Claras Allerleiweltsgedanken

4 Schnell und zügig mit der M10 fahren …

17 Kommentare

… und schlechte Sachen dabei trotzdem NICHT ausblenden

Als ich in der Gegend des Hauptbahnhofs herum geschlichen bin, um noch was Fotowürdiges zu finden, sah ich das:

Sachen aus Ziegelsteinen interessieren mich fast immer, da ich doch aus dem Wohnungsbau fast nur Plattenbauten kenne. Also ging ich einen riesigen Bogen an der Mauer entlang, um endlich einen Eingang zu finden. Ich kam an welchen vorbei, aber die waren in der Winterzeit geschlossen.

Auf der Suche begegneten mir Sachen, die ich als sehr trostlos und vor allem als absolut nicht menschenwürdig empfand. – Obdachlose auf Bänken, an Häuserwänden oder auf wärmenden U-Bahnschächten gehören ja in Berlin schon fast zum guten schlechten Ton.

Doch was ich dann sah, verschlug mir fast den Atem. In einer Ansammlung von schlechten Zelten hatten sich wohl Flüchtlinge oder andere Menschen niedergelassen, für die sämtliche Hygienevorrichtungen fehlten. Den schlimmsten Ekel-Schreck bekam ich, als ich die Toilettentür öffnete. Ein wenig war Blasendrang vorhanden – doch nach dem Öffnen und Ansehen dessen, was sich mir da zeigte, ist dieser für Stunden vergangen.

Nach diesem Schock wollte ich wissen, was es mit der Mauer um diesen riesigen freien Platz auf sich hatte. Das Wetter war vorfrühlingshaft sonnig und an den Rändern hatten sich einige Besucher niedergelassen.

Der Park ist zum Gedenken für die vielen, vielen Häftlinge in der Strafanstalt Moabit gedacht. Er nennt sich „Geschichtspark Zellengefängnis Lehrter Straße“ -im Grunde genommen war dort so etwas ähnliches wie ein KZ, in dem vor allem Juden, aber auch Sinti, Roma, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen und andere Menschen, die den Nationalsozialisten nicht passten, untergebracht waren.

Der Güterbahnhof Moabit war ganz in der Nähe – und von dort fuhren die Züge in die Vernichtungslager. – Der auf der Mauer zu lesende Spruch war für meinen Fotoapparat viel zu lang – ich musste ein wenig stückeln.

Komplett lautet der Text:

Von allem Leid, das diesen Bau erfüllt, ist unter Mauerwerk und Eisengittern ein Hauch lebendig, ein geheimes Zittern …

Am besten von allen gesuchten Webseiten wird die Geschichte dieses Mahnmals hier gezeigt:

https://www.fortsetzungberlin.de/parks-gaerten-plaetze/parks-gaerten/geschichtspark-zellengef%C3%A4gnis-moabit/

Ich fand den Artikel sehr interessant, zumal er über die Verhältnisse der Gefangenen gleich nach dem Bau des Gefängnisses in den 1840er Jahren erzählt. Es wurde auf ganz strenge Einzelhaft ohne jegliche Kommunikationsmöglichkeit gesetzt, so dass die Suizidrate und die psychischen Erkrankungen enorm hoch waren. – In der Nazizeit waren Ernst Busch, Erich Mühsam, Erich Honecker und Wolfgang Borchert für kurze oder längere Zeit inhaftiert.

Nach 1989 wollten Verkehrs“experten“ den Tiergartentunnel genau über oder durch dieses Gelände führen – aber zum Glück gab es noch ein paar vernünftige Leute, die das verhindert haben.

Mehr Fotos habe ich dort nicht gemacht – ich fühlte mich wie bei der Besichtigung eines KZs – und fand es irgendwie unpassend, diese Leidensstellen zu fotografieren. In dem verlinkten Artikel steht mehr darüber.

Autor: Clara Himmelhoch

Auf meinem PR = purple Roller fahre ich durch die Bloggerwelt und mache PR = Public Relation. In meinem Gepäck habe ich fast täglich eine "Überraschung" für meine LeserInnen. Hausfrauentipps und -tricks als auch Koch- und Backrezepte müsst ihr wo anders suchen.

