Claras Allerleiweltsgedanken


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2084 – Es ist geschafft

Die Tage zwischen den Jahren vergehen in großer Sorge. Die Familie wechselt sich an Annos Krankenlager ab. Die Ärzte hatten ihn aus dem künstlichen Koma aufwecken wollen, aber er war dennoch nicht erwacht. Im sogenannten Wachkoma wirkte er zwar so, als wäre er „anwesend“, aber das täuschte, sein Gehirn war tot, er musste mit allen wichtigen Lebensfunktionen über Apparate am Leben erhalten werden.

Annika rief am 31. Dezember die Familie zu sich – es wurde der ruhigste, besinnlichste und traurigste Jahreswechsel, den es in der Familie Domini je gegeben hat. Nicht nur Annos beide Kinder wurden eingeladen, um über das weitere Schicksal ihres Vaters zu entscheiden, sondern auch die Schwiegerkinder und Felix. Es zeigte sich, dass die Frauen Annika, Felicitas, Katharina und Cora die entscheidungsfreudigeren waren gegenüber den Männern Benno, Felix und Jannis. Die beiden alten Herren Felix und Constantin waren auch dabei, aber sie enthielten sich erst einmal vollkommen der Stimme, da sie eben doch nicht richtig zur Familie gehörten. Nur – als Cora manches nicht richtig erklären konnte, wie so ein Leben im Wachkoma verlaufen würde und welche Belastung es im Endeffekt auch für die inzwischen 74jähige Annika bedeuten würde, klinkte sich Constantin mit seiner fachlichen Meinung ein. Er und Anno waren wirklich beste Freunde geworden im Laufe der Zeit, seit er mit Felix zusammen war. Er sprach nur einen einzigen Satz, und mit diesem wendete er sich an Felix: „Bitte lasse mich nicht so leben, falls mir so etwas mal passieren sollte.“

Und damit war die Entscheidung gefallen.

Nach heftigen Diskussionen waren sich alle einig: Soooooooooo hätte Anno nie und nimmer leben wollen, das hat er immer und immer wieder betont. Es war geschafft. Die kleine – inzwischen doch schon 14jährige Anna – war besonders traurig, denn jetzt hatte sie keinen Opa mehr – die Oma hatte sie nie richtig kennen gelernt – und jetzt sollte auch der Opa aus ihrem Leben verschwinden, das fand sie grausam.

Fazit:

Seine Frau und die Familie schenken ihm zu seinem Geburtstag das ewige Leben, indem die Maschinen am 2. Januar 2084 abgeschaltet wurden. Am Vortag, also an seinem 84. Geburtstag, waren alle nacheinander einzeln an seinem Krankenbett, um sich von ihm zu verabschieden. Es gab nicht eine oder einen unter ihnen, die oder der nicht mit verweinten Augen aus dem Zimmer kam.

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Personen der Geschichte

Johannis Domini, Vater von Anno

1970 geboren
1999 Hochzeit mit Claudia
2000 Vater von Anno
2015 Pflegevater von Felix
2018 hat mit 48 Jahren einen Schlaganfall,
2022 Schwiegervater von Anna
2024 Silberhochzeit
2025 Opa von Felicitas
2029 Opa von Benno
2048 stirbt er mit 78 Jahren an Hirntumor

Claudia Domini, Mutter von Anno

1978 geboren,
1999 Hochzeit mit Johannis
2000 Mutter von Anno,
2015 Pflegemutter von Felix,
2022 Schwiegermutter von Anna
2024 Silberhochzeit
2025 Oma von Felicitas
2029 Oma von Benno,
2048 sie wird Witwe, ihr Mann Johannis stirbt
2050 sie hat einen Freund, mit dem sie viele Reisen macht:
2058 Uroma von Cora mit 80 Jahren,
2060 Tod mit 82 Jahren an Darmtumor

Anno Domini

2000 geboren, klug, hat in der Schule Felix und Kay zum Freund,
2003 Anna kennengelernt –
2015 zieht sein Freund Felix zu ihm, weil dessen Eltern verurteilt werden.
2019 Beginn des Physikstudiums
2022 Er bemerkte vor langer Zeit, dass sein Gefühl für Anna Liebe heißt und zieht mit ihr zusammen.
2025 Geburt von Tochter Felicitas.
2026 Hochzeit mit Anna
2029 Geburt von Sohn Benno.
2048 wird er Halbwaise, sein Vater stirbt
2058 Schwiegervater von Max (Standesamtliche Hochzeit)
2058 Opa – Enkeltochter Cora kommt zur Welt, Tochter von Felicitas
2060 wird er Vollwaise, seine Mutter stirbt
2062 Kirchliche Trauung von Feli und Max
2063 Opa – Enkelsohn Jannis kommt zur Welt – Sohn von Benno und Katharina
2064 Schwiegervater von Katharina; Hochzeit von Sohn Benno mit Katharina
2066 Opa – Geburt des dritten Enkelkindes Felix II Sohn von Feli und Max
2068 Anno wird Witwer, seine Frau Anna stirbt mit 69 Jahren an Brustkrebs
2070 kommt sein 4. Enkelkind zur Welt, Anna II die Tochter von Benno und Katharina
2071 lernt er die 10 Jahre jüngere Annika kennen – die Frau vom Ordnungsamt
2075 Hochzeit von den beiden
2084 Tod – Unfall mit dem Fahrrad, vorher lag er im Wachkoma

Anna

1999 geboren als Anna Ludewig, die Tochter eines Autowerkstattbesitzers,
Anno und sie sind von Kindesbeinen an unzertrennliche Freunde
– Sie arbeitet als Ausstellungsmanagerin in einem Kunstmuseum. Später ziehen sie in ein eigenes Haus.
2025 Tochter Felicitas wird geboren
2026 Hochzeit mit Anno
2029 Sohn Benno kommt zur Welt
2058 Oma von Cora
2058 Hochzeit von Felicitas, Schwiegermutter von Maximilian
2062 Kirchliche Trauung von Feli mit Max
2063 Oma von Jannis.
2064 Schwiegermutter von Katharina
2067 Oma von Felix II
2068 Tod mit 69 Jahren (Brustkrebs)

Felicitas

2025 Geburt – sie ist die Tochter von Anno und Anna
– sie ist das Patenkind von Felix.
– Sie studiert Mathematik in Dresden.
– Später promoviert sie auch in Dresden.
– ihr Freund und späterer Mann und Vater ihrer Kinder heißt Max = Maximilian. –
2058 – standesamtliche Trauung
2058 wird ihre Tochter Cora geboren und
2062 – kirchliche Trauung
2063 – sie wird Tante von Jannis, Bennos Sohn
2067 kommt Sohn Felix II zur Welt.
2068 stirbt ihre Mutter Anna
2070 wird sie Tante von Klein-Anna, der Tochter von Benno
2070 Umzug von Dresden nach Berlin, sie ziehen in das Haus ihrer Eltern, sie arbeitet als Lehrerin für Mathe und Physik
2075 wird sie zuerst stellvertretende Direktorin des bekanntesten naturwissenschaftlichen Gymnasiums von Berlin, kurze Zeit später richtige

