmittag vollkommen überraschend erklärt: „Papa, ich will Bildhauer werden, und zwar will ich mit Stein arbeiten, nicht mit Holz.“

 

2047 Steine auf der Brust

Bennos Opa, der Johannis Domini, freut sich ganz besonders über diesen Berufswunsch seines Enkels. Er hatte Zeit seines Lebens einen besonderen „Draht“ zu Steinen. Ein paar ziemlich große Exemplare lagen auch auf seinem Grundstück.

Die hatte mal ein Bildhauer für ihn bearbeitet. Und jetzt sollte es einen Bildhauer in der Familie geben, wie schön. – Vollkommen harmlos sagte er zu Benno, dass er sich später für sein Grab einen von Benno bearbeiteten Stein wünscht.

Lachend versprach ihm das Benno in die Hand – denn keiner in der Familie ahnte, wie es um Johannis wirklich bestellt war. Vor kurzem war er 75 geworden und sah an seinem Geburtstag aus wie das blühende Leben in etwas fortgeschrittenem Zustand, also schon leicht verwelkt. – Sein Arzt hatte ihm noch eine Lebenserwartung von plusminus einem Jahr zugestanden – eigentlich Zeit genug, um alles ins Reine zu bringen.

Doch wie Männer so sind, verheimlichte er seine Diagnose so lange, bis es nicht mehr ging, bis er fast zusammenklappte. Alle kümmerten sich rührend um ihn, immer war jemand bei ihm, auch Felix und Constantin kamen öfter vorbei. Seine geliebte Enkeltochter war zum Mathematikstudium in die sächsische Metropole Dresden gegangen – sie wollte raus aus Berlin. So oft sie sich beim Studium frei machen konnte, kam sie nach Haus, ging zu ihrem Opa, um ihm die Hand zu halten und die Stirn zu kühlen.

Als es wirklich nach einem bevorstehenden Tod aussah, packten sie ihn in einen Rollstuhl und fuhren auf den wunderschönen Friedhof in Stahnsdorf. Sie wohnten zwar am anderen Ende der Stadt, aber er hatte sich gewünscht, dort beigesetzt zu werden. Von Verbrennung hielt er nichts und auch seine Claudia wollte später im ganzen neben ihm liegen, nicht nur als Aschebehälter. Also fuhren sie hin, um eine Doppelgrabstelle auszusuchen. Zum Glück schien an diesem Tag die Sonne wunderbar – also konnte sich Johannis ein richtiges Sonnengrab aussuchen.

Johannis Domini hatte immer recht gut verdient und deswegen auch einiges gespart. Schon zu Lebzeiten meinte er, dass das Geld auf der Bank höchstens schlecht werden könnte. Also zahlte er seinen beiden Enkelkindern ihren Anteil aus. Anno, der Sohn, verzichtete auf jegliche finanziellen Zuwendungen und Claudia, seine Frau, konnte trotz dieser Gratifikationen an die Enkel bestens leben. Sie hatten noch zu Johannis Lebzeiten das Haus verkauft – der Kauf sollte aber erst nach seinem Tod rechtskräftig werden. Claudia konnte sich von dem Erlös eine wunderschöne kleine Eigentumswohnung kaufen und konnte somit ihre Arbeit und ihren Hausputzaufwand um mehr als 60 % verringern.


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2040 – Fahnengeflatter

Jetzt ist es anders als 2014 – da habe ich nach dem letzten Kapitel aufgehört, die Geschichte weiter zu erzählen. Es war ein wenig mühsam für mich, für die weiteren Geschichten die Textvorlage zu finden. Erst nach langem Suchen fand ich sie auf der externen Festplatte. – Was ich aber nicht gefunden habe, sind die Fotos für die einzelnen Beiträge, zumindest die meisten nicht. Diese aus dem Jahr 2013 zu suchen, ist mir zu zeitaufwändig und anstrengend. Auf die muss bis auf Ausnahmen jetzt verzichtet werden.

