Claras Allerleiweltsgedanken


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2068 – Abschied

Anfang 2067 war es so weit – das Kind von Felicitas und Maximilian signalisierte deutlich: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ Die Mutter war froh, denn allmählich wurde es ihr zu beschwerlich, immer so eine Kugel vor sich herzuschieben. Der Vater wollte endlich definitiv wissen, ob sich die Ärzte mit ihrer „Maskulin-Prognose“ auch nicht geirrt hatten und Cora wollte endlich von ihren Klassenkameraden beneidet oder bedauert werden, dass sie jetzt so eine kleine Blage in der Wohnung oder sogar am Hals hatte.

Es ging alles glatt. Ihre Mutter hatte am Telefon voller Freude gesagt: „Feli, so ist das im Leben, ein Leben kommt, ein Leben geht. Doch ganz so weit ist es bei mir noch nicht, der Befund sieht so aus, als wenn ich noch ein Jahr lang meinen Enkel werde aufwachsen sehen. Wie heißt er denn übrigens?“

Als Felicitas sagte: „Felix the second“, musste ihre Mutter schallend lachen. Felix als Namen konnte sie voll und ganz verstehen, denn ihre Tochter hing an ihrem Patenonkel wie mit Pech und Schwefel angeklebt. Sicher war es auch nicht schwer, Maximilian und Cora von dieser Namenswahl zu überzeugen, denn der ältere Felix hatte sich immer ins Familiengeschehen eingeklinkt, wenn er gebraucht wurde. Sie bemerkte nur noch: „‘the second‘ meint ihr aber nicht ernst, oder bekommt euer Sohn eine römische 2 hinter seinen Namen?“ – Da Mutter und Tochter immer über Videotelefonie in Verbindung standen, sah die Mutter das typische Grinsen auf dem Gesicht ihrer Tochter und wusste Bescheid.

Felicitas, die jetzt im Mutterurlaub ist, reist so oft wie möglich nach Berlin, um sich mit ihrer Mutter zu unterhalten und mit dem Vater einiges zu organisieren. Anna ist von Felix II hellauf begeistert: Er schrie wenig, trank wie ein Weltmeister, schlief sehr viel und lachte ganz zeitig über das ganze Gesicht, wenn sich Anna über ihn beugte. – Fast hätte sie es bereut, dass sie sich nicht noch einige Lebenswochen „erkauft“ hat, doch diese Gedanken waren schnell wieder vorüber.

Eines Tages kamen die Eltern von Felicitas mit dem Vorschlag, dass sie gern ihr Haus an ihre Tochter samt Familie übergeben würden. Anno wollte nach dem Tod von Anna auf keinen Fall länger in diesen Wänden wohnen bleiben, die so viele Erinnerungen für ihn bargen. Eine kleine Wohnung in ruhiger Lage war ihm schon versprochen worden.

Für Maximilian würde ein Institutswechsel nicht das größte Problem darstellen, Cora hätte sicher auch nichts dagegen, in die Hauptstadt zu ziehen – also war es an Felicitas, ob sie sich mit über 40 Jahren diesen Wechsel vorstellen könnte. Sie war ja inzwischen ins Lehrfach gegangen, so dass sie garantiert eine Schule finden würde, die eine sehr engagierte Mathematik- und Physiklehrerin suchen. Doch suchten auch die Berliner Schüler eine Lehrerin, die sehr streng ist und unnachgiebig auf Leistung pocht??? – Sie versprach, darüber nachzudenken.

Beim nächsten Besuch sagte sie zu – doch alles sollte natürlich erst über die Bühne gehen, wenn Anna nicht mehr lebt. Deswegen wurden solche Sachen auch nur mit dem Vater in der Küche besprochen, so dass Anna nicht lauschen konnte.