Maximilian

= Max – Freund und Partner von Felicitas, promovierter Chemiker, sie leben in Dresden –
2058 wird er Vater von Cora und
2067 Vater von Felix II

Alle Daten stehen bei Felicitas

Cora

die Tochter von Felicitas und Maximilian, sie ist ein „Geschenk“ für die Uroma Claudia zu ihrem 80. Geburtstag,
2058 Geburt
2070 Umzug nach Berlin
2076 glänzendes Abitur nach 12 Jahren Schule
2076 2. Preis bei einem Innovationswettbewerb
2076 Studienbeginn Medizin an der Humboldt-Uni
2078 Auslandssemester in London – Medizinstudium
2084 erzählt sie ihrem Opa auf dem Sterbebett, dass sie nach dem Studium nach Afrika gehen wird – ob er das allerdings gehört hat in seinem Wachkoma, das weiß sie nicht
2086 Gleich nach dem Studium Ärztin in Afrika für 3 Jahre

Felix the Second

2067 geboren, Sohn von Felicitas und Maximilian
2070 er zieht mit 3 Jahren mit seinen Eltern nach Berlin
künstlerisch begabt und unauffällig

Benno

2029 geboren, am gleichen Tag wie seine Mutter, das zweite Kind von Anno und Anna; Bruder von Felicitas, wurde wegen einer Darmanomalie später eingeschult, holte das aber bald auf.
2046 Berufsausbildung zum Steinmetz, er erbt vom Opa einiges an Geld, kauft sich dafür Bildhauerwerkzeug
2052 kauft ein Grundstück in Brandenburg. Zur Bewachung des Grundstücks wird Schäferhund Bonnox angeschafft.
2054 bekommt großen Auftrag am Amtsgericht Berlin;
seine Freundin ist Katharina,
2057 kaufen sich die beiden ein Pferd, Stute Ada, um einen Ausgleich für ihren schweren Beruf zu haben.
2063 (mit 34 Jahren) wird Benno Vater von dem kleinen Jannis.
2064 gibt es ein großes Fest in der Bierakademie – die Hochzeit und gleichzeitig Taufe von Jannis
2070 (mit 41 Jahren) wird er zum zweiten Mal Vater – eine Tochter und es kommt gar kein anderer Name als Anna infrage – in memoriam für seine Mutter
2074 (mit 45 Jahren) körperlich durch den schweren Beruf ziemlich fertig, wird er zum Professor ehrenhalber an die Kunstakademie Potsdam berufen und hält Vorlesungen über Bildhauerkunst
2080 hat er aus all seinen Studenten die fähigsten herausgesucht und gründet seine eigene Bildhauerakademie. Obwohl er selbst nicht mehr handwerklich tätig ist, übernimmt er die Leitung bedeutender Restaurierungsprojekte und sein Name ist in der Fachwelt auf dem ganzen Kontinent bekannt – nur sein Herz ist einsam, denn Katharina ist innerlich ausgewandert

Katharina

2032 geboren
die Freundin von Benno, auch Bildhauerin, sie ist kräftig tätowiert und gepierct, was zuerst in dieser leicht konservativ angehauchten Familie ein Problem war
sie ist auch Bildhauerin
2063 Sohn Jannis wird geboren (sie ist 31)
2064 Hochzeit mit Benno
2070 Tochter Anna wird geboren (sie ist 38)
2074 auch Katharina wird Dozentin, aber in Berlin; dort lernt sie
2078 einen Kollegen so gut kennen, dass sie sich nach einiger Zeit innerlich von Benno trennt, der immer nur seine Kunst und seinen Beruf gesehen hat, viel zu wenig die Familie
2082 Katharina (sie ist 50 Jahre) trennt sich endgültig von Benno und nimmt nur die Tochter Anna mit – Jannis bleibt beim Vater

Jannis

2063, geboren als Sohn von Benno und Katharina

2070 wird er der Bruder von Anna
2080 wird er berühmt mit seiner Kinderbuchgeschichte ClaCho; das Schreiben war seine Reaktion auf den Streit seiner Eltern und den drohenden Auszug seiner Mutter

Annika

die zweite Frau von Anno; sie arbeitet beim Ordnungsamt und ist 10 Jahre jünger als Anno,
2071 lernen sie sich kennen, 2075 heiraten sie

Felix

2000 am 10. Januar geboren
ist ein Klassenkamerad von Anno und Kay. Er wird schwer von seinen Eltern misshandelt. Diese werden später deswegen verurteilt und er wird im Hause Domini aufgenommen. Er studiert Psychologie und wird ein sehr bekannter Psychiater. – Mit 21 zieht er in eine WG, in der er sich sehr wohlfühlt. Später übernimmt er Annas und Annos Wohnung.
2025 er wird der Patenonkel von Felicitas
2029 lernt er seinen Lebenspartner Constantin kennen, der ist Chirurg
2036 heiraten Felix und Constantin
2061 Silberhochzeit, aber die wird von allen vergessen

Constantin *

1995 – Freund, später Lebenspartner von Felix, er ist Mediziner = Chirurg, er ist der Patenonkel von Benno

Kay

ist anfangs der größte Raufbold in der Klasse. Er ist von Annos Verhalten und Schweigen tief beeindruckt und die beiden werden Freunde, zu dieser Freundschaft kommt dann noch Felix dazu, später auch Anna. – Er wird nach der Schule Landschaftsgärtner und gründet zeitig eine Familie. Seine Frau heißt Sandra.

Sandra

ist die Frau von Kay und arbeitet in einer Reiseagentur; sie haben zwei Kinder, den älteren Bob und die kleinere Louise.


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2082 – Das letzte gemeinsame Weihnachtsfest

(Tut mir leid, heute halte ich die 1000er Wörtergrenze nicht ein, aber ich wollte den Beitrag nicht trennen)

Anno spürte, dass die Familie ein wenig auseinander zu bröckeln drohte. Dass Katharina und Benno kein Paar mehr waren, sah ein Blinder mit dem Krückstock. Er wusste auch, dass Christoph, ein guter Kolumnist bei verschiedenen Tageszeitungen, der neue Partner von Katharina ist. Seine Schwiegertochter hatte ihm nie etwas vorgemacht oder gar vorgelogen, um Harmonie vorzutäuschen. Sie hatte ihm manchmal erzählt, dass sie mit der selbstherrlichen Art von Benno nicht zurechtkam, er ließ nur seine Kunstauffassung für die richtige gelten, alle anderen – auch die seiner Frau – beachtete er viel zu wenig bis gar nicht.

In solchen Momenten dachte Anno an die Kindheit von  Benno zurück, als es wegen dessen Darmanomalie so viele Sorgen und so viel Gestank gab. Ob die Eltern damals zu viel falsch gemacht hatten? Ihn zu wenig oder zu viel verwöhnt hatten? Mit seiner Anna konnte er das nicht mehr besprechen – und geändert hätte es auch nichts mehr, also ließ er es auf sich beruhen.

