Claras Allerleiweltsgedanken


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2070 – Ein Remake von Täve Schur

Die ersten Tage und Wochen nach Annas Tod lief Anno herum wie Falschgeld – ständig und überall war er sich selbst im Weg, immer wieder saß er grübelnd am Küchentisch. Er will und wollte nicht begreifen, warum seine Anna VOR ihm gegangen ist, er hätte das gern umgekehrt gehabt. Immerhin hatten sie sich fast 65 Jahre gekannt – eine echt stolze Leistung.

Doch irgendwie und irgendwann kehrte der Lebensmut zu ihm zurück. Zuerst gab es unheimlich viel zu tun, weil er das ganze Haus ausräumen musste. Er wollte ja seiner Tochter nicht ein runtergekommenes Haus vererben und seinem Schwiegersohn keinen vollgerümpelten Keller. Doch irgendwann waren auch das und einige Umbauten geschafft, seine kleine Wohnung hatte er sich ganz gemütlich eingerichtet. Nur noch in sehr trüben Momenten denkt er leise für sich: „Wofür eigentlich das alles, das lohnt sich doch gar nicht mehr, ich werde doch auch bald sterben und zu meiner Anna gehen.“

Diese Familie hat eine besondere Begabung dafür, im richtigen Moment die richtigen Register zu ziehen. Ein Anruf zeigt ihm die Nummer von Benno und Katharina. Da sich meist der kleine Jannis ans Telefon hängt, um seinen geliebten Opa anzurufen, sagt er auch gleich: „Na, mein Kleiner, wo brennt’s denn heute wieder!“ – Kaum ausgesprochen, tut es ihm schon Leid, denn seine oft recht strenge Schwiegertochter ist dran, die auch gleich nachhakt: „Ach, Jannis beklagt sich wohl immer bei dir, wenn ich ihm die Ohren lang gezogen habe, weil er wieder was ausgefressen hat???“ Doch dann lacht sie ganz laut und herzlich, so dass Anno sofort merkt, dass das nur ein Joke war. Dennoch wundert er sich, denn Katharina ruft so gut wie nie an – das lässt sie immer Benno machen. – Sie kommt auch ziemlich schnell zur Sache: „Hättest du denn ernsthaft etwas gegen noch ein Enkelkind einzuwenden?“ Sie kennt seine sprichwörtliche Liebe zu Kindern und weiß, dass das eine rein rhetorische Frage ist. Der nächstältere Enkel, Felix, ist inzwischen vier – da ist wieder Platz und Zeit im Herzen für Nachschub. Katharina sieht förmlich seine Augen blitzen. „Wirklich, bist du schon schwanger oder willst du es erst werden?“, fragt er ganz aufgeregt. „Ich bin Ende des vierten Monats – und dann schweigt sie. Und Anno beißt sich auf die Fingerkuppen, ob er fragen soll oder ob lieber nicht. Ca. 10 Sekunden lässt ihn Katharina zappeln, dann platzt sie heraus: „Es wird ein Mädchen, dann ist es ganz gerecht verteilt mit 2 Enkelsöhnen und 2 Enkeltöchtern.“ Anno muss sich vor lauter Freude erst mal bequem hinsetzen. Er stellt auf Raumton, stellt den Videobildschirm an und springt dann doch wieder auf, um sich ein Bier zu holen. – Und noch etwas ist in dieser Familie verbreitet: Der sechste, siebente oder achte Sinn. Und prompt platzt Anno damit heraus: „Und ihr habt zufällig nicht etwa mit dem Namen Anna für die Kleine gespielt?“  – Als Katharina das etwas erstaunt zugibt und ihn dabei genau auf dem Bildschirm beobachtet, ist sie sofort verunsichert, als er sich wegdreht, so dass sie nur seinen Rücken sehen kann. „Die muss ja jetzt nicht sehen, dass ich mir eine Träne aus dem Augenwinkel wischen muss“, denkt Anno, hat sich aber gleich wieder im Griff. Er lässt sie noch ein wenig zappeln und meint: „Ich muss mal heute Abend mit Anna im Abendgebet Rücksprache halten, ob sie hier wieder als Klein-Anna herumspuken will.“ – Fünf Minuten später, kurz vor dem Ende des Telefonats, meint er schelmisch: „Ich hab das Abendgebet vorgezogen und verkürzt – Anna freut sich und sie meint, was Felix beschert wurde, nimmt sie auch gern als Geschenk an.

