Claras Allerleiweltsgedanken


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Es gibt Zufälle auf Reisen … Reise 1

… die man kaum im täglichen Leben erlebt,

denn wo kommt man sich so nahe wie auf einer Bank bei täglichen langen Busfahrten?

Auf der Reise in Armenien gab es drei Alleinreisende, alle von weiblichem Geschlecht. Als ich mir einen Platz im Bus suchte, fand ich meinen Platz neben einer dieser beiden Frauen, die ich schon vom verpassten Flug aus Berlin her kannte. Ich hatte in Tegel festgestellt, dass ich sie von der Sprache und vom Dialekt her gut verstehen konnte, also setzte ich mich neben sie.

Die Kommunikation war erschwert, da sie in der rechten Busplatzreihe am Fenster saß und ich ihr somit mein rechtes Nicht-Hör-Ohr zuwendete. Ich musste mich bei jedem Kommunikationsversuch so drehen, dass ich ihre Worte mit dem linken Ohr erfassen konnte. Das brachte mir bald einen gewaltigen Halsmuskelkater ein. – Als ich am fünften Reisetag auch mal die Plätze tauschen wollte, verschwand sie sofort auf die letzte Sitzreihe, die noch frei war. Das ununterbrochene Fotografieren aus dem Fenster war dort noch ungestörter möglich, da sie – je nach Außenereignis – sofort zwischen linkem und rechtem Fenster wechseln konnte.

Doch jetzt zu den Zufällen.

  1. Wir erkannten uns nicht gegenseitig am inzwischen ziemlich abgelegten Görlitzer Dialekt – weil wir beide das sogenannte „Berliner Hochdeutsch“ sprechen, denn wir waren beide in etwa gleich lange in Berlin. Da Görlitz damals nur ca. 80 000 Einwohner hatte, ist es jetzt bei mehr als 80 Millionen schon ein Zufall, dass zwei Frauen aus Görlitz auf einer Busbank in Armenien sitzen.
  2. Natürlich fragt man sich da sofort nach der Wohnanschrift, wo man das Görlitzer Kinder- und Jugendleben mit anderen geteilt hat. Ihre Eltern hatten genau in der Straße ihre Wohnung und ihren kleinen Kolonialwarenladen, in der meine Mutter in ihrer Berufsschule ihrem Lehrerinnenberuf nachging. Da ich sie oft abholte, kam mir die Gegend sehr bekannt vor.
  3. Der Bildungsweg aufstrebender junger Damen ging nicht am einzigen Görlitzer Gymnasium vorbei, in diesem Fall die EOS (Erweiterte Oberschule) „Frédéric Joliot Curie“ Da waren gemeinsam erlebte Lehrkräfte nur eine zwangsläufige Zufallssache. Und dass wir bei der allseits beliebten Musiklehrerin im gleichen Schulchor sangen und beide tiefer als die Altstimme hätten singen wollen, war zum Schmunzeln.
  4. Offensichtlich war ihr Bildungsweg nicht mit ähnlichen politischen Schwierigkeiten verbunden wie der meinige, denn sie ging sofort nach dem Abitur 1971  zum Studium nach Berlin. Im gleichen Jahr bezogen wir unsere erste Berliner Wohnung auf der Fischerinsel.
  5. Im Laufe der Jahre bekam sie einen Sohn, ich eine Tochter und einen Sohn. Diese beiden Erstgeborenen besuchten die einzige naturwissenschaftlich-mathematische Oberschule in Ostberlin – die „Heinrich-Hertz-Oberschule“. Vielleicht hat dort ihr inzwischen an einer englischen Universität arbeitende Sohn von den Erfolgen eines Mädchens Mitte der 80er Jahre gelesen oder gehört.
    „Viele Schüler der Schule erreichten vorderste Plätze in den nationalen Runden verschiedener Wettbewerbe, und es gelang, mehrere Medaillen bei der Internationale Mathematik-Olympiade und anderen internationalen Wettbewerben zu erreichen.“ (kopiert aus dem Link von Wiki) – Im Juli 1987 fand die IMO in Havanna statt – von 237 Teilnehmern waren insgesamt 7 Mädchen dabei, und eines davon aus der „Heinrich-Hertz-Oberschule“ in Berlin.
  6. Wie das bei älteren „Damen“ so ist, werden sie manchmal Oma – wir beide zwei Mal – jeweils mit einem Enkelsohn und mit einer Enkeltochter.  Das ist vielleicht noch nicht ganz so erstaunlich – weil es diese Konstellation zu Hunderttausenden geben wird.
  7. Doch dass ihr Enkel so wie mein Sohn heißt, nämlich Sebastian, fand ich schon sehr, sehr lustig. Doch ich juchzte förmlich auf, als ich hörte, dass ihre Enkelin Clara heißt.