Bei der Feli-Max-Familie schien noch alles in bester Ordnung zu sein, jedenfalls hatte noch keiner geklagt. Felix ging mit seinen 15 Jahren ganz strikt seinen Weg, war ein exzellenter Fußballspieler, war im Sportgymnasium und wollte Profifußballer werden. Wenn sein Taschengeld mal wieder nicht reichte, kam er zum Opa und bettelte ein wenig. Der Opa steckte ihm immer einen „anständigen“ Schein zu, der meist blau war und Kirchenfenster auf der Vorderseite zeigte. Mit einem gewissen Anstandsgefühl meinte dann Felix: „Opa, wenn ich erst Karriere mache, dann zahle ich dir alles zurück“. Worauf Anno schmunzelnd meint: „Du lässt mich dann mit der Stretch-Limousine abholen, wenn du hier im Olympiastadion spielst.“ – Dass er eine andere Stretch Limousine als Felix meinte, das wollte er ihm nicht auf die Nase binden, aber Anno spürte, dass sich seine Zeit auf Erden langsam dem Ende entgegen neigte. – Und bei Annika in der Küche gab es immer noch ein paar Extraleckerbissen für Felix, denn so ein schneller Sportler muss ja auch was Anständiges zu essen bekommen.

Sein „Paradeenkelkind“, die Cora, war ja nun auch schon 24 Jahre auf der Welt. Das Medizinstudium nahm sie nicht nur ernst, sondern es machte ihr auch großen Spaß. Durch das Auslandssemester in London war sie perfekt in dieser Sprache geworden. Sie liebäugelt sehr mit dem Gedanken, sich nach dem Studium für ein Jahr nach Afrika zu verpflichten, eventuell sogar für drei. Sie weiß, dass sie dort nur Verpflegung bekommen wird und eine primitive Wohnmöglichkeit, aber kein Gehalt. Sie will sich für ihre kleine Wohnung eine Studentin holen, die in der Zeit ihres Wegseins für die Kosten aufkommt und in der Wohnung wohnt. – Immer, wenn sie mal bei ihrem Opa und Annika vorbeikommt, geht das Gespräch um das Afrikaprojekt. – Kaum ist Cora wieder weg, fängt Anno ein kurzes, aber ernstes Gespräch mit seiner Frau an. „Sage mal, du hast doch nichts dagegen einzuwenden, wenn ich Cora für das Afrikajahr finanziell unterstütze, da sie ja dort kein Gehalt bekommt?“ Annika hatte eine eigene Rente, die nicht üppig, aber ausreichend war – so zeigte sie immer Verständnis für die finanzielle Großzügigkeit ihres Mannes seinen Enkelkindern gegenüber. „Natürlich, mach das, sie hat es wirklich verdient, wenn sie sich so sozial dort engagieren will.“ „Na gut, das ist für den Fall, dass ich es noch erlebe, wenn Cora nach Afrika geht. Aber sie studiert ja noch bis 2085 und ich habe das ganz üble Gefühl, dass ich dann nicht mehr da sein werde.“ Da bekommt Annika einen Riesenschreck, denn auch sie hat etwas Ähnliches geträumt. Sie versucht, sich nichts anmerken zu lassen und fragt ihn ganz ruhig, wie er denn darauf kommt. Anno erzählt ihr einen Traum, den er immer und immer wieder hat – der hat mit seiner Taufe zu tun. An die zwei kleinen Ferkel kann er sich noch erinnern. Aber er glaubt sich auch noch zu erinnern, dass eine Fee an seinem Bett stand und ihm 84 Lebensjahre versprochen hat – und davon sind 82 schon vorbei.  Und deswegen will er Cora in seinem Testament ganz besonders bedenken. Natürlich will er seiner Frau so viel vererben, dass sie in Ruhe ihren Lebensstandard bis zum Ende halten kann. Seine Kinder brauchen nichts, die verdienen beide bestens, also bedenkt er nur seine Enkel – Das macht er alles still und heimlich mit einem Notar aus, dann ist er zufrieden.

Weihnachten steht vor der Tür und die ganze Familie will wieder mal in einem Landhotel feiern, damit keiner den Stress mit der Kocherei hat. Von Katharina hat er sich gewünscht, dass sie die beiden Kinder zum Heiligabend beim Opa sein lässt – sie ist auch einverstanden, denn sie selbst möchte mit Christoph zusammen sein. Es wird vereinbart, dass sie die Kinder nach dem Frühstück am ersten Feiertag holt. – Benno kommt auch und freut sich, dass er nicht allein zu Haus sein muss.

Es wird ein sehr besinnliches Fest, dem irgendwie schon ein Abschied innezuwohnen scheint.

Am ersten Feiertag wird es Mittag, es wird Nachmittag und Katharina und Christoph sind immer noch nicht da. Gegen 11.00 Uhr hatte  sie angerufen und gemeint, dass sie sich jetzt beide ins Auto setzen und losfahren. Laut Navi sollen es 2 Stunden Fahrzeit sein.

Plötzlich klingelt es und Anna stürmt an die Tür, um ihrer Mutter gleich ihr tolles neues Phone zu zeigen, das sie als Gemeinschaftsgeschenk von allen bekommen hat – aber ein uniformierter Polizist steht vor der Tür. Obwohl schon 12, fängt sie vor lauter Angst gleich an zu weinen und ruft nach ihrem Vater.

Benno kommt, bittet den Polizisten herein und erfährt, dass sie beiden auf dem Glatteis in den Graben gerutscht sind. Ihnen selbst ist nichts passiert, aber sie müssen jetzt noch warten, bis das Auto wieder flott ist.

Er begleitet den Polizisten bis zum Auto, weil es ihm spanisch vorkommt, warum dann Katharina nicht selbst anruft, wenn sie nur einen Autoschaden haben. Und leider bewahrheitet sich sein Gefühl. Der Polizist meint, dass er das kleine Mädchen nicht mit der Wahrheit erschrecken wolle, die solle ihr lieber der Papa beibringen. Katharina war hinterm Steuer eingeklemmt und hat trotz Aufprallschutz schwere Brustkorbverletzungen. Doch es sieht so aus, als wenn sie auf jeden Fall überleben wird.

Am ersten Feiertag kann Benno seine beiden Kinder noch hinhalten, aber am nächsten Tag sagt er ihnen vorsichtig die Wahrheit. Sie packen alle schnell ihre Sachen und dann fahren die drei zum Krankenhaus, in das man Katharina eingeliefert hat. Sie musste gestern operiert werden, da eine gebrochene Rippe drohte, die Lunge zu verletzen. Sie sah zwar nicht gerade aus wie ein Filmstar, aber ein kleines Lächeln konnte sie für ihre Kinder schon auf die Lippen zaubern. Die Schmerzmittel waren und wirkten wirklich gut.

Anfang 2083 wurde sie aus dem Krankenhaus entlassen und wurde dann von ihren Kindern zu Haus liebevoll umsorgt. Christoph nahm sich zwei Wochen Urlaub für ihre „Pflege“ – und danach war (fast) alles wieder gut.

