Claras Allerleiweltsgedanken


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Irgendwann vergesse ich mein Leben …

… oder vergesse zu leben

……… oder das Leben vergisst mich

Ein wenig habe ich ja die Tendenz, alles ein wenig ins Humorvolle oder Lustige zu ziehen, obwohl es partout nicht immer so ist. Die jetzige Begebenheit fällt in die letzte Kategorie.

Am 2. Oktober war ich mit einer Freundin in einer Beratung bei emovis, die sich mit Alzheimer und Gedächtnisstörungen befassen. Schon vorher ahnte ich, dass ich nicht das richtige Klientel bin. Sie nehmen nur Leute, die ständig und immer mit anderen zusammen leben, wohnen oder sind. Das heißt, allein Lebende wie ich haben von vornherein keine Chance, weil niemand bestätigen kann, ob es tatsächlich so schlimm ist wie von mir geschildert.

Die können mich mal – dreimal am Tüffel tuten. Wortfindungsstörungen haben auch Leute nach Apoplexie (Schlaganfall), aber da finde ich immer oder fast immer ein Ersatzwort.

Doch wenn ich ÜBER eine Stunde wie eine Wahnsinnige in meiner Wohnung einen Karton suche und erfolglos bleibe, könnte ich wirklich fast verzweifeln. Auch den Keller habe ich durchsucht, auch dort ist die Kiste nicht. –

Im Keller habe ich mit vollstem Einsatz gesucht und dabei ein Glas mit Farbe runtergeworfen. Danach sahen der Boden und ich so aus: (na, das erste Foto ist geschummelt, das habe ich an der Bushaltestelle aufgenommen)

Im Juni, als ich von der Jordanienreise zurück kam und vermutete, dass mein Telefon defekt sei – da hatte ich die Kiste noch in der Hand. und jetzt, ca. drei Monate später, war und ist sie wie vom Erdboden verschluckt. Nach wie vor glaube ich nicht, dass das Anzeichen von Alzheimer sind, höchstens von Ärgerheimer.

Ich suchte die Bedienungsanleitung vom Prinzen, da ich unabsichtlich was verstellt hatte. Gut, ich habe diese 307 Seiten lange pdf-Datei auf dem Computer, aber in der Hand liest es sich besser.

Die Kiste ist bis zum heutigen Tag nicht gefunden.

Ich kann ganz locker wichtige Dinge vergessen – und das schon seit Jahren. In den 90er Jahren wollte ich für zwei Personen eine Reise ein zweites Mal bezahlen, weil ich mich an die erste Bezahlung nicht erinnern konnte. – Heute war ich in einer Wohngegend, in der wir 15 Jahre gewohnt haben. Ich habe ernsthaft meinen Sohn gefragt, ob die Schwimmhalle schon damals stand , worauf er antwortete: Wie sind ca. 2 x im Monat dort in die Sauna gegangen. (Klar, dass ich das vergessen habe, das war bestimmt nur eine Zwangshandlung)

Zwischenmeldung:
Der beratende Psychologe gab mir eine Liste mit Adressen, bei denen Gedächtnissprechstunden abgehalten werden. Ich bin im Klinikum Benjamin Franklin, meinem „Stammkrankenhaus“ fündig geworden und habe eine Frageliste zugeschickt bekommen. Beantworte ich diese entsprechend, bekomme ich einen Termin oder bekomme ihn nicht. – Wir werden sehen.

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Kein Artikel ohne Foto, wenn auch ohne richtigen Bezug.

Dass Lila MEINE Farbe ist, werde ich (hoffentlich) ganz zum Schluss erst vergessen.

Dass wir nach einem überheißen Sommer einen wunderschönen Herbst bekommen haben, ist ein Geschenk vom Wettergott.

Und dass mein Schmuckbaum zeigt, dass ich keine Onassis-Erbin bin, finde ich überhaupt nicht schlimm.

Ansonsten bin ich seit einiger Zeit unter die Jäger und Sammler gegangen: Ich jage sehr erfolgreich Obstfliegen. Diese kleinen Schwirrdinger können ja ganz schön nerven. Ich habe nur eine einzelne aufs (Foto)Korn genommen, denn die Kolonien waren zum Fototermin schon ausgerottet bzw. ertränkt.