Felicitas fuhr auch ab und an bei ihrem Bruder in Brandenburg vorbei, um zu sehen, wie sich ihr Neffe Jannis so entwickelt. Er war wirklich das putzigste und lustigste Kind, das sie kannte. Fast in der „Prärie“ aufzuwachsen, auf Hund oder Pferd abwechselnd seine Reitkünste zu trainieren – kaum ein Kind hatte mehr Freiheiten. Die Steinmetzfiguren seiner Eltern waren oft imaginäre Spiel- und Phantasiepersonen für ihn. Einfach prächtig!!!!

Im Sommer 2068 trat dann das ein, womit alle schon längere Zeit gerechnet hatten, denn Anna war nur noch ein Schatten ihrer selbst. – Als Claudia das Familienzepter abgegeben hatte, war Anna mit Leib und Seele in diese Rolle geschlüpft – doch jetzt gab sie es weiter an ihre Tochter Felicitas, die es mit Tränen in den Augen annahm. Es war zwar kein richtiges Zepter – schließlich sind wir hier nicht bei den Royals – sondern es war ein handgeschriebenes Buch „geheimer“ Familienrezepte. Weil Rezepte und Zepter ja so ähnlich klingen, hatte Benno mal als ganz kleiner Junge das Zepter, von dem er immer hörte, haben wollen, um ein richtiger König zu sein. Seit dieser Zeit nannten es alle so.

Felicitas war zwar nicht die größte Köchin vor dem Herrn, stattdessen gestattete sie später ganz großzügig ihrem Mann, dass er das Buch ebenfalls benutzen dürfe, um danach zum Beispiel die berühmten Domini-Pfefferkuchen zu backen, von denen ganze Generationen schwärmen.

Der 5jährige Jannis, der als einziger „Mann“ in der Familie auf lange Haare stand, schmückte das Grab seiner beiden Omas –Anna war seine Oma und Claudia, die er nicht mehr kannte, seine Uroma. Da alle mit Uropa Johannis an einer Stelle lagen, ließ er sich zeigen, wie er mit Kastanien OMA oder UROMA schreiben soll. Und mit der größten Inbrunst legte er um alles ein großes Kastanienherz zum Abschied.

Außer dem Schmerz um den Verlust seiner Frau quälte Anno aber noch etwas ganz anderes, nämlich der Ärger über idiotische Nachbarn. Wer es genau gewesen ist, der das Gerücht aufgebracht hatte, Anna hätte in ihrem Schmerz und in ihrer Not ihren Tod durch eine Überdosis Morphium selbst herbeibeigeführt, wusste er nicht – doch gleich nach dem Tod hörte er überall das Getuschel: „Frau Domini hat sich das Leben genommen. Frau Domini hat ihr Leben nicht mehr ausgehalten, vielleicht hat er ja eine andere …“ usw. usf. Anna war mit ihrer Diagnose natürlich nicht hausieren gegangen – und Menschen sind ja so unglaublich schlechte Beobachter. – Jedenfalls war das Gerücht der Versicherung zu Ohren gekommen und die hatten natürlich erst einmal „Stopp“ gesagt. Anna wurde tagelang in der Gerichtsmedizin untersucht, bis zweifelsfrei festgestellt werden konnte, dass die eingenommene Dosis tatsächlich an die vorhandenen Schmerzen angepasst war. – Der Tod war einfach irgendwann gnädig – nur die Nachbarn waren das nicht. Anno hatte in einem Musikbuch seines Urgroßvaters mal ein Lied gefunden, dass ihm jetzt sofort in den Kopf kam und er es etwas für sich abänderte: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es den blöden Nachbarn nicht gefällt!“ – In den nächsten Tagen konnte er beobachten, wer einen Bogen machte oder auf die andere Straßenseite ging, wenn er kam – einigte sich dann aber mit sich selbst, dass Dummheit einfach durch Missachtung gestraft werden sollte.


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Heute hättest du Geburtstag …

… wenn du noch Geburtstage feiern könntest.

