Claras Allerleiweltsgedanken


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Wir organisieren uns selbst weg

Längere Zeit war ich nicht in der „Bibliothek meines Vertrauens“ gewesen – meine kostenlose Benutzerkarte war abgelaufen und die Geldausgabe für eine neue hielt ich erst einmal für überflüssig, da so viele Bücher noch zu Haus darauf warteten, gelesen zu werden. – Das Repertoire an Hörbüchern ist auch umfangreich, zumal ich lange nicht gehörte gut und gern wieder hören kann, da ich vieles schon wieder vergessen habe.

So, genug der einleitenden Worte.
Ich betrat den großen Saal, der alles auf einmal ist: Ausleihe und Rückgabe, Information, Rechercheplätze, Kinderbibliothek mit Spielraum, Leseplätze und natürlich die umfangreichen Bestände in Regalen und Fächern.

Meine Augen fielen auf Geräte, die ich vorher nicht dort gesehen hatte:

Auf der einen Seite faszinierte mich die Technik. Meinen Leserausweis scannen lassen, mich mit meinem kompletten Geburtsdatum als Codewort einloggen, und schon bin ich handlungsfähig. Ich muss nicht jede CD-Packung einzeln auflegen – nein – ein versetzt aufgelegter Stapel wird sofort und gleich eingelesen – immerhin sieben Stück übereinander.

Nicht ganz so „effektiv“ arbeitet die Rücknahme.

Der Hinweis, die Medien einzeln einzulegen, klebte etwas versteckt an der unteren Ecke – oder ich übersah ihn einfach.
Also legte ich zwei Packungen übereinander ein und – schwupps – war alles weg, nur die  Rückgabequittung wies nur eine CD-Packung aus.  – Aber das ließ sich klären – und das ist es auch nicht, worauf ich hinaus will.

Ich möchte auf meine Überschrift zurückkommen. Die Arbeitslosigkeit in Berlin und in ganz Deutschland schreit zum Himmel – ob da nun gerade der Bibliothekssektor davon ausgenommen ist, entzieht sich meiner Kenntnis – und da lassen wir Arbeiten von automatisierten Computern erledigen, wofür vorher mindestens vier Servicekräfte nötig waren. Ich fand so manches Mal einen schäkernden Plausch mit dem jungen Bibliothekar ermunternder als diese seelenlose Automatenfütterung.

Und das ist nicht das erste Mal, dass ich das Gefühl habe, die Menschen sind für ihr Schicksal mehr als selbst verantwortlich.

Im Fotoblog können wir dann die sehen, die nicht mehr in Lohn und Brot stehen und auf der Straße sitzen 🙂


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Bewerbungen

Es ist traurig, dass man bei Bewerbungen

  • Alter
  • ethnische oder auch soziale Herkunft
  • politische Ansichten  oder
  • sexuelle Orientierung

im unklaren lassen sollte, um überhaupt eine Chance für ein Vorstellungsgespräch zu bekommen.

Und wenn man auf die Bewerbungsunterlagen dann noch ein dusseliges Foto klebt, dann ist der weitere Verlauf der Mappe von der Sekretärin zum „runden Auffang-Mitarbeiter“ unterm Tisch vorprogrammiert. – Meine Fotos sahen immer seriös aus, meine ethnische und soziale Herkunft liegt im Limit, meine politischen Ansichten werden von den üblichen, im Parlament vertretenen Parteien (außer den Rechten, die klammere ich jetzt ganz bewusst aus) abgedeckt, meine sexuelle Orientierung war mit Mitte 50 nicht mehr ganz so wichtig, meine Kenntnisse waren exzellent – sollte es doch tatsächlich am Alter gelegen haben? Vor 10 Jahren schon? Ich fühle mich doch jetzt noch nicht einmal alt! – Komisch!

Das versteht Clara nicht und geht – mit dem Kopf schüttelnd – ab!


Arbeitslosigkeit – Belohnung oder Bestrafung???

Zu diesem Thema möchte ich die Einleitung zu einer Geschichte wiedergeben, die ich 2005 für die Eltern eines Wunschenkelkindes zu Weihnachten geschrieben habe:

Mit 58 arbeitslos“ Resignieren oder Leben ändern?

