Claras Allerleiweltsgedanken


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Thomas Mann und sein Inzest-Buch

Thomas Mann hat schon einmal in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt, allerdings eine unrühmliche – nämlich bei meinem mündlichen Abitur im Fach Deutsch.
Doch dafür kann ich wahrscheinlich weniger ihn verantwortlich machen als meine politische Einstellung, die ein wenig konträr zu der vieler Lehrer in der damaligen Zeit in der DDR stand. – Auf jeden Fall hatte ich all die Jahre in Deutsch eine 1, doch beim Abituraufsatz war der Zweitkorrektor nicht so richtig einverstanden mit dem, was ich geschrieben hatte – also musste ich in die mündliche Prüfung. Und hier interpretierte ich „Mario und der Zauberer“ nicht systemkonform  und linientreu – also war die Note 1 futsch – und ich habe es überlebt.

Doch hier geht es mir um das Buch „Der Erwählte„. Eine inhaltliche Zusammenfassung, die sich auf die Überschrift bezieht, in wenigen Sätzen:

Das Buch handelt in mittelalterlichen Zeiten und ist auch in ebensolch schwer verständlicher Sprache geschrieben.
Ein Ehepaar bekommt ein gemischtes Zwillingspärchen und die Mutter verstirbt bei der Geburt. Der sehr begüterte Vater von edlem Stand erzieht seine beiden Kinder allein und wendet der Tochter überwiegend die Liebe und dem Sohn die Strenge zu. Die „Geschwisterzwillinge“ wachsen so innig miteinander auf, dass sie später eine ganz intensive Liebesbeziehung eingehen, die einen Sohn zur Folge hat. Da erkennen beide die Sündhaftigkeit ihres Tuns – der Bruder wird  zur Buße auf einen Kreuzzug ins Hl. Land geschickt und kommt dabei um, die Schwester (und Mutter ) entbindet ihren Sohn heimlich und muss sich von ihm trennen. Er wird ausgesetzt wie Moses auf dem Wasser des Ärmelkanals – und überlebt natürlich, denn sonst wäre das Buch nicht so lang geworden.

Er wird von einem Abt gefunden, einer Fischersfrau als Nährmutter in ihrem sowieso schon sehr kinderreichen Haushalt als „Kuckuckskind“ wissentlich untergeschoben, später aber im Kloster erzogen. Als er mit 17 von seiner wahren, ungefähren Herkunft erfährt, macht er sich suchend auf den Weg.

Seine ihm nicht bekannte Mutter lebt seither keusch und rein und Buße tuend und schlägt jegliche Brautwerber aus, immer noch um den Geliebten und Bruder trauernd. Ein ganz ausdauernder, sehr tyrannischer Liebhaber drangsaliert deshalb die ganze Stadt und alle leiden unter dieser Verweigerung.

Jung-Gregorius (so heißt der inzestuös gezeugte Knabe) kommt in diese Stadt, kämpft und besiegt diesen brautwerbenden Ritter und hält – ohne genaues Wissen der familiären Zusammenhänge – um die Hand seiner um 17 Jahre älteren Mutter an – und wird erhört, denn diese sieht in ihm den geliebten toten Bruder und weiß im Unterbewusstsein die Wahrheit, denn er trägt ein Wams aus dem edlen Stoff, den sie dem Kind damals mit in sein wasserdichtes Transportmittel gab. – Aus dieser Beziehung gehen zwei Kinder hervor – eines schon geboren, das andere noch im Mutterleib, als das Geheimnis ans Licht des Tages kommt.

Wiederholung der Geschichte – der SohnGeliebte flüchtet, um Buße zu tun, sie soll alles irdische Gut fahren lassen und sich nur der Alten- und Siechenpflege widmen.

Durch vollkommen mysteriöse Umstände überlebt der junge MannVaterEhemann einen wiederum 17jährigen Aufenthalt auf einer einsamen Felseninsel – ohne Essen, angekettet und ohne Kleidung. (Ein wenig dick hat Th. Mann hier schon nach meinem naturwissenschaftlich orientierten Verstand aufgetragen). Dort harrte er aus, um gottgefällige Buße zu tun – und deswegen blieb er eben auch am Leben.