Der Umzugstag ist da, die Dresdener kommen. Cora bückt sich zu ihrem Opa runter, um ihn zu umarmen. Nur der kleine Felix II ist zum Glück noch kleiner als der Opa. Er spricht mit seinen drei Jahren ein ziemlich astreines Sächsisch. Auch wenn Felicitas das verhindern wollte, gegen den Dialekt des Papas und der KITA kam sie nicht an. Jetzt hofft sie nur, dass der Kleine nicht nahtlos in den Berliner Dialekt wechselt, denn den findet sie auch nicht schöner.

Gleich neben Annos neuer Wohnung ist eine Fahrradwerkstatt, die viele gute Fahrräder verleiht oder auch nach Aufarbeitung verkauft. Zuerst schleicht Anno nur interessehalber daran vorbei, dann leiht er sich eines aus, dann auch mal ein anderes – dann kauft er sich eines – und dann ist er im Sommer sehr oft per Rad unterwegs. Er schließt sich einer Radwandergruppe an und hat sehr, sehr viel Spaß daran. Von seinen Kindern wird er schon schmunzelnd aufgezogen: Du bist ja der zweite Täve Schur – das war lange vor seiner Geburt ein sehr berühmter Radrennfahrer in seinem Land. – Anno lässt sich solche Witzeleien gern gefallen, denn sie schmeicheln seinem Ego.

Anfang November ist es dann soweit – Anna liegt bei ihren glücklichen Eltern im Körbchen oder im Bett und der „große“ Bruder Jannis mault: „Und wann kann ich endlich mit der spielen? Die schläft ja nur, wenn sie nicht gerade schreit oder schluckt!“ – Soooooooo langweilig hatte er sich das mit einer Schwester nicht vorgestellt.

(Da ich das zugehörige Fahrradfoto nicht finde, gehe ich fremd und nehme ein anderes.)


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2068 – Abschied

Anfang 2067 war es so weit – das Kind von Felicitas und Maximilian signalisierte deutlich: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ Die Mutter war froh, denn allmählich wurde es ihr zu beschwerlich, immer so eine Kugel vor sich herzuschieben. Der Vater wollte endlich definitiv wissen, ob sich die Ärzte mit ihrer „Maskulin-Prognose“ auch nicht geirrt hatten und Cora wollte endlich von ihren Klassenkameraden beneidet oder bedauert werden, dass sie jetzt so eine kleine Blage in der Wohnung oder sogar am Hals hatte.

Es ging alles glatt. Ihre Mutter hatte am Telefon voller Freude gesagt: „Feli, so ist das im Leben, ein Leben kommt, ein Leben geht. Doch ganz so weit ist es bei mir noch nicht, der Befund sieht so aus, als wenn ich noch ein Jahr lang meinen Enkel werde aufwachsen sehen. Wie heißt er denn übrigens?“

Als Felicitas sagte: „Felix the second“, musste ihre Mutter schallend lachen. Felix als Namen konnte sie voll und ganz verstehen, denn ihre Tochter hing an ihrem Patenonkel wie mit Pech und Schwefel angeklebt. Sicher war es auch nicht schwer, Maximilian und Cora von dieser Namenswahl zu überzeugen, denn der ältere Felix hatte sich immer ins Familiengeschehen eingeklinkt, wenn er gebraucht wurde. Sie bemerkte nur noch: „‘the second‘ meint ihr aber nicht ernst, oder bekommt euer Sohn eine römische 2 hinter seinen Namen?“ – Da Mutter und Tochter immer über Videotelefonie in Verbindung standen, sah die Mutter das typische Grinsen auf dem Gesicht ihrer Tochter und wusste Bescheid.

Felicitas, die jetzt im Mutterurlaub ist, reist so oft wie möglich nach Berlin, um sich mit ihrer Mutter zu unterhalten und mit dem Vater einiges zu organisieren. Anna ist von Felix II hellauf begeistert: Er schrie wenig, trank wie ein Weltmeister, schlief sehr viel und lachte ganz zeitig über das ganze Gesicht, wenn sich Anna über ihn beugte. – Fast hätte sie es bereut, dass sie sich nicht noch einige Lebenswochen „erkauft“ hat, doch diese Gedanken waren schnell wieder vorüber.

Eines Tages kamen die Eltern von Felicitas mit dem Vorschlag, dass sie gern ihr Haus an ihre Tochter samt Familie übergeben würden. Anno wollte nach dem Tod von Anna auf keinen Fall länger in diesen Wänden wohnen bleiben, die so viele Erinnerungen für ihn bargen. Eine kleine Wohnung in ruhiger Lage war ihm schon versprochen worden.