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Der Urlaub neigte sich bedrohlich seinem Ende entgegen. Am nächsten Tag sollte großes Abbaden stattfinden – aber am Strand wehte die Sturmfahne.

Ehrfurchtsvoll lasen alle, was auf der Fahne stand: „I see you“ . Benno glaubte es wirklich, dass da jemand in den Häuschen des Wasserrettungsdienstes saß und alle ungehorsamen Badegäste am Schlafittchen packte, wenn sie sich ausziehen wollten, um verbotener Weise ins Wasser zu gehen. Also packten sie ihren Windschutz, ihre Getränke und ihr Picknick aus und setzten sich in ihre angestammte Sandburg. Es wurde gewitzelt und erzählt. Plötzlich meldete sich Anno zu Wort und gab einen Schwank aus seiner Jugendzeit bekannt, den seine Mutter genau auf Richtigkeit verfolgte.

Als er so ca. 2 Jahre war, hat er mit seinen Eltern Urlaub an der Ostsee gemacht. Wegen einer Augenverletzung musste er eine schwarze Augenklappe tragen. In dieser „Seeräuberverkleidung“ sah er ganz besonders nackt sehr putzig aus.

Eines Tages hatte er sich verlaufen und seine Mutter war gleich in Panik, da er noch so schlecht sprechen konnte. Er hätte bestimmt niemandem erklären können, wo seine Eltern am Strand liegen. Doch der Gang zur Strandwache brachte fast augenblicklich Erfolg. Nämlich: „Achtung, eine Durchsage! Gesucht wird ein Zweijähriger unbekleideter Junge, der eine schwarze Augenklappe auf dem rechten Auge trägt!“. – Es vergingen keine 5 Minuten und Anno war wieder bei seinen Eltern. – Die waren dann so klug und setzten ihm die Klappe am Strand auch dann noch aufs Auge, als die Verletzung schon längst abgeheilt war.

Am nächsten Tag gab es Abschiedstränen und jeder fuhr wieder in sein Zuhause.

2042 – Kunst oder Schund

Zu Haus kehrte nach diesen wunderbaren Ferien allmählich der Alltag wieder ein. Anno hatte inzwischen eine sehr verantwortungsvolle Stellung in seinem physikalischen Institut – er war Anfang des Jahres zum Institutschef aufgestiegen, nachdem der Vorgänger in wohlverdiente Pension gegangen war.

Hatte man Anno vorher schon wenig zu Haus gesehen, so war seine jetzige Anwesenheit fast die einer Gastrolle. Sein Sohn sagte schon ab und an, wenn er kam: „Entschuldigen Sie bitte, wer sind Sie denn, hier wohnt nur die Familie Domini, Sie müssen sich in der Haustür geirrt haben!“ – Dann nahm sich Anno mal für ein paar Tage zusammen und verließ schon so gegen 18.00 Uhr seinen Laden, damit er wenigstens mit der Familie Abendbrot essen konnte.

Zum Glück waren die Kinder sehr selbständig. Anna hatte ihre Berufstätigkeit auf die halbe Stundenzahl reduziert, denn Oma Claudia konnte ihre Enkel nicht immer wunschgemäß zu ihren Veranstaltungen und Kursen fahren, trotz des tollen Autos nicht. Ihr Mann Johannis hatte größere gesundheitliche Probleme, seine 72 Jahre sah man ihm inzwischen wirklich an.

Felicitas war weitestgehend mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, aber Benno musste noch dorthin und dahin gefahren werden. Der S- und U-Bahn-Verkehr hatte sich in den letzten 50 Jahren wesentlich verbessert in Berlin. Er war für jedermann kostenlos, was die Straßen von Autos entlastete. Da die Bahnen in dichtem Abstand fuhren, konnte man auch darin sitzen oder stehen, ohne den zweiten Fuß beim Nebenmann auf dessen Fuß abstellen zu müssen, weil es keinen anderen Platz gab.

Bei beiden Kindern entwickelten sich immer stärker künstlerische Neigungen heraus. Vielleicht hatte die Sandsation in Rügen ihren Anteil daran.