Als ich versehentlich ein Glas mit Apfelsaft auf dem Tisch stehen ließ, waren am nächsten Morgen viele von ihnen darin ertrunken. Das habe ich dann sofort kultiviert und noch weitere „Grabstellen“ eingerichtet. – Erliegen sie jedoch nicht dem betörenden Apfelsaftgeruch mit einem Tropfen Spüli, dann erledigt mein Handstaubsauger den Rest. Ganz hintertückisch schleicht sich die Saugtülle an – und schwupps waren da mal Fliegen auf der Scheibe.

Damit es nicht langweilig wird, zeige ich euch jetzt noch ein Video von einem Ungeheuer auf meiner Scheibe:

Und so sehen die Fotos von ihm aus: Zum Glück war es von außen auf der Scheibe – da musste ich mir keinerlei Entsorgungsgedanken machen.

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Wenn das Vergessen stärker wird als das Erinnern

Heute breche ich mal mit meiner Tradition, an einem 13. immer nur von guten Sachen zu erzählen.

Seit meiner Schulzeit – konkret seit der 1. Klasse – habe ich eine Freundin. Im Juni 2010 beantwortete ich mal ein Stöckchen und schrieb folgendes über sie (es ging um Sachen, die wir das erste Mal gemacht haben)

Zum ersten Mal einen Spickzettel geschrieben (1952)

  • Clara ist in der ersten Klasse; das erste Diktat, bestehend aus 5 Wörtern, wird vorbereitet (und, das …)
  • Freundin Bärbel und sie beschließen, einen Spickzettel zu schreiben, obwohl sie alle Wörter auswendig und richtig schreiben können
  • Claras Zettel bleibt unbenutzt unter der Bank, Barbara wird erwischt und verpetzt ihre Mittäterin

Fazit: Spickerkarriere vorzeitig wegen Nichteignung abgebrochen

Unser Kontakt ist nicht sehr eng, aber er ist auch nicht abgebrochen, als sie in der 5. Klasse mit ihrer Mutter „in den Westen abhaut“ und später lange Jahre in Nigeria wohnt, weil sie einen nigerianischen Arzt geheiratet hat. Irgendwie haben wir uns immer wieder gefunden – und nach der Wende natürlich um so besser. Ich fuhr ja drei Jahre lang fast jedes Wochenende nach Hamburg – und dort hat sie eine wunderschöne Wohnung. Oft besuchte ich sie mit ihren beiden hübschen Söhnen. Den jüngeren von beiden habe ich euch damals in dem Artikel mit den Hörnern vorgestellt. Bis vor kurzem lebte auch ihre Mutter noch, die sich gut an unsere Freundschaft in Kindertagen erinnern konnte.

Schon seit längerer Zeit hatten wir, ihre Freundinnen, festgestellt, dass die Demenz immer stärker bei ihr wird.

Unser letztes Telefonat verlief in etwa so: (sie hatte mir auf dem AB zum Geburtstag gratuliert)

C: Barbara, willst du mich schon wieder ein Jahr älter machen? Ich habe doch jetzt gar nicht Geburtstag.

B: Doch, ich habe doch deinen Namen in der Küche auf einem Kalender gelesen. (Da sie immer anonyme Kosebezeichnungen wie Spätzchen oder so verwendet, fragte ich sie, welcher Name denn dort gestanden hat. Und ich musste leider feststellen, dass es nicht meiner war und sie meinen auch nicht wusste – und dann ging das Gespräch weiter)
Du mus
st mich unbedingt mal in Hamburg besuchen kommen, denn du kennst ja meine schöne Wohnung noch gar nicht.

C: Barbara, du wohnst doch schon lange Jahre dort und ich war doch schon so oft bei dir.

B: Da kann ich mich gar nicht erinnern. Bist du mit einem Partner bei mir gewesen oder allein?

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Und so ähnlich ging es weiter. Es ist erschütternd, was diese Krankheit aus einem Menschen machen kann. Es ist, als wenn die Erinnerungen wie diese Drachen in die Luft steigen.

1302 Alster Skulptur Drachenkinder