Und am Ende bekommt die Geschichte noch einen drauf gesetzt: Der inzwischen geläuterte Grigorius wird zum Papst gewählt, erklärt seine beiden Töchter zu seinen Nichten und vermag es auch, seine Mutter von ihren andauernden Schuldgefühlen freizusprechen. – Will uns Thomas Mann damit sagen, dass die Obersten der katholischen Kirche nicht so fromm tun sollten, sie sind Sünder wie alle anderen auch, vielleicht sogar schlimmere?

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Ich habe immer überlegt, warum eine geschlechtliche Beziehung zwischen Geschwistern ein so verdammenswerter Akt sein soll.
Dass sexueller Missbrauch, den Eltern „zwangsweise“ an ihren Kindern begehen, eine strafbare Handlung ist, über diese Selbstverständlichkeit will ich nicht reden. Auch will ich hier nicht über Ödipus und das ganze Drumherum schreiben.
Mir geht es um die Liebe zwischen erwachsenen Geschwistern. Ich habe vor einiger Zeit von einem Geschwisterpaar in Deutschland gehört, dass mehrere Kinder miteinander hat. Die Frau ist ein wenig geistig zurückgeblieben und wäre ohne ihren Bruder und Geliebten gar nicht in der Lage, sich um die Kinder zu kümmern. Und er sollte wohl mit Haftstrafe von seinem „sündigen“ Tun abgehalten werden.

In der Antike oder bei den Ägyptern und in den adligen Königshäusern waren Geschwisterehen nicht selten. – Auf keinen Fall will ich hier dafür plädieren, dass Bruder und Schwester ihre Sinne nicht auf andere Partner, sondern nur auf das Geschwisterteil richten sollen. Doch wenn es in Ausnahmefällen passiert – ist es wirklich ein Grund dafür, diese beiden mit harten Sanktionen zu strafen? Ich bin mir nicht klar darüber.

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Falls es jemand interessiert, was Wiki dazu sagt, dann lest hier. Und im Fotoblog zeige ich euch mit zwei zwinkernden Augen, wie es in der Politik zugeht – ob da alle Abgeordneten aus „reinem“ Hause kommen?


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Clara kann auch lesen!

out of topic:

wer-mit-den-narren-spielt – ein Beitrag in meinem Fotoblog, wollte ich hier zumindest den Link setzen, zumal es dieser Artikel geschafft hat, für kurze Zeit in den Rankinglisten von WP zu sein – den Grund kann ich euch nicht sagen.

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… schreiben ja sowieso, und jetzt bekommt nicht gleich einen Schreck: Clara versucht sich an ihrer ersten Buchrezension.
Das Buch heißt

„Unter deutschen Betten“ von Justyna Polanska

Solche Rezensionen werden ja üblicherweise bei Amazon oder einem anderen Verkaufsunternehmen abgegeben, doch ich leiste mir diesen Luxus mal ganz allein für mich, für euch, in meinem Blog, für euch zum Lesen. – Ich hatte zu meinem Geburtstag 100,00 Eus als Gutscheine (Hugendubel) bekommen. Eines Tages begab ich mich in die Buchhandlung, um einiges von diesem Geld gegen Gedrucktes in Buchform zu tauschen. Es kamen ins Körbchen

  • ein Buch über Windows 7
  • ein Buch über Word 2010
  • ein Video mit Richard Gere – (mein Schwärmen für ihn kann man nur mit der Albernheit eines Teenagers vergleichen)
  • „Vergebung“ von Stieg Larsson (weil ich den Film nicht in allen Teilen sehen und akustisch so oft nicht verstehen konnte
  • und eben das oben bezeichnete Buch – was mit 200 g Gewicht eben so viel kostet wie der dicke Vergebungsroman, der bringt immerhin 500 g auf die Waage.