Das Jahr 1983 ist fast geschafft – das kann man im November ja mit Fug und Recht behaupten – da passiert wieder etwas. Weil das Wetter noch so mild ist – die Temperaturen sind fast wie im Süden Europas – erledigt  Anno kleinere Wege immer noch mit dem Fahrrad. Beim Auto ist er sich zu unsicher, weil seine Reaktionen nicht mehr schnell genug sind, doch auf dem Fahrrad fühlt er sich sicher. Annika verlangt immer und immer wieder von ihm, dass er sich einen Fahrradhelm anschaffen soll, aber auf diesem Ohr ist er taub. Klugschieter, wie er manchmal so ist, meint er: „So langsam, wie ich fahre, sieht mich jeder Autofahrer. Außerdem trage ich ja schon auf deinen Wunsch hin diese alberne Warnweste – also, was soll mir passieren?“

Dieses Gespräch fand auf den Tag genau eine Woche vor Annos Unfall mit dem Fahrrad statt. Er war auf dem Fahrradweg auf nassen Blättern ausgerutscht und ungebremst mit der Schläfe auf eine Kante gestürzt.

Die Polizisten, die vor Annikas Tür standen, fuhren sie sofort ins Krankenhaus. Doch dort hieß es nur warten und warten. Sie rief bei Felicitas und bei Benno an und hinterließ eine Nachricht auf dem AB. Dann wartete sie weiter, bis Anno aus dem Operationssaal kam. Er hatte sich mit den zertrümmerten Schläfenknochen das Gehirn verletzt und musste ins künstliche Koma versetzt werden, da absolute Ruhe notwendig war.

Annika half bei der Pflege ihres Mannes mit, wo sie nur konnte – sie wollte ihm einfach nur nahe sein.

Weihnachten erinnerten sich alle an das schöne Fest vom vergangenen Jahr, das auch mit einem Unfall endete. Doch der Unfall von Anno schien weitaus ernster zu sein. Die Ärzte meinten, dass Annos Gehirn so schwer geschädigt sei, dass er nur noch schwerstbehindert leben könnte.

Beide Kinder wussten von der Patientenverfügung und Annika kannte dieses Schreiben auch.


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2078 – Silberhochzeit um ein paar Jahre verschoben

Als alle zusammen saßen, um temporären Abschied von Cora zu nehmen – es hatte mit einem Gastsemesterplatz in London geklappt und sie bekam sogar ein Stipendium – kamen sie plötzlich auf Felix und Constantin zu sprechen. Plötzlich rief sein Namensvetter Felix the Second  in die Runde: „Sch…., wir haben total die Silberhochzeit von den beiden verpasst!“ In seinem zarten Alter von 10 Jahren liebte er Kraftausdrücke ganz besonders – seine Eltern versuchten mit mäßigem Erfolg, ihn davon wieder wegzubringen. – Na ja, sooooooooooo lange ist die ja auch noch nicht her, gerade mal läppische 17 Jahre. Alle lachten schallend, wussten aber genau, dass diese beiden Herren deswegen nicht sauer sind, dass sie nicht geehrt und beschenkt wurden. Aber jetzt wollten sich alle doch noch etwas einfallen lassen.

Nicht die Patenkinder Felicitas und Benno hatten die zündende Idee, sondern der 15jährige Jannis, der kleine Medienkünstler, unterstützt von Felix II. Beide zogen sich für eine Stunde ins Nachbarzimmer zurück und kamen mit diesem Entwurf in die Runde zurück. Alle johlten vor Vergnügen, da sie sich die beiden gutsituierten Herren, inzwischen Ende 70 oder sogar schon Anfang 80 vorstellten, wie sie mit ihrem schicken Mercedes und diesem Autoaufkleber durch die Gegend fahren. Sie besprachen, dass das Aufbringen auf das Auto fakultativ sein sollte – sie dürften sich das Ding auch auf den Spiegel kleben.

Sofort griff einer zum Telefon, um zu ermitteln, ob die beiden zu Haus sind. Unfairer Weise wurde die Nummer unterdrückt, denn es sollte ja eine Überraschung werden. Alle stiegen ins Auto, besorgten noch einen riesengroßen Blumenstrauß und standen als Großfamilie klingelnd vor der Tür. Sie wussten, dass sie keine Getränke mitbringen mussten, denn die waren immer in bester Qualität vorhanden.

Felix und Constantin schauten ganz irritiert auf den riesigen Blumenstrauß. Als alle im Chor sagten: „Herzlichen Glückwunsch zur Silberhochzeit, schlappe 17 Jahre zu spät!“ erstickten die beiden Senioren bald vor Lachen – aber als ihnen dann Jannis seinen Autoaufkleberentwurf präsentierte, kamen ihnen tatsächlich leichte Augenfeuchte ins Gesicht. Sie erklärten sich spontan damit einverstanden, das auf ihr Autoheck zu kleben und es wurde nur noch über die Größe verhandelt. – Es wurde ein wunder-, wunderschöner Abend – die spontanen Feste sind immer die besten.

Plötzlich fragte Constantin, warum denn Katharina eigentlich nicht dabei sei bei dieser schönen Feier. Da fühlten sich Benno und Jannis endlich bemüßigt, mit der Wahrheit herauszurücken. Alle wussten zwar, dass Katharina seit 2074 an der Kunstakademie in Berlin Dozentin ist, aber kaum einer wusste, dass sie dort einen Kollegen in ihr Herz gelassen hatte. Wahrscheinlich war dieses Herz schon lange Jahre zu einsam gewesen, denn Benno hatte immer nur seine Arbeit und seinen Erfolg im Kopf gehabt, nicht das traute Glück im Heim. Deswegen hatte ihn auch Katharinas Aussage über ihre neue Beziehung gar nicht gewundert. Dennoch wollten sie noch für einige Zeit als befreundetes Paar zusammen bleiben, um den beiden Kindern Eltern zu sein und ihnen ein relativ intaktes Zuhause zu bieten. Vier Jahre später lösten sie dann diese Vereinbarung – aber das ist hier noch nicht bekannt.

 

2080 – Jannis wird berühmt

Ein Siebzehnjähriger hat ja meist etwas anderes im Kopf als Worte. Viele aus Jannis Klasse waren oft schon sturzbetrunken auf der Straße aufgelesen worden. Andere hatten schon mehrere Drogenentzugsprogramme hinter sich. Die Perspektiven für die Jugend waren noch schlechter als für ihre Großelterngeneration, die schon um Ausbildungs- und Arbeitsplätze kämpfen mussten. Zum Glück hatte Jannis Eltern, denen es finanziell sehr gut geht und die ihm sämtliche Bildungsperspektiven eröffneten. Der neue Partner seiner Mutter, ein Dozent für Literatur und Sprachwissenschaften, unterstützte die Schreibversuche von Jannis sehr.

Eines Tages legte Jannis eine Kindergeschichte von einem Katzenfanten vor. Die fanden alle als Zwischending von Science fiction und Realität so urkomisch, dass sie Jannis drängten, sie doch irgendwo einzureichen – aber Jannis war schon durch und durch Künstler, fast schon Schriftsteller könnte man sagen, auf keinen Fall war er Organisator. Er ärgerte sich zwar mächtig über den verpatzten Abgabetermin – aber dann war sein Kopf schon wieder mit einer neuen Geschichte beschäftigt.