Ich habe ihn keineswegs vergessen, wenn auch mein Artikel dazu erst später kommt. Wenn ich schon keinen Kuchen backen muss, dann habe ich dir wenigstens eine neue Herz-Gedenk-Ecke in meinem Regal eingerichtet. In meinem Herzen muss ich das nicht, da ist noch nichts verstaubt.

Dein Segelboot, mit dem wir so viele Sachen auf der Alster erlebt haben, hieß „Einer geht noch …“ und das gibt es jetzt für deine Seefahrerseele bei mir. Der Leuchtturm ist zwar hauptsächlich für Luzie, da du jedoch solche Leuchtfeuer bei euren großen Touren sehr geschätzt hast, ist er auch ein wenig für dich.

Am Steuer deines Bootes in der Jenseitswelt steht ein Schutzengel, die Fracht ist ein großes Herz und ein kleiner goldener Krebs.


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Erinnerungen

Lucies erster Todestag ist zwar erst im Januar, aber am Jahresende muss ich einfach an sie denken. – Dass ihre Lieblingsfarbe blau war, darauf kann man nicht kommen. 🙂 – Mir gefällt sie mit den „gekauften Haaren“ besser, nur der Grund für den Kauf war natürlich schrecklich.

Ohne viel Worte, denn sie fehlt mir so sehr.


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Ruhe sanft und schlafe gut …

… und gib deinen Angehörigen Kraft, ohne dich zu leben

Natürlich hätte ich Lucie lieber besucht, als sie noch am Leben war. Doch das ist bei solch einer schweren Krankheit ein fast unmögliches Ding. Die Patientin weiß nie im Voraus, wie es ihr morgen gehen wird, ob die Schmerzen stärker werden, ob die Übelkeit ein Dasein ohne Erbrechen zulässt. Und deswegen haben wir davon Abstand genommen.

Ich habe längere Zeit gezögert, ob ich zur Beisetzung fahren soll oder nicht. Ich versuchte immer und immer wieder, Lucies Mann zu erreichen. Doch niemand nahm ab. Tochter und Sohn konnte ich über das Telefonbuch nicht finden.

Busfahrt hin und zurück waren schon gebucht, auch ein Hotel hatte ich mir schon reservieren lassen.

Mittwoch (22.02.) früh 8 Uhr vom  ZOB (Zentraler Omnibusbahnhof Berlin) abgefahren. Die 7 Stunden Busfahrt nach Duisburg gingen schnell vorüber.

Ich erfuhr von Lucies Mann, dass sie nicht auf einem Friedhof beigesetzt wird, sondern in einem sogenannten Kolumbarium. Diese Urnenwand mit vielen Fächern ist hier in diesem Fall nicht auf einem Friedhof stehend, sondern ein Extragebäude. Kleine Beigaben können vor das Fach gestellt werden, und so schmückt ein wunderschönes Bild von Lucie mit ihrer Enkeltochter und natürlich ein Leuchtturm ihr Fach.

Doch ich greife voraus. In dem kapellenähnlichen Raum waren ca. 50 Stühle – und alle waren besetzt und einige Leute mussten stehen.  Die (natürlich) blaue Urne stand auf einem Podest und ein großes Foto von ihr brachten allen Trauergästen in Erinnerung, wie sie aussah, bevor sie krank wurde.

Die Wand hinter der Urne ist mit vergoldeten Ginkgoblättern verziert mir gefiel das sehr.

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Das Foto von ihrem Foto ist nicht toll, aber ich wollte mich auch nicht vordrängen.

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Nach einer Rede griff der Bestatter die Urne und brachte sie in das Nachbargebäude, wo das für sie ausgesuchte Urnenfach wartete. Der Platz reichte nur für die Angehörigen, alle anderen gingen nachher an dem jetzt verschlossenen Fach vorüber.

Danach waren in einem großen Raum mehrere Tische gedeckt und ich hoffe, dass alle die Gelegenheit ergriffen haben, sich Szenen aus ihrer Erinnerung mit Lucie zu erzählen.