Felicitas entwarf zu Haus die Sprayervorlagen für ihren Bruder, eine davon ist z.B. die weiter oben gezeigte.

Niemand aus der Familie durfte wissen, dass sich der Halbwüchsige in der Sprayerszene rumtrieb. Das Geld für die teuren Farbdosen bekam er von den beiden Patenonkeln, denen er seine Werke auch zeigte. Beide waren hellauf begeistert und unterstützten ihn, nicht nur finanziell. – Einmal sollte auf der grünen Wiese ein Wettbewerbs-Sprayen stattfinden, an dem Benno gern teilnehmen wollte. Constantin wollte ihn hinfahren und begleiten, doch Benno fand zu Haus keine passende Ausrede, mit der er sich hätte verdrücken können. Also fuhren kurzentschlossen alle hin – alle außer den Eltern wussten, dass Benno auch Teilnehmer ist.

Sich dort unauffällig zu verkrümeln und seine weiße Wand zu besprühen, das war keine Kunst, sondern ließ sich einfach bewerkstelligen. Die anderen sorgten schon dafür, dass seine Eltern nicht bei ihm vorbeikommen, dazu war das Gelände groß genug.

Doch dann kam die Siegerehrung und ihr ahnt es sicher schon. Durch den Lautsprecher erscholl: „Der Sieger dieses Wettbewerbs ist Benno Domini! Der Preis für den Sieger beträgt 5.000,00 €“ – Zum Glück hatte er die beiden Onkel und seine Schwester zur Unterstützung dabei, um die zuerst erbosten, dann erstaunten und zuletzt wahnsinnig erfreuten und auch stolzen Eltern in Schach zu halten.

Er wollte bei Constantin seine Schulden für die Farbdosen bezahlen. Dieser sagte: „Du gibst mir dieses Geld, aber ich bewahre es für dich auf. Wer weiß, welches künstlerische Hobby dir als nächstes einfällt, wofür du Geld brauchst – und dann ist wenigstens welches da.“ Benno fiel seinem „Onkel“ freudestrahlend um den Hals – Sein Vater wurde fast ein wenig neidisch und dachte erneut, dass er sich mehr um seine Kinder kümmern müsste.

Auf dem Heimweg musste der „Sprayerking“ Benno seiner Mutter in die Hand versprechen, sich nicht in Gefahr zu begeben, indem er z.B. fahrende S-Bahnwagen besprayt. „Ich bin doch nicht lebensmüde“, war Bennos einziger Kommentar dazu.


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2040 – Das ist alles nur aus Sand

Und den Urlaub gab es als Zugabe, den bezahlte aber Johannis allein, zumindest den für seine Frau. Sandra, die Frau von Kay, arbeitete bei einer Reiseagentur. Sie kam eines Tages mit der Idee, auf der wunderschönen Insel Rügen ein großes Ferienhaus für viele Familien mit Kindern zu mieten. Nach genauer Umfrage stellten sie fest, dass ein Haus allein doch nicht ausreichte. Also wurde noch ein zweites gemietet – für die ältere Generation, die ja nun durchweg alle über 60 waren und alle etwas mehr Ruhe brauchten. Da die beiden Häuser direkt benachbart waren, konnten die Kinder problemlos zwischen den Häusern und Generationen hin und her wechseln. Alle waren glücklich damit. Mit 5 Autos machte man sich an einem Wochenende im Juli auf den Weg nach Rügen.
Dort angekommen, teilte man sich je nach Interessen bei den Freizeitbeschäftigungen auf. Frühstücks- und Mittagsmahlzeiten wurden getrennt in den einzelnen Ferienwohnungen eingenommen, aber das Abendbrot fand gemeinsam für alle in der großen Diele statt. Da saßen die Eltern von Anna und die Eltern von Anno (4 Personen), die Anno-Familie (4 Personen), Felix und Constantin (2 Personen) und Kays Familie (4 Personen). Ihr könnt euch sicher vorstellen, was das für ein Geschnatter und Gekichere war. Zum Glück war das Haus mit einer großen Spülmaschine ausgestattet, so dass die Kinder nicht zum Abwaschdienst abkommandiert werden mussten. Das Kochen übernahmen wechselseitig die einzelnen Ehepaare. – Ich habe anschließend mal den Jüngsten gefragt, an welchem Abend es ihm denn am besten geschmeckt hat. Na, wer kennt die richtige Antwort?