Deswegen wunderte er sich sehr, als er einen Brief vom Rundfunk zu Probeaufnahmen bekam. Er sollte einzelne Kapitel aus seiner „ClaCho-Geschichte“ lesen.

Vollkommen irritiert zeigte er diesen Brief am Abend seiner Mutter und als er Christoph grinsen sah, fiel es ihm plötzlich wie Schuppen aus den Haaren. Christoph hatte die Geschichte mit zur Arbeit genommen und an die entsprechenden Stellen zur Wettbewerbsauswertung eingereicht. Da er selbst in der Jury war, hatte er tunlichst vermieden zu erwähnen, dass Jannis der Sohn seiner Lebensgefährtin ist, mit der er immer noch nicht zusammen wohnt. Deswegen hatte Jannis auch eine andere Adresse – also fiel es nicht auf. Und Christoph war so fair, dass er sich bei der Beurteilung der Story raushielt. Als sich aber endgültig herauskristallisierte, dass Jannis den ersten Preis bekommt – da platzte er voller Freude raus: „Jannis ist der Sohn von Katharina. Und hätte ich nicht im allerletzten Moment die Geschichte von seiner Festplatte gezogen und ausgedruckt hier eingeflogen, dann könnten wir alle jetzt nicht auf diese Geschichte anstoßen.“ Er ließ schnell 3 Flaschen Sekt aus der Kantine holen – aber die Glückwünsche zu Jannis Erfolg wies er dann doch zurück, denn er hatte keinerlei Anteil an Jannis Talent.

Katharina nahm ihren Großen ganz stolz in die Arme und meinte nur: „Deine Großmutter hätte sich ganz sehr mit dir gefreut. Du weißt ja, wie gern sie immer gelesen hat!“ Worauf die 10jährige Anna – etwas die Tatsachen verdrehend – bemerkte: „Das hat die Oma von mir geerbt.“


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2075 Skandal – nicht im Sperrbezirk, sondern in

… der Familie.

In der Benno-Familie war ja im letzten Jahr mächtig viel los. Benno selbst hatte nach einem Bandscheibenvorfall durch seine schwere Arbeit das absolute Verbot seines Orthopäden bekommen, dass er nicht mehr mit Werkzeug an der Skulptur stehen dürfe. Da kam ihm die Berufung an die Kunstakademie Potsdam als Professor h.c. (er hatte ja kein Studium vorzuweisen, um auf diesen akademischen Titel Anspruch zu haben) gerade recht. Der Arbeitsweg war noch im Limit, um ihn täglich zu fahren. Schwierig wurde es erst, als auch Katharina eine Dozentenstelle angeboten bekam – allerdings nicht in Potsdam, sondern in Berlin. Im Normalfall schaffte sie es, Anna selbst vom Kindergarten zu holen. War der Stau auf dem Stadtring von Berlin aber mal wieder undurchdringlich, managte sie alles von ihrem Display im Auto. Für solche Fälle gab es einen Kinderbetreuungsdienst mit einsatzbereiten Großmüttern, die dann einsprangen. Jannis mit seinen 11 Jahren sollte mit solchen Pflichten nicht überfordert werden. – Und Anna war sehr kontaktfreudig und hatte bisher auch noch nie über eine Oma vom Großelterndienst geklagt.

Jetzt aber weiter zum Skandal: „Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.“ Annika und Anno sind ja jetzt schon reichlich 3 Jahre ein glückliches Paar.

Anno, der kleine Sparfuchs meint, dass er ja nicht seine Rente verfallen lassen müsse, wenn er die Augen schließt – schließlich ist diese Rente ein schönes Sümmchen, da er sich immer gut zusatzversichert hat. Aber für seinen Antrag bei Annika überlegt er sich natürlich einen romantischeren oder witzigeren Grund.

Er meint: „Liebe Annika, auf die Knie falle ich nicht, um dich um deine Hand zu bitten, denn du sollst ja nachher keinen Invaliden vorfinden, der aus dieser unglücklichen Stellung nicht mehr hoch kommt – aber ich möchte von ganzem Herzen für den Rest meines Lebens mit dir die drei berühmten Ls genießen: LEBEN, LACHEN und LIEBEN. LUST und LAUNEN bekommst du noch als Zugabe dazu – ich habe auch schon schöne Ringe gesehen!“ – ‚Annika schaut ihn mit großen Augen an, nimmt ihn in den Arm, strahlt ein glückliches JA und …. und … dann lassen sie die Jalousien herunter, um, na um Mittagsschlaf zu machen, was denkt ihr denn sonst.

Annos Feier zum 75. Geburtstag ist für ihn der Anlass, von seiner geplanten Eheschließung zu berichten. Er hatte mit freudigem Applaus gerechnet – schließlich kommt Annika gut mit allen aus und wird sich bei Notzeiten sicher auch gut um ihn kümmern – aber die Tochter und der Sohn gucken erst einmal scheel. Den Schwiegerkindern spielt ein freudiges Lächeln um die Lippen, was sie sich aber nicht trauen, offen zu zeigen, da ja die Angetrauten so einen sauertöpfischen Gesichtsausdruck aufgesetzt haben. Anno will schon ungehalten werden und irgendetwas von Erbschleichern murmeln, da beruhigt ihn Annika wieder. Sie baut auf die Wirkung der Zeit. Und richtig, nach einiger Zeit ist dieser Skandal in den Köpfen seiner Kinder verdaut und sie gönnen ihrem Vater dieses Hochgefühl, das sich bald in einer Hoch-Zeit ausleben wird.

Felicitas beruhigt sich noch schneller als ihr Bruder über die Eheaussichten ihres Vaters – sie sieht tatsächlich stärker den Vorteil, dass sie sich nicht um ihren kranken Vater kümmern müsste, da sie beruflich sehr stark eingespannt ist. – Obwohl sie erst 5 Jahre in Berlin unterrichtet, bot man ihr die Stelle der stellvertretenden Direktorin an dem bekanntesten naturwissenschaftlichen Gymnasium an. Nach kurzer Überlegungszeit willigte sie ein, da sie sich alle familiären Pflichten wunderbar mit Maximilian teilen konnte – er war ein exzellenter Hausmann, der die leckersten Gerichte auf den Esstisch zauberte. Und seine Kuchen waren reineweg preisverdächtig. Er hat das „Familienzepter“ schon hoch und runter gekocht – und alles wurde von seiner Familie wohlwollend verspeist.

Dass ihre Chefin allerdings nach kürzester Zeit aus gesundheitlichen Gründen ausfiel – das hatte Felicitas  nicht eingeplant. Als sie ein halbes Jahr alles allein gemacht hatte, unterbreitete sie von sich aus dem Schulrat das Angebot, die Direktorenstelle zu übernehmen, damit man eine neue Stellvertreterin bestallen konnte. Und da hatte sie auch schon eine im Sinn, nämlich eine Studienfreundin aus Dresdner Zeiten, die Berlinerin war. Sie hatten sich zwar aus den Augen verloren – aber schnell war der Kontakt hergestellt und sie war auch einverstanden.