Für Maximilian würde ein Institutswechsel nicht das größte Problem darstellen, Cora hätte sicher auch nichts dagegen, in die Hauptstadt zu ziehen – also war es an Felicitas, ob sie sich mit über 40 Jahren diesen Wechsel vorstellen könnte. Sie war ja inzwischen ins Lehrfach gegangen, so dass sie garantiert eine Schule finden würde, die eine sehr engagierte Mathematik- und Physiklehrerin suchen. Doch suchten auch die Berliner Schüler eine Lehrerin, die sehr streng ist und unnachgiebig auf Leistung pocht??? – Sie versprach, darüber nachzudenken.

Beim nächsten Besuch sagte sie zu – doch alles sollte natürlich erst über die Bühne gehen, wenn Anna nicht mehr lebt. Deswegen wurden solche Sachen auch nur mit dem Vater in der Küche besprochen, so dass Anna nicht lauschen konnte.

Felicitas fuhr auch ab und an bei ihrem Bruder in Brandenburg vorbei, um zu sehen, wie sich ihr Neffe Jannis so entwickelt. Er war wirklich das putzigste und lustigste Kind, das sie kannte. Fast in der „Prärie“ aufzuwachsen, auf Hund oder Pferd abwechselnd seine Reitkünste zu trainieren – kaum ein Kind hatte mehr Freiheiten. Die Steinmetzfiguren seiner Eltern waren oft imaginäre Spiel- und Phantasiepersonen für ihn. Einfach prächtig!!!!

Im Sommer 2068 trat dann das ein, womit alle schon längere Zeit gerechnet hatten, denn Anna war nur noch ein Schatten ihrer selbst. – Als Claudia das Familienzepter abgegeben hatte, war Anna mit Leib und Seele in diese Rolle geschlüpft – doch jetzt gab sie es weiter an ihre Tochter Felicitas, die es mit Tränen in den Augen annahm. Es war zwar kein richtiges Zepter – schließlich sind wir hier nicht bei den Royals – sondern es war ein handgeschriebenes Buch „geheimer“ Familienrezepte. Weil Rezepte und Zepter ja so ähnlich klingen, hatte Benno mal als ganz kleiner Junge das Zepter, von dem er immer hörte, haben wollen, um ein richtiger König zu sein. Seit dieser Zeit nannten es alle so.

Felicitas war zwar nicht die größte Köchin vor dem Herrn, stattdessen gestattete sie später ganz großzügig ihrem Mann, dass er das Buch ebenfalls benutzen dürfe, um danach zum Beispiel die berühmten Domini-Pfefferkuchen zu backen, von denen ganze Generationen schwärmen.

Der 5jährige Jannis, der als einziger „Mann“ in der Familie auf lange Haare stand, schmückte das Grab seiner beiden Omas –Anna war seine Oma und Claudia, die er nicht mehr kannte, seine Uroma. Da alle mit Uropa Johannis an einer Stelle lagen, ließ er sich zeigen, wie er mit Kastanien OMA oder UROMA schreiben soll. Und mit der größten Inbrunst legte er um alles ein großes Kastanienherz zum Abschied.

Außer dem Schmerz um den Verlust seiner Frau quälte Anno aber noch etwas ganz anderes, nämlich der Ärger über idiotische Nachbarn. Wer es genau gewesen ist, der das Gerücht aufgebracht hatte, Anna hätte in ihrem Schmerz und in ihrer Not ihren Tod durch eine Überdosis Morphium selbst herbeibeigeführt, wusste er nicht – doch gleich nach dem Tod hörte er überall das Getuschel: „Frau Domini hat sich das Leben genommen. Frau Domini hat ihr Leben nicht mehr ausgehalten, vielleicht hat er ja eine andere …“ usw. usf. Anna war mit ihrer Diagnose natürlich nicht hausieren gegangen – und Menschen sind ja so unglaublich schlechte Beobachter. – Jedenfalls war das Gerücht der Versicherung zu Ohren gekommen und die hatten natürlich erst einmal „Stopp“ gesagt. Anna wurde tagelang in der Gerichtsmedizin untersucht, bis zweifelsfrei festgestellt werden konnte, dass die eingenommene Dosis tatsächlich an die vorhandenen Schmerzen angepasst war. – Der Tod war einfach irgendwann gnädig – nur die Nachbarn waren das nicht. Anno hatte in einem Musikbuch seines Urgroßvaters mal ein Lied gefunden, dass ihm jetzt sofort in den Kopf kam und er es etwas für sich abänderte: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es den blöden Nachbarn nicht gefällt!“ – In den nächsten Tagen konnte er beobachten, wer einen Bogen machte oder auf die andere Straßenseite ging, wenn er kam – einigte sich dann aber mit sich selbst, dass Dummheit einfach durch Missachtung gestraft werden sollte.