17 Kommentare zu “4 Schnell und zügig mit der M10 fahren …

  1. Ich beantrage die Umbenennung von Moabit auf Morbid…

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    • Vom Prinzip her hast du Recht – was doch der Tausch zweier Buchstaben so ausmachen kann. – Aber ich bin ganz fest davon überzeugt, dass es in der jetzigen Strafanstalt – meiner Meinung nur für Männer, weil es davon mehr als Täter gibt als Frauen – einigermaßen gut und gerecht zugeht – aber ich kann mich natürlich auch irren. – Nur Todesurteile werden definitiv nicht vollstreckt!

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  2. Ich denke, solch ein Zittern ist „echt“.
    Man spricht ja auch von Langstrichen auf der Erde, in der sich über Jahrunderte manchmal immer wieder Leid ergoß. Und wenn die Erde nicht davon kündet, dann die Nachkommen der Nachkommen. Denn man weiß, daß Leid auch noch in der 3. Generation noch spürbar ist.

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    • Vielleicht haben aus eben solchen Gründen viele Väter oder Großväter nichts vom Krieg an ihre Kinder oder Enkel weiter gegeben, weil sie nicht wollten, dass diese von dem Grauen erfahren und diese Erfahrung noch jahrelang mit sich herumtragen.
      Zum Glück bin ich im Laufe meines Lebens von großem Leid verschont geblieben – der Wegfall des Aufwachslandes mit allen Konsequenzen wie Arbeitslosigkeit und manche anderen Sachen haben ausgereicht.

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  3. liebe clara, so viel zum denken hast du uns mitgeteilt, da braucht es zeit für. mir gruselt bei dem gedanken, wie schnell die stimmung umschlagen kann, dafür gibt es genügend beispiele. den satz auf der mauer im park schreibe ich mir auf die pinnwand. ich war schon in der synagoge zu einem seminar, und die jüdische schule kenne ich auch, wir hatten damals eine informative führung und einen vortrag über jüdische berliner geschichte. weh tut mir, was damals mit menschen gemacht wurde. schrecklich finde ich, wie wenig lernfähig wir als gesellschaft sind. dann erinnere ich mich an die vielen, vielen ehrenamtlichen helferinnen und helfer seit jahren, und ich bekomme hoffnung. sehr anregend ist dein blog, danke dafür, herzlichen gruß, roswitha

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    • Liebe Roswitha, gestern Abend, als ich deinen Kommentar gelesen habe, war ich zu müde, den Computer noch einmal einzuschalten. Und am Handy spreche ich ja ALLE Kommentare und dabei gibt es mehr Fehler, als mir im Normalfall lieb sind. – Außerdem hat meine schöne große Bettdecke mich gelockt.
      Vor der in Deutschland umschlagenden Stimmung gruselt es mich auch, das kann schneller passieren, als wir es uns vorstellen können.
      Ich habe mal gegoogelt, wie viele jüdische Schulen es in Berlin gibt – sind ja doch so einige, aber Gymnasien gibt es nur ein großes und ein „halbes“.
      Danke für das Lob und auf ein Neues – die Strecke ist ja noch lang und ich komme natürlich auch an deiner „Besucherstation“ vorbei.
      Lieben Gruß zu dir von Clara

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  4. Ein beklemmender, aber auch interessanter, Beitrag, liebe Clara. Die Ansammlung der provisorischen Zelte erinnert mich verdammt an die Krawalle am Rostocker Sonnenblumenhaus 1992. Dass da was passieren würde, war damals fast abzusehen. Ich bin jeden Tag dort mit der S-Bahn vorbeigefahren. Die Zelt- und Schmutzansammlung wurde von Tag zu Tag mehr. Ich hoffe, das artet bei Euch nicht auch so aus.
    Ich bin Deinem Link gefolgt und habe die Geschichte des Mahnmals interessiert gelesen. Schon schlimm, was Menschen Menschen antaten bzw. u.U. auch heute noch antun. Manchmal kann man so etwas gar nicht fassen.
    Ich wünsche Dir, liebe Clara, auch hier noch einmal gute Besserung. Du rufst aber auch bei allem, was es an Unannehmlichkeiten gibt, immer gleich „hier“. Trete lieber mal ein bisschen leiser in der Beziehung 😉 Ich hoffe, Du kannst bald wieder ordentlich löffeln.
    Lieben Gruß von der Silberdistel und nochmal ganz viele Heilschnurrer von den beiden Pelztieren 😽😻 Die müssen jetzt aber mal helfen!!!