 

2077 – Mit 77 Jahren …

Das Lied von einem bekannten Sänger aus der Zeit vor ca. 100 Jahren „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“ war immer noch bekannt.

Annos gesamte Familie stand an seinem Geburtstag vor der Tür und schmetterte:

„Mit 77 Jahren, da fängt’s zwar nicht erst an, mit 77 Jahren, hat Anno Spaß daran …“

Da kamen ihm doch glattweg die Tränen der Rührung, obwohl er sonst gar nicht rührselig war – denn er liebte seine Kinder und Kindeskinder sehr. Er hatte das Gefühl, er konnte auf alle von ihnen stolz sein, denn jede und jeder ging seinen Weg, machte das aus seinem Leben, was in der eigenen Vorstellung lebte.

Seine älteste Enkeltochter Cora hatte gerade ein hervorragendes Abitur abgelegt – sie trat  ganz und gar in die naturwissenschaftlichen Stapfen ihrer Eltern, allerdings in medizinisch eingefärbte Stapfen. Im letzten Schuljahr hatte sie sich an einem Innovationswettbewerb beteiligt und einen sehr, sehr guten zweiten Preis bekommen. Von diesem Geld konnte sie sich ein Auslandssemester an einer englischen Universität leisten, wenn Papa und Mama und Opa noch ein wenig zuzahlten. Dazu waren alle bereit – und so startete ein wunderbares Fest – ein hervorragend bestandenes Abitur und ein toller 77jähriger EhemannVaterSchwiegervaterOpa wurden ausgiebig befeiert.

Als der ganze Trubel mit der damit verbundenen Aufregung vorbei war, schnappte sich Anno seine Annika und sagte nur: Überraschung. Trotz seines Alters konnte er noch hervorragend Auto fahren und sie fuhren in ein kleines brandenburgisches Landhotel für ein sehr schönes Wochenende. Er ging mit Annika in eine Kirche, die für ihn mit besonderen Erinnerungen verbunden war, aber darüber sprach er nicht mit ihr – die waren tief in seinem Herzen eingeschlossen, und dort bleiben sie auch. Noch nicht einmal euch erzähle ich sie.

Er zeigte ihr diesen wunderschönen Leuchter und sagte zu ihr: 77 Kerzen hat er nicht, aber wenn du die Anzahl der Kerzen zählst, dann weißt du, in welchem Alter ich das erste Mal in dieser Kirche war. Und seitdem ist sie etwas Besonderes für mich. – Seit damals war ich nicht wieder hier – du bist jetzt die erste, die diese Erinnerung mit mir teilen darf.

Annika nahm ihn liebevoll in den Arm, drückte ihn und hauchte ihm einen ganz zarten Kuss auf die Wange. Sie wusste instinktiv mit dem Wissen einer liebenden Frau, dass diese Erinnerung etwas mit Anna zu tun haben muss und dass sie den Teufel tun wird, daran zu rühren oder danach zu fragen. Nur Anno sollte entscheiden, ob er darüber sprechen wollte oder nicht – und er wollte nicht.


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2071 – Der Haken mit der Beleuchtung

Seine Oparechte und –pflichten an Felix nimmt er gern wahr, aber meist ist der Junge ja doch in der KITA. Aber wenn Felix krank ist, kommt er gern zu Opa Anno kuscheln und lässt sich stundenlang von ihm Bücher vorlesen. Die anderen arbeiten wie die Weltmeister und Cora ist in Berlin aufgeblüht wie eine Rose, die vorher geschlummert hat – die hat also erst recht keine Zeit für ihren Opa. Also muss der sich seine Freizeitbeschäftigungen selbst suchen.

Eines Tages ist er in den Abendstunden unterwegs und seine Beleuchtung ist defekt. Na gut, die zwei km fahre ich dann eben auf dem Fußweg. Gedacht – getan – gestrampelt – uuuuuuuuund gebremst. Eine etwas jüngere und sehr attraktive Dame hält ihn an, zeigt ihren Ausweis vom Ordnungsamt und will ihm einen Strafzettel schreiben.

Aber sie hat nicht mit Annos Beredsamkeit, aber auch nicht mit seinem Charme und seinem Humor gerechnet. Er redet, als wenn er seine Seele vor dem Schafott retten müsste – dabei geht es doch nur um einen Strafzettel von 15,00 €. Die Ordnungshüterin muss immer mehr lachen – so einen lustigen Delinquenten hatte sie schon lange nicht mehr gehabt.

Anno merkt, dass er Oberwasser bekommt und meint: „Damit Sie nicht denken, mir ginge es darum, das Geld einzusparen, lade ich Sie an einem Tag Ihrer Wahl in ein Lokal Ihrer Wahl zum Abendbrot Ihrer Wahl ein – nur dem Staat will ich das Geld nicht in den Rachen werfen.“ – Sie wird leicht rot – denn so eine charmante Einladung hat sie schon lange nicht mehr bekommen. Voriges Jahr hat sie ihren 60. gefeiert – danach regnet es keine Essenseinladungen mehr. Ihr Salär beim Ordnungsamt ist auch nicht exzellent zu nennen – also denkt sie, was vergebe ich mir? Sie willigt ein, sie tauschen Telefonnummern aus – und dann besteht sie lediglich darauf, dass er sein Fahrrad nach Haus schiebt. – Wie ihr seht, das Ordnungsamt ist auch bestechlich!

Das hätte Anno sowieso gemacht, denn er muss ja darüber nachdenken, was er gerade „angerichtet“ hat.

Zu Haus gießt er sich ein Bier ein und schmunzelt in sich hinein. Er meint, seine Anna wäre stolz auf ihn gewesen.

Das Abendessen mit der netten Dame vom Ordnungsamt war wunderbar. War es ein wenig der Wein, der beiden zu Kopf stieg, war es die Sehnsucht, weil sie beide schon eine längere Zeit allein waren – wer weiß das schon immer so genau und vor allem, wer hat ein Recht darauf, das genau zu wissen? Irgendwann stießen sie mit ihren Gläsern an und wollten Brüderschaft oder auch Schwesternschaft trinken. Fast gleichzeitig sagte der eine „Anno“ und die andere „Annika“ – und dann prusteten sie beide los vor Lachen.

Natürlich erzählte Anno von seiner Frau Anna, die er schon noch sehr vermisste, aber irgendwie findet er jetzt die Gegenwart auch wieder schön.

 

2073 – Zeit für ein spätes Hobby

Wie das so in positiv verlaufenden Erzählungen ist – zumindest so im Großen und Ganzen positiven – haben die beiden einen Narren aneinander gefressen. Die 10 Jahre jüngere Annika kitzelt aus ihm mancherlei Höchstleistungen heraus, die Anno schon vergessen glaubte – nicht nur beim ??? hmhmhm Fahrradfahren. Anno besinnt sich auf ein früheres Hobby, das er wegen Familienpflichten vor Jahren wieder hatte sausen lassen müssen. Er kauft sich eine komplette Angelausrüstung und fährt an den Vormittagen, an denen Annika ihrem Berufsleben nachgeht, mit dem Fahrrad an einen See in der Nähe.