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2064 – Feste in der Bierakademie

Da ich die einzelnen Beiträge nach Möglichkeit nicht über 1000 Wörter lang werden lassen wollte, habe ich jetzt doch den Juni erreicht. – Aber wie gesagt, Lesen ist keine Pflicht – aber wem es Spaß macht, der kann jetzt auch das baldige Ende der Geschichte lesen. (Heute sind es über 1100 Wörter)

Der Plural von „Fest“ wird euch schon ahnen lassen, dass es auf dem brandenburgischen Bildhauergehöft bald Anlass zum Feiern geben wird.

Benno und Katharina, jetzt seit 10 Jahren in „wilder Ehe“ auf dem Hof lebend und immer noch so verliebt wie im ersten Jahr, aber auch immer noch so streitlustig wie anfangs – sie beschließen zu heiraten und haben gleich wieder einen Grund gefunden, sich zu streiten, nämlich um den Familiennamen.

Es ist klar wie das Amen in der Kirche, dass Benno seinen Namen favorisiert, denn es heißen immerhin schon zwei in der Familie Domini. Katharina war so fair und hatte dem zugestimmt, dass Jannis bei der Geburt den Familiennamen des Vaters bekommt. – Da sie sich in der Welt der Bildhauerkunst schon einen guten Namen er-hämmert hat, einigen sie sich so, dass Katharina ihren Namen behält. Zu diesen blödsinnigen Doppelnamen wie Hammerschwingerin-Domini (sie heißt natürlich nicht Hammerschwinger, wäre doch aber ein schöner Gag) wollen sie nicht greifen – also heißt jeder weiter so wie früher, nur zwei Ringe und eine Urkunde bezeugen, dass sie jetzt ein verheiratetes Elternpaar sind.

Taufe von Jannis und Trauung der beiden Großen werden mit großem Spaß in der Bierakademie gefeiert.

Durch das Foto habt ihr jetzt auch mitbekommen, wo die beiden in etwa leben – ihr könnt ja mal im Jahr 2064 nach dem berühmten Bildhauerehepaar fragen!

2066 – Tröstender Besuch

Das Leben ist nicht immer gerecht und es erfüllt nicht immer alle Wünsche. Anna und Anno hatten ja mit ihren beiden Kindern großes Glück gehabt – sie gerieten mehr oder weniger wie Pracht-Wunsch-Kinder, wenn man mal von der „Anfangspanne“, der „schlechten Laune der Natur“ bei Benno absah. Jetzt wollten sie das gleiche mit ihren beiden Enkelkindern Cora und Jannis genießen. Halt – es sollte noch ein drittes dazu kommen.

Felicitas und Maximilian wollten EIGENTLICH bei ihrer einen Tochter Cora bleiben. Die Zeiten waren so hart geworden, dass viele zwei oder sogar drei Jobs brauchten, um eine Familie zu ernähren. Obwohl Felicitas weiter arbeitete, war das Familienbudget nicht üppig bestückt. – Als sie eines Tages so darüber sinnierte, dass ihre red-days schon einige Zeit überfällig sind, kommt sie ins grübeln, ob das schon die Wechseljahre sein können.

Und wie das so ist, es kommt zeitlich immer was dazwischen, so dass der Besuch bei der Gynäkologin erst viel später stattfindet. – Die Ärztin untersucht, braucht dafür aber nicht lange. Felicitas erfährt, dass sie in ihrem „gesegneten“ Alter von 40 – bei der Geburt wäre sie dann schon 41 – erneut schwanger ist. Cora geht schon einige Zeit ins Gymnasium  und sie weiß nicht, wie Mann und Tochter  diese Nachricht aufnehmen werden. – Die Ärztin rät ihr zur Beeilung, denn wenn sie sich zu einer Unterbrechung entschließen sollte, sieht  der Gesetzgeber nur noch wenig Zeit zur Entscheidung vor.

Betreten schleicht sie zur Arbeit, noch bedröppelter kommt sie nach Haus.