Noch Fragen nach diesen sieben Zufällen. Für die gemeinsame Reise blieben allerdings kaum Gemeinsamkeiten übrig, denn mir hat es das Leben inzwischen abgewöhnt, immer und überall an vorderster Front sein zu wollen.

Und dass sie den gleichen Vornamen hat wie die ca. 30 Jahre später geborene Freundin meines Sohnes und bei ihm förmlich um die Ecke wohnt, hielt ich nur noch für sekundäre Zufälle.

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Falls Mitreisende dem aufgestickten „Clara Himmelhoch“ auf dem lila Rucksack nachgegangen sind, habe ich vielleicht bisher unbekannte Mitleser – aber ich glaube das kaum.

 

 


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Die Welt ist auch nur ein Dorf

Eine fröhliche Clara-Geschichte

Clara freute sich riesig auf den Besuch ihrer Freundin Jutta aus Hamburg. Als Jutta endlich da ist, sitzen beide in der gemütlichen Wohnküche bei einer Tasse Clarakaffee und einem Kännchen Juttatee. Nach kurzer Zeit bittet Jutta um das Telefon, weil sie sich übermorgen mit ihrem Cousin verabreden möchte.
Neugierig, oder besser natürlich wissbegierig, wie Clara schon immer war, fragt sie: „Wie heißt er denn, der Knabe?“ Etwas irritiert über diese despektierliche Bezeichnung für ihren „ehrenwerten“ Cousin antwortet sie: „Max Mütze“.
Noch irritierter jedoch guckt sie, als Clara fröhlich in die Küche trötet: „Den kenn‘ ich.“ Jutta verstand öfter mal Claras Späßchen nicht so richtig. Würde er „Rhinozeros“ heißen, könnte sie Claras Ausruf verstehen, aber so wartete sie einfach noch ein wenig mit dem Wählen. Vielleicht hörte dieses vollkommen sinnlose Fragespiel gleich auf und entpuppte sich als typischer Clarawitz.

Doch jetzt ging Clara in die Offensive: „Hat dein Cousin drei Töchter?“ Nach kurzer Überlegung nickte Jutta. „Wohnt er in einem Einfamilienhaus in Reinickendorf?“ Langsam wurden Juttas Augen immer ungläubiger, sie ließ sogar ihren heißgeliebten Ostfriesentee kalt werden und bejahte nur stumm.
Natürlich bekam Clara mehr und mehr Oberwasser und spielte ihre letzte, alles entscheidende Frage wie den Kreuzbuben beim Skat aus: „Arbeitet er in der Blaustraße beim Evangelischen Konsistorium als Rechtsanwalt?“ Hätte Jutta ein Gebiss getragen, es wäre ihr vielleicht rausgefallen, so weit sperrte sie den Mund auf. Bei der Straße musste sie passen, doch alles andere stimmte.

Am Anfang war es für Clara noch ein vergnügliches Spiel gewesen. Woher sie diese Selbstsicherheit beim Fragen nahm, wusste sie selbst nicht. Er hatte niemals von einer Cousine in Hamburg gesprochen, nur die anderen Fakten hatte er nach und nach bei den vielen Treffen in der Sauna ausgeplaudert.
Bis hierhin klärte Clara ihre Freundin auf. – Dass er aber nach jedem Saunagang näher rückte und am Ende am liebsten in ihrer Wohnung das Bett (stundenweise) mit ihr geteilt hätte, das behielt sie dann doch lieber für sich. Und da er nicht obdachlos war, lehnte sie dieses Ansinnen kategorisch ab.

(Die Kirche stand damals zwar noch nicht so im negativen Mittelpunkt, aber wie man sieht, gab es auch da schon schwarze Schafe. – Was würde April sagen: Werteverfall, und das schon 1997!)