Eines Tages  meinte Constantin ganz geheimnisvoll: „Wir fahren heute ins Sandburgenland!“ Die größeren Kinder waren fast geneigt, ihm einen Vogel zu zeigen, denn sie waren schon lange aus dem Sandspielalter raus.

Doch als sie vor dem Eingang von „Das ist alles nur aus Sand“ standen, bekamen nicht nur die Kinder das Grübeln. Die Eintrittspreise ließen nicht darauf schließen, dass man jetzt nur Sand- oder Kleckerburgen zu sehen bekommt.

Felix, der erfolgreiche Psychiater mit eigener Praxis und einem Ruf, der weit über Deutschland hinausgeht, hatte ja die Idee für diesen Ausflug gehabt und hielt jetzt die ganze Mannschaft mit Eintrittskarten frei. Und Constantin setzte das dann nach dem Besuch mit Essen und Trinken fort – aber nicht zu Haus, wo heute die beiden Männer mit Kochen dran gewesen wären. Alle gingen in ein abgelegenes Gartenlokal, wo sie unter Apfelbäumen sitzen konnten. Die Kinder konnten gleich, nachdem sie ihre Pizza aufgegessen hatten , in den Wald zum Toben verschwinden. – Und das war dann natürlich das schönste Abendessen, von allen Kindern auf den ersten Platz nominiert.

Doch jetzt erst einmal zurück zur eigentlichen Ausstellung. In der sogenannten „Sandsation“ hörten die aaaaaahs und oooohs nicht auf. Alle staunten darüber, dass man so filigran mit Sand arbeiten konnte. Überwiegend wurden Märchenfiguren gezeigt. Alle wetteiferten miteinander, ohne das Lesen der Schilder zu erkennen, welche Märchen gemeint sind. Da war Oma Claudia stark im Vorteil, denn sie hatte den beiden Enkeln sehr oft die Märchen der Gebrüder Grimm vorgelesen. Die Männer der erfolgreichen mittleren Generation schwächelten ein wenig, aber Felicitas zeigte sich auch absolut stark.

Plötzlich standen sie vor verschiedenen Figuren aus Aschenputtel, hier z. B. ist die böse Stiefmutter zu sehen. Felix flüsterte in Constantins Ohr: „Nicht nur Stiefmütter sind oft böse!“, was diesen zu einem kurzen Händedrücken veranlasste.

Benno war mit seinen 11 Jahren zwar der jüngste, aber auf keinen Fall der zurückhaltendste von den Kindern. Sein Kommentar: „Der springen ja gleich die Äpfel aus der Bluse“ ließ Anna ein wenig rot werden, denn sie konnte Zeit ihres Lebens immer nur Äpfelchen vorweisen. Bevor sich die Großen in die Wolle bekamen, setzte er versöhnend nach: „Aber das Kleid ist toll gemacht!“.

Später nahm Felix seinen Constantin nochmal kurz zur Seite und meinte zu ihm: „So ungefähr hat meine Mutter immer vor mir gestanden, wenn sie wütend war und ich gleich wieder verprügelt werden sollte.“ Daraufhin erwiderte Constantin schlagfertig: „Dann lass uns einen verkleinerten Abguss davon bestellen, den stellen wir ihr dann aufs Grab.“

Allein diese Vorstellung ließen bei Felix die Lachtränen kullern. Seit er mit Constantin zusammen war, hatte die Vergangenheit ihre Schrecken vollends verloren und es gab nicht einen einzigen Alptraum mehr in dieser Zeit. Also muss es wohl stimmen, dass Herr oder Frau Dr. Liebe die besten Mediziner sind.