Also beschloss ich – nach einer Leseprobe: Das Buch muss gut sein. Der Untertitel lautet: „Eine polnische Putzfrau packt aus„. – Für Polen hatte ich – im Gegensatz zu vielen Deutschen – schon immer viele Sympathien – das liegt u.a. daran, dass ich als Kind oft dort war, meine deutschstämmigen Verwandten lange in Katowice lebten,  deren Kinder sich mit „echten“ Polen verheirateten, ich 4 Jahre in der Schule Polnischunterricht hatte und ich noch nie, ich betone, noch nie schlechte Erlebnisse in und mit Polen hatte – sondern immer nur unendlich viel Gastfreundschaft erleben durfte. – Ich bin eh kein Mensch, der irgendwelche Ausländerressentiments hat, wenn ich nicht gerade durch ihr Verhalten Nacht für Nacht durch überlauten Lärm vom Schlafen abgehalten werde.

Das Buch ist mit Charme, Witz, Ironie und Wärme geschrieben. Es gibt so viele Stellen, wo ich sage: „Gut beobachtet, das kann ich mir gut vorstellen.“ Aber es gibt auch genau so viele Stellen, wo ich mich schäme, dass deutsche „Arbeitgeber“ sich immer noch aufführen, als wären sie direkte Abkommen der im 3. Reich so gefürchteten Herrenmenschen. Sie beschäftigen schwarz für relativ wenig Geld eine billige Arbeitskraft aus Polen und sind dann oft noch der irrigen Meinung, dass es auch eine „willige“ sein müsste, die sich blöde Anmache oder verächtliche Sprüche gefallen lassen oder anhören  muss. Das Schimpfnamenrepertoire reicht von „Polacken*sau“ über „Ostblock*nutte“ bis hin zu „Wodka*fresse“. (Jetzt kann ich nur inständigst hoffen, dass ich nicht mit diesen widerwärtigen Begriffen gesucht werde, deswegen habe ich die Sternchen gesetzt.) Sie meint ganz richtig, dass man Ausländerfeindlichkeit in Deutschland(s beiden Teilen) eben nur als AusländerIn spüren kann.

Bei den Zeilen des Prologs kamen mir fast die Tränen, als sie beschrieb, wie sie einen lieben alten Herrn, der sich immer sehr auf ihren Besuch freute und sie immer danach zu Kaffee und Kuchen einlud, tot in seinem Bett vorfand. Der Geruch, der ihr beim Öffnen der Wohnungstür entgegen schlug, hatte sie ähnliches vermuten lassen.

Sie beschreibt, wie viele Studentinnen oder sogar schon Studierte sich in Deutschland ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, weil sie von umgerechnet 350,00 Eus nicht leben können.  Für einen Stundenlohnvon 10,00 €us  gehen Hartz-IV-EmpfängerInnen auch gern schwarz arbeiten – aber andere nicht.

In über 40 Kurzgeschichten trifft sie zielsicher die Stimmungen, die sie in deutschen Wohnzimmern, Küchen und Bädern vorfindet. Die vielen Versuche, sie verblümt oder unverblümt ins Schlafzimmer und ins Bett zu bekommen, sollten doch am besten die beteiligten Ehemänner beschreiben, die die Abwesenheit ihrer Gattin mal kurz für einen Ab- oder Umweg nutzen wollten. Dabei wird mit Lügen und Intrigen gearbeitet, denn Frauen wollen doch nichts anderes als genommen, betrogen und belogen werden. – Sieht das jemand anders?

Sie schreibt auch, dass der Begriff „Putzfrau“ von vielen negativ bewertet und „ausgesprochen“ wird – vielleicht hatte sich deswegen die DDR die Berufsbezeichnung „Raumpflegerin“ einfallen lassen.

Ich werde irgendwann noch einmal auf das Buch zu sprechen bekommen. Versteht mich bitte nicht falsch – ich würde es als ein Buch einschätzen, dass man lesen kann, wenn man es sich aus der Bibliothek ausgeliehen hat. – Kaufen würde ich es nur dann, wenn ich z.B. ihre wirklich guten Hausfrauenkniffe – u.a. zur Fleckentfernung – schwarz auf weiß im Regal zu stehen haben möchte.