Am Abendbrottisch lüftet sie ihr Geheimnis – und??? Frenetischer Jubel auf den billigen anderen Plätzen. Besonders bei Cora war sie sehr erstaunt, denn sie dachte, dass ihre Tochter mit ihren 12 Jahren was anderes im Kopf hat als Schwester zu werden. Aber ganz besonders freut sich Maximilian, denn er hat die ganzen Jahre still und heimlich auf einen Sohn gehofft, mit dem er seine Freizeit beim Modellbau oder anderen Überflüssigkeiten verbringen kann. Beide sagen freudig „JAAAAAAAAAAA“, obwohl Felicitas noch kein Ergebnis liefern kann, ob es ein Sohn oder eine Tochter werden wird.

In diese freudig erregte Stimmung hinein klingelt das Telefon – das Display zeigt die Nummer von Anna und Anno. Felicitas möchte am liebsten gleich ihre Mutter, die am Apparat ist, mit dieser neuen Nachricht überfallen – doch irgendetwas im Tonfall hält sie davon ab. Besorgt fragt sie, was denn los sei, und sie erfährt von ihrer Mutter nur, dass sie doch alle bitte am nächsten Wochenende nach Berlin kommen sollen, Benno und Familie werden auch da sein. – Also behält Felicitas ihre Neuigkeit erst mal für sich.

In dieser Situation so etwas wie einen sechsten Sinn zu haben, dazu gehört ja nicht all zu viel. Mit deutlichem Magengrummeln setzen sich alle am Wochenende ins Auto. Benno mit Katharina und Jannis geht es nicht anders. Die beiden Geschwister haben natürlich miteinander telefoniert, aber keiner von beiden wusste mehr, keiner konnte den anderen richtig beruhigen.

Bei den Eltern resp. Schwiegereltern wurden sie wie immer herzlich und liebevoll begrüßt – ein schöner Kaffeetisch wartete auf alle. Der dreijährige Jannis war der geborene Faxenclown, der von seiner zwölfjährigen Cousine Cora immer wieder mit neuen Tipps und Hüten versorgt und zu Höchstleistungen hoch-applaudiert wird. Er konnte Grimassen schneiden, dass sich keiner das Lachen verkneifen konnte.

Natürlich warten alle darauf, dass nun endlich die Katze aus dem Sack gelassen oder das Kaninchen aus dem Hut gezaubert wird. Als beide draußen sind, wünschen sich alle, sie wären doch lieber in Sack und Hut geblieben.

Anna machte es sehr unsentimental und meinte nur: „Ich habe wohl die Disposition für eine Krebserkrankung von meinen SCHWIEGEReltern geerbt. Untypisch für mein Alter ist Brustkrebs diagnostiziert  worden. Ich habe mit Anno hin und her diskutiert, mich mit Constantin beraten und meinen Bauch befragt. Constantin als Chirurg mit Leib und Seele – wenn auch schon mit berenteter Seele – rät natürlich zu einer Amputation – er würde sich sogar eine OP-Genehmigung im Krankenhaus holen, um die Operation selbst durchzuführen. – Doch ich will nicht – ich will nicht leben um jeden Preis. …„

Und genau in diesem Augenblick platzt Felicitas dazwischen und sagt: „Mama, vielleicht habe ich was, damit du es dir eventuell doch anders überlegst. Ich bin noch einmal schwanger und in 5 Monaten kommt dein neues Enkelkind zur Welt. Wir vermuten ganz, ganz stark, dass es ein Junge werden wird.“

Anna schluckt, Anna freut sich und Anna sagt, sie braucht einige Zeit der Überlegung. Sie schickt das „Jungvolk“ zu einem Spaziergang und bleibt mit Anno in der Wohnung.

Natürlich bettelt auch Anno nach Verlängerung durch eine Operation, aber er drängt und bedrängt Anna nicht, da er genau weiß, dass nur sie die ganzen Strapazen aushalten müsste. – In der Beratungssprechstunde waren ihr ca. 1,5 bis 2 Jahre gegeben bzw. vorhergesagt worden. Diese Zeit würde ausreichen, um das neue unter den dann zu dritt zählenden Enkeln zu begrüßen. Aufwachsen würde sie es so oder so nicht sehen – also, was soll‘s.

Als alle wieder eintrafen, verkündete sie ihren Entschluss, sich trotzdem nicht operieren zu lassen. Sie bittet im gleichen Atemzug darum, dass dieser Weg von allen ohne Diskussion akzeptiert werden möge und oh Wunder – die Familie hielt sich auch an dieses Diskussionsverbot, weil sie alle spürten, dass das einzig und allein Annas Entscheidung bleiben soll.