Kommt er mit einem besonders kapitalen Fang nach Hause, dann sind Annikas Kochkünste gefragt. Die beiden haben ihre Wohnungen behalten, aber ziehen schon mal wochenweise mit Sack und Pack zu dem anderen und spielen dann „Probeehepaar“

Ich gebe ja zu, dass dieses Foto nicht die heimische TropenFischwelt zeigt, aber ich hatte kein passenderes Foto in der zutreffenden Kalenderwoche parat.

 

 

 

 


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2070 – Ein Remake von Täve Schur

Die ersten Tage und Wochen nach Annas Tod lief Anno herum wie Falschgeld – ständig und überall war er sich selbst im Weg, immer wieder saß er grübelnd am Küchentisch. Er will und wollte nicht begreifen, warum seine Anna VOR ihm gegangen ist, er hätte das gern umgekehrt gehabt. Immerhin hatten sie sich fast 65 Jahre gekannt – eine echt stolze Leistung.

Doch irgendwie und irgendwann kehrte der Lebensmut zu ihm zurück. Zuerst gab es unheimlich viel zu tun, weil er das ganze Haus ausräumen musste. Er wollte ja seiner Tochter nicht ein runtergekommenes Haus vererben und seinem Schwiegersohn keinen vollgerümpelten Keller. Doch irgendwann waren auch das und einige Umbauten geschafft, seine kleine Wohnung hatte er sich ganz gemütlich eingerichtet. Nur noch in sehr trüben Momenten denkt er leise für sich: „Wofür eigentlich das alles, das lohnt sich doch gar nicht mehr, ich werde doch auch bald sterben und zu meiner Anna gehen.“

Diese Familie hat eine besondere Begabung dafür, im richtigen Moment die richtigen Register zu ziehen. Ein Anruf zeigt ihm die Nummer von Benno und Katharina. Da sich meist der kleine Jannis ans Telefon hängt, um seinen geliebten Opa anzurufen, sagt er auch gleich: „Na, mein Kleiner, wo brennt’s denn heute wieder!“ – Kaum ausgesprochen, tut es ihm schon Leid, denn seine oft recht strenge Schwiegertochter ist dran, die auch gleich nachhakt: „Ach, Jannis beklagt sich wohl immer bei dir, wenn ich ihm die Ohren lang gezogen habe, weil er wieder was ausgefressen hat???“ Doch dann lacht sie ganz laut und herzlich, so dass Anno sofort merkt, dass das nur ein Joke war. Dennoch wundert er sich, denn Katharina ruft so gut wie nie an – das lässt sie immer Benno machen. – Sie kommt auch ziemlich schnell zur Sache: „Hättest du denn ernsthaft etwas gegen noch ein Enkelkind einzuwenden?“ Sie kennt seine sprichwörtliche Liebe zu Kindern und weiß, dass das eine rein rhetorische Frage ist. Der nächstältere Enkel, Felix, ist inzwischen vier – da ist wieder Platz und Zeit im Herzen für Nachschub. Katharina sieht förmlich seine Augen blitzen. „Wirklich, bist du schon schwanger oder willst du es erst werden?“, fragt er ganz aufgeregt. „Ich bin Ende des vierten Monats – und dann schweigt sie. Und Anno beißt sich auf die Fingerkuppen, ob er fragen soll oder ob lieber nicht. Ca. 10 Sekunden lässt ihn Katharina zappeln, dann platzt sie heraus: „Es wird ein Mädchen, dann ist es ganz gerecht verteilt mit 2 Enkelsöhnen und 2 Enkeltöchtern.“ Anno muss sich vor lauter Freude erst mal bequem hinsetzen. Er stellt auf Raumton, stellt den Videobildschirm an und springt dann doch wieder auf, um sich ein Bier zu holen. – Und noch etwas ist in dieser Familie verbreitet: Der sechste, siebente oder achte Sinn. Und prompt platzt Anno damit heraus: „Und ihr habt zufällig nicht etwa mit dem Namen Anna für die Kleine gespielt?“  – Als Katharina das etwas erstaunt zugibt und ihn dabei genau auf dem Bildschirm beobachtet, ist sie sofort verunsichert, als er sich wegdreht, so dass sie nur seinen Rücken sehen kann. „Die muss ja jetzt nicht sehen, dass ich mir eine Träne aus dem Augenwinkel wischen muss“, denkt Anno, hat sich aber gleich wieder im Griff. Er lässt sie noch ein wenig zappeln und meint: „Ich muss mal heute Abend mit Anna im Abendgebet Rücksprache halten, ob sie hier wieder als Klein-Anna herumspuken will.“ – Fünf Minuten später, kurz vor dem Ende des Telefonats, meint er schelmisch: „Ich hab das Abendgebet vorgezogen und verkürzt – Anna freut sich und sie meint, was Felix beschert wurde, nimmt sie auch gern als Geschenk an.

Der Umzugstag ist da, die Dresdener kommen. Cora bückt sich zu ihrem Opa runter, um ihn zu umarmen. Nur der kleine Felix II ist zum Glück noch kleiner als der Opa. Er spricht mit seinen drei Jahren ein ziemlich astreines Sächsisch. Auch wenn Felicitas das verhindern wollte, gegen den Dialekt des Papas und der KITA kam sie nicht an. Jetzt hofft sie nur, dass der Kleine nicht nahtlos in den Berliner Dialekt wechselt, denn den findet sie auch nicht schöner.

Gleich neben Annos neuer Wohnung ist eine Fahrradwerkstatt, die viele gute Fahrräder verleiht oder auch nach Aufarbeitung verkauft. Zuerst schleicht Anno nur interessehalber daran vorbei, dann leiht er sich eines aus, dann auch mal ein anderes – dann kauft er sich eines – und dann ist er im Sommer sehr oft per Rad unterwegs. Er schließt sich einer Radwandergruppe an und hat sehr, sehr viel Spaß daran. Von seinen Kindern wird er schon schmunzelnd aufgezogen: Du bist ja der zweite Täve Schur – das war lange vor seiner Geburt ein sehr berühmter Radrennfahrer in seinem Land. – Anno lässt sich solche Witzeleien gern gefallen, denn sie schmeicheln seinem Ego.

Anfang November ist es dann soweit – Anna liegt bei ihren glücklichen Eltern im Körbchen oder im Bett und der „große“ Bruder Jannis mault: „Und wann kann ich endlich mit der spielen? Die schläft ja nur, wenn sie nicht gerade schreit oder schluckt!“ – Soooooooo langweilig hatte er sich das mit einer Schwester nicht vorgestellt.

(Da ich das zugehörige Fahrradfoto nicht finde, gehe ich fremd und nehme ein anderes.)


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2068 – Abschied

Anfang 2067 war es so weit – das Kind von Felicitas und Maximilian signalisierte deutlich: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ Die Mutter war froh, denn allmählich wurde es ihr zu beschwerlich, immer so eine Kugel vor sich herzuschieben. Der Vater wollte endlich definitiv wissen, ob sich die Ärzte mit ihrer „Maskulin-Prognose“ auch nicht geirrt hatten und Cora wollte endlich von ihren Klassenkameraden beneidet oder bedauert werden, dass sie jetzt so eine kleine Blage in der Wohnung oder sogar am Hals hatte.