Lucie, was war das für ein Zeichen, dass am Tag deiner Beisetzung so ein schreckliches Wetter war, es hat kleine Schusterjungen geregnet. Oder soll ich sagen: Der Himmel hat auch um dich geweint?

Tschüss!

 


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Nie mehr lachen wir gemeinsam am Telefon

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17. Februar 1954 – 23. Januar 2017

Mit dieser kleinen Collage ist einiges gesagt, aber längst nicht alles.

Lucie kenne ich schon „ewig“ – wenn man von Bloggerverhältnissen ausgeht. Sie kam zum ersten Bloggertreffen von Duisburg nach Berlin – und wir waren uns offenbar auf Anhieb sympathisch. In den nächsten Jahren kam sie mit ihrem Mann zweimal zu mir zu Besuch und ich habe sie auch in ihrem schönen Einfamilienhaus besucht.

Dass die Besuche in den letzten zwei Jahren nicht mehr stattfinden, hatte den Grund in ihrer angeschlagenen Gesundheit.

Aber ich möchte hier an die Frau denken, die mir unzählige Male technische Hilfe am Computer gegeben hat und die mir die schönsten lila Geschenke gemacht hat.

2017 hängt ein Kalender mit wirklich guten Texten an meiner Wand – den habe ich von ihr zu Weihnachten bekommen. Er wird mich immer an sie erinnern – noch einmal danke dafür, liebe Lucie.

Jetzt will ich einige Fotos einstellen, damit ihr euch mit mir erinnern könnt.

Lucie + ihr Fotoapparat = exzellente Fotos, bei Bedarf auch gut bearbeitet.
Lucie bei meinem Besuch bei ihr – wir waren mit zwei anderen Bloggerinnen beim Chinesen in Oberhausen
Lucie bei dem „Mann ihrer Träume“, der aus lauter Legobausteinen besteht.
Lucie und ich im Landschaftspark Duisburg – einem umgewandelten Industriepark, dessen Besuch sich sehr lohnt
Lucie auf einem Anker an einer Schiffsanlegestelle
Lucie auf einem blauen „Sofa“ auf der Kö von Duisburg
Lucie im Urlaub mit einem Tuch, das ihr die Haare ersetzte
Lucie mit einer vollkommen veränderten Haarfarbe

Nur wenige Fotos möchte ich noch ergänzen. Das war eine Collage für ihr Projekt, das sie einige Monate betreut hat.

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Auch hier war ich bei ihr zu Besuch und wir sind zur Slinky-Brücke gefahren, die in der Nähe von Oberhausen ist. Das ingenieurtechnische Meisterwerk hat uns beiden sehr gefallen.

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Aber noch besser hat uns Tiger & Turtle gefallen, ein ganz raffiniertes Treppengebilde. Wir haben miteinander gewetteifert, wer mehr Treppen hochgeht, ohne dass uns schwummerig wird.

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Und als letztes noch ein paar Fotos von ihren wunderbaren lila Geschenken für mich.

Dieser kleine lila Hut war der Knaller schlechthin – er wanderte bei allen meinen Kuscheltieren herum – aber auch mir steht er nicht schlecht.

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Der Herr Froschkönig sitzt in meinem lila Regal und tut so, als wäre er der Chef. Wir lassen ihm alle diesen Glauben.

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Ich habe den Hut heute nicht aufgesetzt, um an Lucie zu denken. Doch hier mache ich den Eindruck, als wenn ich über die riesengroße Entfernung zu ihr sehen will. Bei solch einer Krankheit, die mit so unendlich vielen Schmerzen einhergeht, wünscht man der Patientin natürlich, dass sie keine Schmerzen mehr hat. Und leider ist der Tod der einzige Weg, der zu einer Erlösung führt.

Lucie, lebe wohl!2301-clara-mit-huetchen

Hier waren wir zusammen in Moers. Und diese neckische Brunnenfigur wünscht dir Glück auf deiner Reise ins
Nach-dem-Leben-Land.

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