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2038 – ein Geburtstagsgeschenk

In diesem Jahr soll Mutter Beimer, ach nein, Mutter Domini natürlich, ihren 60. Geburtstag feiern. Alle überlegten hin und her, was denn nun für sie passend wäre. Da es allen, die sich an dem Geschenk beteiligen wollten, finanziell gut ging, wurde an ein Geschenk der etwas besseren Finanzierungs-Klasse gedacht. Zuerst wurde eine 4-Wochen-Kreuzfahrt anvisiert, aber zum Glück konnte sich Anno noch gut erinnern, dass seine Mutter schon bei der kleinsten Bootsfahrt den Fischen ihr Frühstück „schenkt“.

Constantin stimmte für eine exzellente Neuausrüstung mit technischen Geräten, denn Claudia, wie sie inzwischen auch von Sohn Anno genannt wurde, nicht nur von den „Ziehkindern“, war sowohl an Computern als auch an Fotoapparaten oder I-Phones interessiert und versiert. Da ihre Außenaktivitäten aus verschiedenen Gründen weniger wurde, tummelte sie sich umso mehr auf den Wegen des Internets. – Aber auch dieser Vorschlag fand keine allgemeine Zustimmung.

Und wieder waren es die Kleinen, die die richtige Idee hatten. „Oma braucht unbedingt ein neues Auto!“, meinte Felicitas, möglichst eines in einer auffälligen Farbe, denn langsam kann sie schon ein wenig schlecht gucken. Außerdem hat sie immer vergessen, wo das Auto nun gerade abgestellt war. Oma Claudia übernahm oft den Fahrdienst für ihre Enkel, wenn die zu ihren unterschiedlichsten Hobbystunden gebracht werden mussten. Deswegen war es auch durchaus gerechtfertigt, dass Johannis sein Auto behielt – das große für den Urlaub – und Claudia ein kleines und knuffiges bekam. –

Als Claudia an ihrem Geburtstag mit verbundenen Augen zu ihrem Geschenk geführt wurde, musste sie es erst einmal abtasten. Auf Auto kam sie natürlich sofort – aber bei der Marke haperte es ein wenig. Doch dann dachte sie an das Löwenauto, dass ihr immer so gut gefallen hat. Sie „guckte“ am Heck nach dem Löwen-Logo und dann, ob es die fünf- oder die dreitürige Variante ist und war sich plötzlich sicher: Es ist der kleine Peugeot. Beifall bestätigte das. Sie wollte sich die Augenbinde von den Augen reißen, aber ein allgemeines „Stopp“ ließ sie einhalten. Jetzt sollte sie noch die Farbe erraten. Ihr erster Vorschlag Weiß wurde verneint, dabei schwärmte sie doch so von weißen Autos. „Hoffentlich kein schwarzes oder dunkles, denn ihr wisst ja alle, dass ich nur helle Autos möchte.“, gibt sie noch schnell, dennoch überflüssiger Weise zur Kenntnis. An der Farbe könnte nämlich jetzt keiner mehr was ändern. Auf „schwarz“ gab es ein allgemeines „NEIN“, bei „dunkel“ gibt es nur noch ein „JEIN“ zu hören. Na dann war es hoffentlich auch kein silbergrauer, denn die fand sie langweilig. Nein, war es auch nicht. – Da alle langsam Hunger bekamen, meinte Anno: „Nu komm ma langsam in die Puschen, Mutta! Wat war denn immer deine Lieblingsfarbe? Schon vajessen, oda?“ – Absichtlich berlinerte er viel mehr als normal, er wollte ihre Aufregung ein wenig senken. – Und da fiel es Claudia wie Schuppen aus den Haaren: „Nu sagt nicht, dass es pink ist!!!???“

 

Die Binde fiel und Claudia fiel allen der Reihe nach um den Hals. Es war genau das, was sie sich ganz still und heimlich gewünscht hatte, sich aber nie hätte selbst gekauft, dazu war sie einfach zu sparsam.

Den Modellnamen „Clara Himmelhoch“ ließen die Kinder später in Claudia Domini oder nur in CD ändern, damit es wirklich IHR Auto ist.