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    • Du: „Du rufst aber auch bei allem, was es an Unannehmlichkeiten gibt, immer gleich „hier“. Einspruch, euer Ehren. Ich rufe nur bei Sachen, die mit dem Kopf zu tun haben, zu laut, zu oft und zu heftig HIER. Aber wie klagen Leute darüber, dass sie nicht laufen können vor Schmerzen, dass sie nicht schlafen können vor Kummer, … … und und und.Ich bin heute frohgemut 4 = vier Stunden unterwegs gewesen, fast immer zu Fuß. Zum Schluss bin ich eine wirklich lange Strecke mehr oder weniger unabsichtlich gelaufen, weil die Zeitangabe auf dem Anzeiger nicht stimmte und der Bus mich überholt hat. Und da der nächste erst 20 Minuten später gekommen wäre, bin ich den Rest der Strecke auch noch gelaufen.
      Die Erfindungsgabe in Grausamkeiten ist offenbar unermüdlich.
      Ich befürchte schon, dass es immer wieder irgendwo große Randale gegen Ausländer geben wird – die einen wehren sich mit Händen und Füßen gegen neue Heime in ihrer Umgebung, die anderen greifen gleich brutal mit Brandwaffen an. – Der letzte Amoklauf in den USA hat mich vor allem deswegen so erschüttert, weil eine Frau die 6 Personen erschossen hat.
      Ich werde die Heilschnurrer mal für kurze Zeit einfrieren, denn jetzt bei dem Herpes können sie nichts ausrichten. Am Freitag werden die Fäden gezogen – und da taue ich sie früh auf, denn danach muss ich wenigstens wieder bezahnt unter Leute die Leute gehen können – hoffe ich jedenfalls.
      Schnurrende Grüße zu dir

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  5. Menschenunwürdig, das passende Wort, und wenn ich schon höre „sie waren untergebracht“, kommen mir die Tränen…es ist richtig, was du hier zeigst und beschreibst!

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  6. In Hamburg geht man gerade reichlich rabiat gegen Obdachlose in der Innenstadt vor. Ich könnte täglich kotzen ob des Umgangs mit diesen Menschen, die wirklich nix mehr haben. Ohne die vielen Ehrenamtlichen hier in der Stadt, die mit Kältebussen, Gesundheitsmobilen und Suppenküchen durch die Stadt fahren, wäre die Verelendung noch größer, als sie eh schon ist.
    Gut, dass man die Fläche nicht wegen des Tunnels platt gemacht hat. Oft tut man sich ja reichlich schwer mit Gedenkorten. Ich war in meiner Berliner Zeit mal am Gleis 17 am Grunewalder Bahnhof, auch ein Gedenkort. Ich habe das auch fotografiert, wie ich auch schon in KZ Gedenkstätten fotografiert habe. Ich finde, man kann solche Bilder ruhig zeigen.

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    • Hier die Menschen waren bis auf den einen auf der Bank keine Obdachlose, sondern Ausländer, die nicht den Status bekommen haben, den sie gern hätten oder der ihnen zustehen würde. Ich weiß es nicht.
      Vor Jahren hat man in den Ostberliner Randbezirken Hohenschönhausen, Ahrensfelde, Marzahn und vielen anderen einen riesigen Fehler begangen – man hat Wohnungen „runtergebaut“, also die Häuser niedriger gemacht, weil die gut situierten Deutschen ja nicht unbedingt in diesen Bezirken und dann noch in solchen hohen Häusern wohnen wollten – und richtige Hochhäuser waren auch verpönt. – Zu diesem Thema werde ich im Thälmannpark-Wohngebiet noch einmal kommen.
      Du kennst ja Berlin besser als ich – Grunewalder Bahnhof Gleis 17 muss ich erst mal googeln.
      Zur Zeit habe ich einigen Kummer mit mir selbst. Zu dem Ärger mit dem nicht-einsetzen-Können meines Zahnersatzes wegen Schmerzen und Schwellung ist jetzt noch ein Herpes gekommen, damit ich auch mit dem Löffel nicht mehr richtig essen kann. – Den hatte ich bei der letzten Nasenop über die gesamte Lippe, nicht so harmlos wie jetzt.

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