Es ging alles glatt. Ihre Mutter hatte am Telefon voller Freude gesagt: „Feli, so ist das im Leben, ein Leben kommt, ein Leben geht. Doch ganz so weit ist es bei mir noch nicht, der Befund sieht so aus, als wenn ich noch ein Jahr lang meinen Enkel werde aufwachsen sehen. Wie heißt er denn übrigens?“

Als Felicitas sagte: „Felix the second“, musste ihre Mutter schallend lachen. Felix als Namen konnte sie voll und ganz verstehen, denn ihre Tochter hing an ihrem Patenonkel wie mit Pech und Schwefel angeklebt. Sicher war es auch nicht schwer, Maximilian und Cora von dieser Namenswahl zu überzeugen, denn der ältere Felix hatte sich immer ins Familiengeschehen eingeklinkt, wenn er gebraucht wurde. Sie bemerkte nur noch: „‘the second‘ meint ihr aber nicht ernst, oder bekommt euer Sohn eine römische 2 hinter seinen Namen?“ – Da Mutter und Tochter immer über Videotelefonie in Verbindung standen, sah die Mutter das typische Grinsen auf dem Gesicht ihrer Tochter und wusste Bescheid.

Felicitas, die jetzt im Mutterurlaub ist, reist so oft wie möglich nach Berlin, um sich mit ihrer Mutter zu unterhalten und mit dem Vater einiges zu organisieren. Anna ist von Felix II hellauf begeistert: Er schrie wenig, trank wie ein Weltmeister, schlief sehr viel und lachte ganz zeitig über das ganze Gesicht, wenn sich Anna über ihn beugte. – Fast hätte sie es bereut, dass sie sich nicht noch einige Lebenswochen „erkauft“ hat, doch diese Gedanken waren schnell wieder vorüber.

Eines Tages kamen die Eltern von Felicitas mit dem Vorschlag, dass sie gern ihr Haus an ihre Tochter samt Familie übergeben würden. Anno wollte nach dem Tod von Anna auf keinen Fall länger in diesen Wänden wohnen bleiben, die so viele Erinnerungen für ihn bargen. Eine kleine Wohnung in ruhiger Lage war ihm schon versprochen worden.

Für Maximilian würde ein Institutswechsel nicht das größte Problem darstellen, Cora hätte sicher auch nichts dagegen, in die Hauptstadt zu ziehen – also war es an Felicitas, ob sie sich mit über 40 Jahren diesen Wechsel vorstellen könnte. Sie war ja inzwischen ins Lehrfach gegangen, so dass sie garantiert eine Schule finden würde, die eine sehr engagierte Mathematik- und Physiklehrerin suchen. Doch suchten auch die Berliner Schüler eine Lehrerin, die sehr streng ist und unnachgiebig auf Leistung pocht??? – Sie versprach, darüber nachzudenken.

Beim nächsten Besuch sagte sie zu – doch alles sollte natürlich erst über die Bühne gehen, wenn Anna nicht mehr lebt. Deswegen wurden solche Sachen auch nur mit dem Vater in der Küche besprochen, so dass Anna nicht lauschen konnte.

Felicitas fuhr auch ab und an bei ihrem Bruder in Brandenburg vorbei, um zu sehen, wie sich ihr Neffe Jannis so entwickelt. Er war wirklich das putzigste und lustigste Kind, das sie kannte. Fast in der „Prärie“ aufzuwachsen, auf Hund oder Pferd abwechselnd seine Reitkünste zu trainieren – kaum ein Kind hatte mehr Freiheiten. Die Steinmetzfiguren seiner Eltern waren oft imaginäre Spiel- und Phantasiepersonen für ihn. Einfach prächtig!!!!

Im Sommer 2068 trat dann das ein, womit alle schon längere Zeit gerechnet hatten, denn Anna war nur noch ein Schatten ihrer selbst. – Als Claudia das Familienzepter abgegeben hatte, war Anna mit Leib und Seele in diese Rolle geschlüpft – doch jetzt gab sie es weiter an ihre Tochter Felicitas, die es mit Tränen in den Augen annahm. Es war zwar kein richtiges Zepter – schließlich sind wir hier nicht bei den Royals – sondern es war ein handgeschriebenes Buch „geheimer“ Familienrezepte. Weil Rezepte und Zepter ja so ähnlich klingen, hatte Benno mal als ganz kleiner Junge das Zepter, von dem er immer hörte, haben wollen, um ein richtiger König zu sein. Seit dieser Zeit nannten es alle so.

Felicitas war zwar nicht die größte Köchin vor dem Herrn, stattdessen gestattete sie später ganz großzügig ihrem Mann, dass er das Buch ebenfalls benutzen dürfe, um danach zum Beispiel die berühmten Domini-Pfefferkuchen zu backen, von denen ganze Generationen schwärmen.

Der 5jährige Jannis, der als einziger „Mann“ in der Familie auf lange Haare stand, schmückte das Grab seiner beiden Omas –Anna war seine Oma und Claudia, die er nicht mehr kannte, seine Uroma. Da alle mit Uropa Johannis an einer Stelle lagen, ließ er sich zeigen, wie er mit Kastanien OMA oder UROMA schreiben soll. Und mit der größten Inbrunst legte er um alles ein großes Kastanienherz zum Abschied.

Außer dem Schmerz um den Verlust seiner Frau quälte Anno aber noch etwas ganz anderes, nämlich der Ärger über idiotische Nachbarn. Wer es genau gewesen ist, der das Gerücht aufgebracht hatte, Anna hätte in ihrem Schmerz und in ihrer Not ihren Tod durch eine Überdosis Morphium selbst herbeibeigeführt, wusste er nicht – doch gleich nach dem Tod hörte er überall das Getuschel: „Frau Domini hat sich das Leben genommen. Frau Domini hat ihr Leben nicht mehr ausgehalten, vielleicht hat er ja eine andere …“ usw. usf. Anna war mit ihrer Diagnose natürlich nicht hausieren gegangen – und Menschen sind ja so unglaublich schlechte Beobachter. – Jedenfalls war das Gerücht der Versicherung zu Ohren gekommen und die hatten natürlich erst einmal „Stopp“ gesagt. Anna wurde tagelang in der Gerichtsmedizin untersucht, bis zweifelsfrei festgestellt werden konnte, dass die eingenommene Dosis tatsächlich an die vorhandenen Schmerzen angepasst war. – Der Tod war einfach irgendwann gnädig – nur die Nachbarn waren das nicht. Anno hatte in einem Musikbuch seines Urgroßvaters mal ein Lied gefunden, dass ihm jetzt sofort in den Kopf kam und er es etwas für sich abänderte: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es den blöden Nachbarn nicht gefällt!“ – In den nächsten Tagen konnte er beobachten, wer einen Bogen machte oder auf die andere Straßenseite ging, wenn er kam – einigte sich dann aber mit sich selbst, dass Dummheit einfach durch Missachtung gestraft werden sollte.