Claras Allerleiweltsgedanken


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2082 – Das letzte gemeinsame Weihnachtsfest

(Tut mir leid, heute halte ich die 1000er Wörtergrenze nicht ein, aber ich wollte den Beitrag nicht trennen)

Anno spürte, dass die Familie ein wenig auseinander zu bröckeln drohte. Dass Katharina und Benno kein Paar mehr waren, sah ein Blinder mit dem Krückstock. Er wusste auch, dass Christoph, ein guter Kolumnist bei verschiedenen Tageszeitungen, der neue Partner von Katharina ist. Seine Schwiegertochter hatte ihm nie etwas vorgemacht oder gar vorgelogen, um Harmonie vorzutäuschen. Sie hatte ihm manchmal erzählt, dass sie mit der selbstherrlichen Art von Benno nicht zurechtkam, er ließ nur seine Kunstauffassung für die richtige gelten, alle anderen – auch die seiner Frau – beachtete er viel zu wenig bis gar nicht.

In solchen Momenten dachte Anno an die Kindheit von  Benno zurück, als es wegen dessen Darmanomalie so viele Sorgen und so viel Gestank gab. Ob die Eltern damals zu viel falsch gemacht hatten? Ihn zu wenig oder zu viel verwöhnt hatten? Mit seiner Anna konnte er das nicht mehr besprechen – und geändert hätte es auch nichts mehr, also ließ er es auf sich beruhen.

Bei der Feli-Max-Familie schien noch alles in bester Ordnung zu sein, jedenfalls hatte noch keiner geklagt. Felix ging mit seinen 15 Jahren ganz strikt seinen Weg, war ein exzellenter Fußballspieler, war im Sportgymnasium und wollte Profifußballer werden. Wenn sein Taschengeld mal wieder nicht reichte, kam er zum Opa und bettelte ein wenig. Der Opa steckte ihm immer einen „anständigen“ Schein zu, der meist blau war und Kirchenfenster auf der Vorderseite zeigte. Mit einem gewissen Anstandsgefühl meinte dann Felix: „Opa, wenn ich erst Karriere mache, dann zahle ich dir alles zurück“. Worauf Anno schmunzelnd meint: „Du lässt mich dann mit der Stretch-Limousine abholen, wenn du hier im Olympiastadion spielst.“ – Dass er eine andere Stretch Limousine als Felix meinte, das wollte er ihm nicht auf die Nase binden, aber Anno spürte, dass sich seine Zeit auf Erden langsam dem Ende entgegen neigte. – Und bei Annika in der Küche gab es immer noch ein paar Extraleckerbissen für Felix, denn so ein schneller Sportler muss ja auch was Anständiges zu essen bekommen.

Sein „Paradeenkelkind“, die Cora, war ja nun auch schon 24 Jahre auf der Welt. Das Medizinstudium nahm sie nicht nur ernst, sondern es machte ihr auch großen Spaß. Durch das Auslandssemester in London war sie perfekt in dieser Sprache geworden. Sie liebäugelt sehr mit dem Gedanken, sich nach dem Studium für ein Jahr nach Afrika zu verpflichten, eventuell sogar für drei. Sie weiß, dass sie dort nur Verpflegung bekommen wird und eine primitive Wohnmöglichkeit, aber kein Gehalt. Sie will sich für ihre kleine Wohnung eine Studentin holen, die in der Zeit ihres Wegseins für die Kosten aufkommt und in der Wohnung wohnt. – Immer, wenn sie mal bei ihrem Opa und Annika vorbeikommt, geht das Gespräch um das Afrikaprojekt. – Kaum ist Cora wieder weg, fängt Anno ein kurzes, aber ernstes Gespräch mit seiner Frau an. „Sage mal, du hast doch nichts dagegen einzuwenden, wenn ich Cora für das Afrikajahr finanziell unterstütze, da sie ja dort kein Gehalt bekommt?“ Annika hatte eine eigene Rente, die nicht üppig, aber ausreichend war – so zeigte sie immer Verständnis für die finanzielle Großzügigkeit ihres Mannes seinen Enkelkindern gegenüber. „Natürlich, mach das, sie hat es wirklich verdient, wenn sie sich so sozial dort engagieren will.“ „Na gut, das ist für den Fall, dass ich es noch erlebe, wenn Cora nach Afrika geht. Aber sie studiert ja noch bis 2085 und ich habe das ganz üble Gefühl, dass ich dann nicht mehr da sein werde.“ Da bekommt Annika einen Riesenschreck, denn auch sie hat etwas Ähnliches geträumt. Sie versucht, sich nichts anmerken zu lassen und fragt ihn ganz ruhig, wie er denn darauf kommt. Anno erzählt ihr einen Traum, den er immer und immer wieder hat – der hat mit seiner Taufe zu tun. An die zwei kleinen Ferkel kann er sich noch erinnern. Aber er glaubt sich auch noch zu erinnern, dass eine Fee an seinem Bett stand und ihm 84 Lebensjahre versprochen hat – und davon sind 82 schon vorbei.  Und deswegen will er Cora in seinem Testament ganz besonders bedenken. Natürlich will er seiner Frau so viel vererben, dass sie in Ruhe ihren Lebensstandard bis zum Ende halten kann. Seine Kinder brauchen nichts, die verdienen beide bestens, also bedenkt er nur seine Enkel – Das macht er alles still und heimlich mit einem Notar aus, dann ist er zufrieden.