Arbeitslos!!! Ein schreckliches Wort in meinen Ohren, denn an Arbeit mangelt es ja wohl nicht, allerdings ist diese mehr ehrenamtlicher oder schlecht bezahlter Natur.
Arbeitssuchend!!! Eine vornehmere, vor allem aktiver klingende Umschreibung der Tatsache, dass der Arbeitsmarkt für solche „ältlichen Vorzimmerdamen“ wie mich keine Verwendung mehr hat. Mehr als 100 Bewerbungsbriefe brachten mir immer wieder in Erinnerung, dass ich gegen ein Heer von jüngeren, kürzer berockten und auch fachlich versierteren Sekretärinnen – die auch noch weniger aufmüpfig als ich sind – antrete und eigentlich nur verlieren konnte.
Erwerbslos!!! Da es immer noch nicht klappt, dass der Mensch allein von Luft und Liebe leben kann – die Sozialämter machen dennoch ähnliche Vorschläge – spielte dieser Faktor in meinen Überlegungen eine wichtige Rolle. Wie schön wäre es für mich, die persönlichen Präferenzen mit ein wenig finanzieller Belohnung dekorieren zu können.
Nachdem ich diese drei Worte immer und immer wieder fruchtlos in meinem Kopf gewälzt und meinem Herzen bewegt hatte, entschied ich mich für den ehrenamtlichen Weg. Die finanzielle Lage wird zwar dadurch nicht gebessert, aber wenigstens die moralische. Viele fallen ohne Aufgaben und Verpflichtungen in ein tiefes Loch, aus dem sie dann mühsam durch teure Medikamente wieder Stufe für Stufe ans Tageslicht geholt werden müssen. Mir wäre es ähnlich ergangen.
Zum Glück entschied ich mich dafür, mal das zu machen, woran ich Spaß und Freude hatte. Alte und Kranke, Obdachlose oder Gefangene, religiöse Gemeinschaften oder Kleintierzüchtervereine, Ökofreaktreffen oder politische Parteiarbeit kamen nicht in die engere Wahl. Büro- und Bibliothekstätigkeit hatte ich im Berufsleben satt erlebt. Ein Hund war lange Zeit im inneren Zwigespräch, aber er verlor das Rennen gegen Kinder.
Offensichtlich ist das bei Mutter und Tochter fließende Pädagogenblut  auch in meinen Adern vorhanden, denn ich entschied mich für die ach so niedlichen (und ach so wehrlosen) Kindergartenkinder. Direkt im Kindergarten beschäftigte ich mich mit Kindern, denen die deutsche Sprache aus irgendeinem Grund mehr Schwierigkeiten macht als ihren Altersgefährten. Auf spielerische Art versuchte ich, ihren Sprachschatz zu erweitern und ihre Fehler zu verbessern. Zuletzt waren es 20 Stunden pro Woche – fast eine Halbtagsstelle, deren Vergütung vielleicht mal im Himmel erfolgt, denn der KITA-Träger war die Caritas.
Aus Gesundheitsgründen (2 Mittelohrvereiterungen mit anschließendem Hörverlust und Tinnitus) machten der regelmäßigen Beschäftigung ein Ende. Mit Tränen in den Augen, vor allem aber im Herzen, nahm ich Abschied. Eltern und Kinder bedauerten es sehr, doch ich bedauerte es noch mehr.
Jetzt hatte der Tag wieder keinen richtigen Anfang und keine Struktur.

Meine Recherchen führten mich im März 2005 zum Berliner Großelterndienst. Ein gut aufgemachter Fleyer ließ mich Hoffnung schöpfen. Die vielen, vielen Ersatzomas und die nicht ganz so zahlreichen Ersatzopas – liebevoll auch Wunschoma und -opa genannt – werden nicht einfach ins kalte Wasser gestoßen und ihrem Schicksal überlassen. Monatlich gibt es ein Arbeitsfrühstück, bei dem jeder seine Probleme in der Runde vorbringen kann, um zu einer Lösung zu kommen. – In Weiterbildungsveranstaltungen kann man sich Rat und Hilfe holen, wie die kleinen Zappelphilipe oder Quasselstrippchen im Winter oder bei schlechtem Wetter beschäftigt werden können. Aber auch Tagesausflüge zum kennen lernen von Land und Leuten werden organisiert. – Für finanziell schlechter gestellte Omas/Opas gibt es eine Aufwandsentschädigung, die variabel ist und von der Finanzsituation der alleinerziehenden Mutter oder der Eltern abhängt. Minimal 0,00 € bis 4,00 € oder 5,00 €, nach der 6. Stunde 2,50 €.
Ich bin dort sehr glücklich und habe viele spannende Kinder mit ihren zum Teil noch spannenderen, aber teilweise auch anstrengenden Müttern erlebt. Aber auf jeden Fall ist es besser, als nur von Hartz IV zu leben und dumpf in den Tag hinein zu vegetieren.