Weihnachten steht vor der Tür und die ganze Familie will wieder mal in einem Landhotel feiern, damit keiner den Stress mit der Kocherei hat. Von Katharina hat er sich gewünscht, dass sie die beiden Kinder zum Heiligabend beim Opa sein lässt – sie ist auch einverstanden, denn sie selbst möchte mit Christoph zusammen sein. Es wird vereinbart, dass sie die Kinder nach dem Frühstück am ersten Feiertag holt. – Benno kommt auch und freut sich, dass er nicht allein zu Haus sein muss.

Es wird ein sehr besinnliches Fest, dem irgendwie schon ein Abschied innezuwohnen scheint.

Am ersten Feiertag wird es Mittag, es wird Nachmittag und Katharina und Christoph sind immer noch nicht da. Gegen 11.00 Uhr hatte  sie angerufen und gemeint, dass sie sich jetzt beide ins Auto setzen und losfahren. Laut Navi sollen es 2 Stunden Fahrzeit sein.

Plötzlich klingelt es und Anna stürmt an die Tür, um ihrer Mutter gleich ihr tolles neues Phone zu zeigen, das sie als Gemeinschaftsgeschenk von allen bekommen hat – aber ein uniformierter Polizist steht vor der Tür. Obwohl schon 12, fängt sie vor lauter Angst gleich an zu weinen und ruft nach ihrem Vater.

Benno kommt, bittet den Polizisten herein und erfährt, dass sie beiden auf dem Glatteis in den Graben gerutscht sind. Ihnen selbst ist nichts passiert, aber sie müssen jetzt noch warten, bis das Auto wieder flott ist.

Er begleitet den Polizisten bis zum Auto, weil es ihm spanisch vorkommt, warum dann Katharina nicht selbst anruft, wenn sie nur einen Autoschaden haben. Und leider bewahrheitet sich sein Gefühl. Der Polizist meint, dass er das kleine Mädchen nicht mit der Wahrheit erschrecken wolle, die solle ihr lieber der Papa beibringen. Katharina war hinterm Steuer eingeklemmt und hat trotz Aufprallschutz schwere Brustkorbverletzungen. Doch es sieht so aus, als wenn sie auf jeden Fall überleben wird.

Am ersten Feiertag kann Benno seine beiden Kinder noch hinhalten, aber am nächsten Tag sagt er ihnen vorsichtig die Wahrheit. Sie packen alle schnell ihre Sachen und dann fahren die drei zum Krankenhaus, in das man Katharina eingeliefert hat. Sie musste gestern operiert werden, da eine gebrochene Rippe drohte, die Lunge zu verletzen. Sie sah zwar nicht gerade aus wie ein Filmstar, aber ein kleines Lächeln konnte sie für ihre Kinder schon auf die Lippen zaubern. Die Schmerzmittel waren und wirkten wirklich gut.

Anfang 2083 wurde sie aus dem Krankenhaus entlassen und wurde dann von ihren Kindern zu Haus liebevoll umsorgt. Christoph nahm sich zwei Wochen Urlaub für ihre „Pflege“ – und danach war (fast) alles wieder gut.

Das Jahr 1983 ist fast geschafft – das kann man im November ja mit Fug und Recht behaupten – da passiert wieder etwas. Weil das Wetter noch so mild ist – die Temperaturen sind fast wie im Süden Europas – erledigt  Anno kleinere Wege immer noch mit dem Fahrrad. Beim Auto ist er sich zu unsicher, weil seine Reaktionen nicht mehr schnell genug sind, doch auf dem Fahrrad fühlt er sich sicher. Annika verlangt immer und immer wieder von ihm, dass er sich einen Fahrradhelm anschaffen soll, aber auf diesem Ohr ist er taub. Klugschieter, wie er manchmal so ist, meint er: „So langsam, wie ich fahre, sieht mich jeder Autofahrer. Außerdem trage ich ja schon auf deinen Wunsch hin diese alberne Warnweste – also, was soll mir passieren?“

Dieses Gespräch fand auf den Tag genau eine Woche vor Annos Unfall mit dem Fahrrad statt. Er war auf dem Fahrradweg auf nassen Blättern ausgerutscht und ungebremst mit der Schläfe auf eine Kante gestürzt.

Die Polizisten, die vor Annikas Tür standen, fuhren sie sofort ins Krankenhaus. Doch dort hieß es nur warten und warten. Sie rief bei Felicitas und bei Benno an und hinterließ eine Nachricht auf dem AB. Dann wartete sie weiter, bis Anno aus dem Operationssaal kam. Er hatte sich mit den zertrümmerten Schläfenknochen das Gehirn verletzt und musste ins künstliche Koma versetzt werden, da absolute Ruhe notwendig war.

Annika half bei der Pflege ihres Mannes mit, wo sie nur konnte – sie wollte ihm einfach nur nahe sein.

Weihnachten erinnerten sich alle an das schöne Fest vom vergangenen Jahr, das auch mit einem Unfall endete. Doch der Unfall von Anno schien weitaus ernster zu sein. Die Ärzte meinten, dass Annos Gehirn so schwer geschädigt sei, dass er nur noch schwerstbehindert leben könnte.

Beide Kinder wussten von der Patientenverfügung und Annika kannte dieses Schreiben auch.